Marginalie zu Band II/ Seite 278 bis 298 bis 317.
14.11.03
Prauss unternimmt es hier zuerst, die Widersprüchlichkeit der üblichen Vorstellung unserer Wahrnehmung zu verdeutlichen, die wahrscheinlich zur Erfindung der Fotographie geführt hat, dass z.B. das Abbild eines Baumes wie durch die Linse des Fotoapparates also auch durch unser Auge und über viele Nervenbahnen in unser Gehirn gelangt und dort von uns abbildmäßig dann wahrgenommen werde, und er versucht dann, die Denkbarkeit einer widerspruchsfreien Vorstellung des Diesseits am


Beispiel der Denkbarkeit von Kraft- und Wellenfeldern durchzuführen.
Dabei könnte wegen der oft schwierigen Formulierung der fälschliche Eindruck entstehen, als geriete Prauss dabei nun selbst in Widersprüche: als wären es seiner Meinung nach besonders modulierte elektromagnetische Wellen aus dem Jenseits, die unser Bewusstsein ausmachen und affizieren. Natürlich Unsinn, genau das meint er eben nicht.
Prauss, Bd.II/1,Seite 309:
Aus
unserer Sicht vertritt er (der falsche Theoretizismus [eingefügt von
mir]) damit nämlich, daß in jedem Fall
empirisches Erkennen letztlich das Erkennen von Ansichsein sei, was schlechterdings unmöglich ist.
Prauss, Bd.II/1,Seite 311:
Denn keineswegs tritt solche Affektion erst immer
innerhalb von irgendeinem Fremdverhältnis zwischen zueinander Anderem auf, wie
etwa als die Affektion eines Subjekts durch das Empirische des Artefakts bzw.
durch das Nichtempirische des ihm zugrunde liegenden Ansichseins.
Aber dieses »erst immer« könnte in der Tat zu Missverständnissen führen, als träte solche Affektion nicht „erst“ im Diesseits sondern bereits vorher vom Jenseits als dem Ansichsein her auf, nämlich als die Kraft, als die Bewegung ohne Bewegtes. Aber auch nach Prauss ist und bleibt dieses als widerspruchsfreie Denkbarkeit im Rahmen der Selbsterkenntnis immer das Diesseits.
Prauss, Bd.II/1,Seite 278
Bevor wir von der Zeit her nochmals einen Durchgang
durch die Systematik des Subjekts beginnen, nunmehr handlungstheoretisch,
sollten Sie zunächst sich vergewissern, welchen Stand wir jetzt gewonnen haben.
Da das Psycho-physische Problem nach vorigem gelöst ist, kann es letztlich auch
kein «Affektionsproblem« mehr gehen, woran Kant mit seiner Theorie der Empirie
angeblich scheitert. Voll vor Augen führen sollten Sie sich aber, welchen Grund
es hat, daß dieses ,,Affektionsproblem« vielmehr ein selbst-gemachtes
Scheinproblem ist, einen Grund, der weder Kant noch seinen Auslegern bis heute
klar geworden ist.
Liegt dieser Grund doch darin, daß bis heute
letztlich alle das Erkennen als die Theorie im Sinn des falschen Theoretizismus
jener «Theoria« aufzufassen pflegen. Niemand scheint bisher auch nur entfernt
zu ahnen, daß im Sinn von einzig wahrem Praktizismus vielmehr auch Erkennen
oder Theorie bereits von Grund auf Handeln oder Praxis sein muß, eine Einsicht,
zu der Kant schon unterwegs war. Mindest soweit nämlich war er zu ihr
fortgeschritten, als er grundsätzlich schon eingesehen hatte, daß nicht etwa
das Erkennen vom Erkannten abhängt, sondern umgekehrt gerade das Erkannte vom
Erkennen. Ist nach Kant doch das Erkannte das Ergebnis des Erkennens, was
zuletzt nur heißen kann, daß es Erfolg von ihm als Intendieren ist und damit
letztlich Artefakt durch es als Handeln. Keinesfalls ist Kant zufolge etwa das
Erkennen das Ergebnis des Erkannten, das als ein schon immer wirkliches Objekt
dieses Erkennen im Erkennenden hervorruft, wie man schon seit jeher und trotz
Kant noch immer meint. Das könnte nämlich nur bedeuten, daß es das Erkannte
sei, das etwas unternimmt, was die Erkenntnis von ihm zum Ergebnis hat, und
somit letztlich selber dafür sorgt, daß es erkannt wird, was absurder Animismus
wäre. Vielmehr ist, was etwas unternimmt, ausschließlich das Erkennende als
Intendierendes, das denn auch immer nur und immer erst, wenn es Erfolg hat, das
durch sich Erkannte als das durch sich Intendierte dann zu einem wirklichen
Objekt hat, und das heißt: zu einem Artefakt durch sich. Denn hat
1 Vgl. dazu oben §3, 5. 87ff.
278
es Mißerfolg, so hat es zwar auch dabei etwas zum
Objekt, weil es auch dabei etwas intendiert, doch hat es dieses Etwas dann
gerade nicht zu einem wirklichen Objekt und somit nicht zu einem Artefakt durch
sich.
Da dieser Praktizismus des Erkennens als der Theorie
jedoch von Kant nicht systematisch durchgeführt wird, bleibt er weiter anfällig
für jenen falschen Theoretizismus, der im »Affektionsproblem« als einem
Scheinproblem sich äußert: Wie soll denkbar sein, daß auch das Objekt des
Erkennens als ein wirkliches Objekt erst immer Artefakt dieses Erkennens sein
kann, wenn es doch schon immer das sein muß, was dem Erkennen seinen Inhalt
liefert, dadurch nämlich, daß es das Erkennende schon immer affiziert, was es
jedoch nur als schon immer wirkliches Objekt vermögen könne? Ein Erkennen eines
ganz bestimmten Objekts nämlich sei ein Intendieren doch nur dadurch, daß es
einen ganz bestimmten Inhalt hat und daß es diesen ganz bestimmten Inhalt dabei
auch von eben diesem ganz bestimmten Objekt her hat. Denn was wäre
selbstverständlicher, als daß ein Fall wie »Dies ist rot« bzw. »Dies ist rund«
oder »Dies ist ein Baum« nur dann der Fall eines Erkennens dieses Baumes oder
dieses Runden oder dieses Roten sei, wenn es auch eben dieses Rote oder dieses
Runde oder dieser Baum ist, was ihm dabei seinen ». . . Baum«-Gehalt bzw. »... rot«-Gehalt bzw. »... rund«-Gehalt verschafft?
Trotz seines Fortschritts in die Richtung jenes
Praktizismus aber bleibt Kant diesem falschen Theoretizismus letztlich wehrlos
ausgeliefert. Seiner zu erwehren vermöchte Kant sich nämlich erst, wenn er ihm
auch noch eine Lösung jenes Psycho-physischen Problems entgegensetzen könnte,
über die er aber nicht einmal in Ansätzen verfügt. Denn auch durch sie erst,
die geradezu den Grundstein dafür bildet, könnte Kant sich seines Praktizismus
so weit vergewissern, um ihn durchzuführen und auf solche Weise gegen diesen
falschen Theoretizismus durchzusetzen. Jedenfalls geht aus der Lösung, wie wir
sie im vorigen gewonnen haben, Punkt für Punkt für Sie hervor, daß jeder solche
Theoretizismus grundverfehlt sein muß.
Nicht im geringsten kann danach die Rede davon sein,
ein Fall wie »Dies ist rot« bzw. »Dies ist rund« oder »Dies ist ein Baum« könne
nur dann der Fall eines Erkennens dieses Baumes oder dieses Runden oder dieses
Roten sein, wenn eben dieses Rote oder
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dieses Runde oder dieser Baum es sei, was ihm dabei
den ».... Baum«-Gehalt oder den ». . rund“-Gehalt oder den »...rot«-Gehalt verschafft, indem es das
Erkennende dabei auch immer schon entsprechend affiziert. Und zwar allein schon
deshalb nicht, weil es von Grund auf unerfindlich bleiben muß, was es bedeuten
könnte, daß ein jeder solche Fall seinen Gehalt von seinem Objekt her hat, wo
doch keiner dieser Fälle jemals etwas Rotes oder etwas Rundes oder gar ein Baum
sein kann.
Behelfsmäßig kann man sich klarmachen, dass es so nicht sein kann, wenn man bedenkt, dass Photonen keine Farbe haben und weder hell noch dunkel sind und auch nicht in einer Raum- und Rundformation im Auge ankommen. Und selbst wäre es so wie bei der Kamera, dann müsste immer noch jemand dieses Abbild im Hirn ansehen; und dort finge das Problem erneut an und zwar als unendlicher Regress.
Vermag er das doch auch weder im ganzen noch im
einzelnen von irgendeinem seiner innerlichen Aufbaustücke, sei es Anschauung
oder Begriff bzw. Urteil. Denn der Abgrund und Hiat zwischen Mentalem oder
Psychischem und Physischem oder Somatischem, den unsere Lösung voll
berücksichtigt, hält sich auch bis in jede inhaltliche Einzelheit auf jeder
seiner beiden Seiten durch, von denen keine mit der anderen in irgendeinem Sinn
vergleichbar werden kann.
Doch damit längst noch nicht genug.
Nicht im geringsten kann danach des weiteren die Rede
davon sein, es müsse das Objekt, - das dem Erkennen von ihm
angeblich den Inhalt liefere, indem es das Subjekt als das Erkennende schon
immer affiziere - ein schon immer wirkliches Objekt sein, weil doch Affektion
als die Verursachung oder Bewirkung dieses Inhalts auch nur von etwas schon
immer Wirklichem ausgehen könne. Denn wovon diese Verursachung oder Bewirkung
dieses Inhalts dabei ausgeht, ist gerade nicht etwas schon immer Wirkliches als
etwas immer schon Bestehendes, wie Sie im vorigen gesehen haben. Ist doch das,
wovon sie ausgeht, nicht einmal das immer schon Bestehende des jeweils eigenen
Körpers oder Leibes eines Subjekts - ganz zu schweigen das von anderen.
Mit Körper
oder Leib sind natürlich nicht nur die bewegungsfähigen Muskeln und auch nicht
nur die Sinnesorgane gemeint, sondern auch das Gehirn mit seinen grauen Zellen,
worauf Prauss jetzt noch kommen wird. Und als immer
schon bestehende Voraussetzung für Psychisches oder Mentales als Subjekt
nämlich als die Voraussetzung von Bewusstsein, Anschauung, Begriff und Urteil
und als der andere Teil als Körper und Leib und Außenwelt muß z.B. Zeit als Entstehen
und Vergehen immer schon im Gange sein. Und noch
vor Zeit ist natürlich Natur im Gange, wie es
Prauss im später Folgenden ausführen wird.
Wird etwas immer schon
Bestehendes zum Körper oder Leib eines Subjekts doch immer erst als jener
eine Teil von ersterem, der jeweils übrig
bleibt, wenn jener andere Teil von ihm sich jeweils umsetzt in das immer erst
Entstehende gleichwie Vergehende als das Agierende des Psychischen oder
Mentalen. Und so kann denn auch nur solches
immer schon Bestehende, an welchem solches immer erst Entstehende gleichwie
Vergehende von Psychischem oder Mentalem als Agierendes dann immer schon im
Gange ist, als Körper oder Leib eines Subjektes gelten.
Dies muß man in der Tat zweimal lesen. Dies heißt nichts anderes als: der Mensch muß leben.
Als Aktion geht Affektion sonach gerade nicht vom immer schon Bestehenden des Körpers oder Leibes eines Subjekts aus,
280
denn dieser steuert dabei immer erst die Reaktion auf die Aktion der Affektion bei. Vielmehr geht sie ausschließlich vom Subjekt aus: vom Psychischen oder Mentalen als dem immer erst Entstehenden gleichwie Vergehenden und dadurch je und je spontan Agierenden. Und dieses macht, indem es etwas immer schon Bestehendes zum Körper oder Leib von sich als Subjekt immer erst selbst macht, dies immer schon Bestehende auch immer erst zum Reagierenden auf sich als das Agierende, das somit eben dadurch, daß es dessen Reagieren auf sich selber auslöst, sich auch einen Inhalt als die Wirkung von ihm selber zuzieht.
Doch auch dies ist noch nicht alles.
Vollends nämlich kann danach dann auch nicht mehr die
Rede davon sein: Damit es sich dabei um ein Erkennen handeln könne, müsse durch
Erkennen jeweils dasjenige zum Objekt gewonnen werden, das diesem Erkennen
jeweils seinen Inhalt liefere, indem es das Erkennende dabei auch affiziere.
Ganz im Gegenteil ist diese feste. Überzeugung eine derart falsche, daß schon
einige Gedankenlosigkeit dazugehört, um sie gleichwohl bis heute zu vertreten.
Denn als erstes ist es schon allein gedankenlos, den
Sinn von Affizieren dabei immer wieder nur ganz allgemein als den eines
Verursachens oder Bewirkens zu verstehen, wie es ausnahmslos geschieht. Nur
daran nämlich kann es liegen, daß man es geradezu für selbstverständlich hält,
im Fall eines Erkennens wie etwa »Dies ist ein Baum« müsse es eben dieser Baum
sein, der dabei durch Affizieren des Erkennenden diesem Erkennen seinen Inhalt
liefere. Geht dabei doch von diesem Baum zum Beispiel nichts als Reflektieren
von Licht aus, und als Ab- bzw Umlenken desselben kann es nur den allgemeinsten
Sinn eines Verursachens oder Bewirkens haben, einerlei, was als das dadurch
Nächstbewirkte oder Nächst-verursachte zu gelten habe. Denn selbst dann, wenn
als dies Nächste schon etwas am Körper oder Leib eines Subjekres gelten müßte,
könnte es sich dabei nur um diesen allgemeinsten Sinn eines Verursachens oder
Bewirkens handeln. Dieses aber ist durchaus nicht etwa eo ipso auch bereits ein Affizieren dieses Körpers oder Leibes, was
vielmehr geradezu als lächerlich zu gelten hätte. Kann mit ,,Affizieren« doch
nur ein besonderes Verursachen oder Bewirken ausgedrückt sein, nämlich das,
wodurch ausschließlich ein Subjekt als etwas Psychisches oder Mentales
affiziert wird.
281
Denn sonst würde beispielsweise auch ein Stein schon
dadurch affiziert, daß er von Licht getroffen wird.
In diesem ganz besonderen Sinn wird demgemäß das
Physische oder Somatische als solches selbst gerade niemals affiziert,
schlechthin durch nichts, was immer auch an ihm bewirkt oder verursacht werde.
Folglich kann es sich - und darin liegt die Kehrseite der vorigen
Gedankenlosigkeit — auch bei dem Physischen oder Somatischen, wodurch in diesem ganz besonderen Sinn
nur ein Subjekt als etwas Psychisches oder Mentales affiziert wird, immer
wieder nur um etwas gleichfalls ganz Besonderes handeln. Immer wieder nämlich
kann es sich dabei nur handeln um das jeweils letzte Physische oder Somatische,
das vor dem Auftreten von Psychischem oder Mentalem als Agieren durch sein
Reagieren darauf einen Inhalt dorthinein entstehen läßt. Und nach allem, was
wir — auch empirisch — wissen, muß dies auch tatsächlich etwas ganz Besonderes
innerhalb von etwas ganz Besonderem bilden, dem Gehirn, das eben dadurch als
ein ganz besonderer Teil des Körpers oder Leibes eines Subjekts ausgezeichnet
ist.
Nur dürften Sie nach dieser Analyse jetzt gleich mir
den weiteren Eindruck haben, daß die vorige Gedankenlosigkeit wohl keinen
Zufall darstellt, weil ihr eine noch viel schlimmere zugrunde liegt, die einem
umgekehrten, doch darum nicht weniger absurden Spiritismus gleichkommt. Daß ein
Subjekt ohne die Vermittlung seines Körpers oder Leibes ein Objekt wie etwa
einen Baum auf irgendeine Weise zu beeinflussen vermöchte, — solchen
Spiritismus würde man gewiß sogleich weit von sich weisen. Daß ein Objekt wie
ein Baum ein Subjekt als Erkennendes dagegen so zu affizieren vermag, daß eben
dadurch sein Erkennen von ihm seinen Inhalt hernimmt, — solchem umgekehrten,
doch genauso abwegigem Spiritismus aber scheint man dabei heimlich durchaus
anzuhängen.
Denn sonst bliebe unverständlich, welchen Sinn es
haben könnte, zum Erkennen eines Objekts müsse eben dieses Objekt eben
diesen Inhalt des Erkennens im erkennenden Subjekt verursachen oder
bewirken, wenn nicht den Sinn, daß durchaus nicht irgendetwas Anderes
dazwischen etwa dies bewerkstelligen müßte. Könnte dann doch jener scheinbar
selbstverständlichen Voraussetzung zufolge auch nur dieses Andere an Stelle
dieses Objekts dabei das Erkannte sein: in Fällen wie ,»Dies ist ein Baum«
282
zum Beispiel etwas Anderes als dieser Baum. Und da
dies somit einen expliziten Widerspruch herbeiführen müßte, hängt man eben
lieber jener impliziten Umkehrung des Spiritismus an. Man hält sich überzeugt,
daß ein Objekt mit Geisterhand gewissermaßen, nämlich jegliches Dazwischen
gleichsam übergreifend, es vermag, ein Subjekt zu beeinflussen: ganz wie ein
spiritistisches Subjekt ein Objekt, nämlich ohne jegliche Vermittlung durch den
Körper oder Leib dieses Subjekts.
An dieser Stelle werden wohl gerade die oben hart kritisierten Philosophen mit dem Kopf schütteln – wenn nicht schadenfroh so doch erleichtert darüber, dass es Prauss nicht schaffen wird, jenen 1. Abgrund zwischen Mentalem und Physischem, und dann auch noch 2. den, zwischen der Natur und Beidem zu überwinden, woran ja schon Hans Jonas an der Stelle scheiterte –; ich kann mir vorstellen sogar Max Black, der die Widersprüchlichkeit der Abbildtheorie recht ausführlich demonstriert hat, und sie werden Prauss vorwerfen, dass er sich hier selbst untreu werde und wie Ikarus nun abstürze. Denn zum einen man wird darauf bestehen, dass heute niemand mehr bestreiten wird, dass wir nicht mit den Augen erkennen, sondern dass wir dabei unser Gehirn benutzen, das die Daten und Informationen vom Auge erst verarbeitet und zwar irgendwie im Sinne einer Software wie etwa im Sinne der Kantschen Kategorien, um etwas zu erkennen. Ähnlich hat womöglich auch schon Kant gedacht, noch bevor es Computer gab. Zum anderen wird man Prauss hier vorwerfen, dass er jenes »Immer-wieder-neu-Entstehen-und-Vergehen« nun doch mit einer elektromagnetischen Frequenz gleichsetze und damit wieder auf die empirische Wirklichkeit der Erde zurückfalle bzw. abstürze, wo auch Philosophen doch längst wissen, dass unser Gehirn elektrochemisch arbeite und die Befehle zur Handlung an die Muskeln des Körpers auf solchem Wege aussende. Etwas komplizierter zwar als die chemisch oder digital arbeitende Kamera oder irgend ein chemisch oder digital funktionierender Sensor, der als Schalter für eine Mechanik benutzt wird.
Und zugegebenermaßen ist es gerade Prauss, der zu solchem Vorwurf verleitet, und zwar, wenn er die Denkfehler und Widersprüche der naiven Analogie von Mensch und Maschine bzw. von Mensch und Empirismus bloßlegt, aber Prauss muß diesen Weg, nämlich den einer Aufklärung gehen, um zu versuchen, letztlich auch den empirischen Aspekt des Menschlichen und zwar als sein Diesseits widerspruchsfrei zu denken, bzw. die widerspruchsfreie Denkbarkeit eben des Nichtempirischen und dennoch Denkbaren des Empirischen aufzuzeigen, die eben nicht nur ein Problem der Philosophie bzw. des Philosophen sondern längst auch eines der empirischen Physik bzw. des Physikers ist. Dabei bleibt in den folgenden Sätzen aber in der Tat offen, in welchem Sinne nun Prauss von einem Objekt bzw. von einem Diesseits spricht, als dessen falsch verstandenem Gegensatz das Subjekt dann aus einem Jenseits heraus das diesseitige Objekt betrachtet, was in der Tat zu diesem wechselseitigen unsinnigen Spiritismus führen muß. Natürlich gilt es hier zweierlei zugleich zu demonstrieren, einmal, dass auch das nur nichtempirisch zu erfassende Subjekt zum gleichen Diesseits gehört wie das empirische Objekt, das uns nie anders als in der Form einer gelungenen oder misslungenen Erkenntnis des Erkennenden begegnen kann und zwar einer aktiven Tätigkeit.
Ich mache dieses mir und anderen bisweilen an einem vereinfachenden Beispiel klar, das auch Frege benutzt hat: Wenn ich einen „gedankenreichen“ Text lese, dann geschieht diese „Aufnahme von Gedanken“ keineswegs dadurch, dass solche Gedanken durch jemanden oder durch etwas anderes irgendwie mit der Druckerschwärze oder Tinte auf dem Papier festgeklebt worden wären und dann beim Lesen wie Flöhe oder wie durch Zauberei vom Papier über die Augen in mein Gehirn springen, also als etwas, was mir als Affektion nur passiv passiert, sondern statt passiv muß ich aktiv mir solche Gedanken immer und mit jedem Wort immer wieder erst selbst machen, womit bei diesem Beispiel der Praussche Praktizismus gemeint ist.
Denn beides — nicht nur jenen Widerspruch, sondern
auch diesen Widersinn von umgekehrtem Spiritismus — zu vermeiden, hieße nichts
geringeres als einzusehen, daß sich jene doch so selbstverständlich scheinende
und auch nur allzu liebgewordene Voraussetzung nicht halten läßt. Das könnte
somit zwangsläufig auch nur die Einsicht nach sich ziehen: Von Grund auf
hinfällig muß jene feste Überzeugung sein, es müsse ein erkennendes Subjekt
durch das erkannte Objekt jeweils affiziert sein, denn auch nur, indem sein
Intendieren eben dadurch seinen Inhalt habe, könne dieses Intendieren das
Erkennen als die Theorie im Sinn der »Theoria« dieses Objekts sein. Und das, so
scheint es, ist ja nun das letzte, was in Frage kommen könnte. Müßte das doch
heißen, daß der ganze Theoretizismus, der darin zum Ausdruck kommt, nicht
haltbar wäre, sondern einem radikalen Praktizismus weichen müßte, dessen
Radikalität dem abendländischen Subjekt und seinem Welt- und Selbstverständnis
aber eben nach wie vor genauso radikal zuwider ist. Viel lieber läuft es weiter
seinen selbstgemachten angenehm-bequemen Illusionen vom Erkennen als Betrachten
eines Objekts durch ein Subjekt aus dem Jenseits hinterher2. Nichts
wissen will es jedenfalls von seiner unbequem-unangenehmen Aufklärung, daß es auch
dabei sich vielmehr um eine grundsätzliche Wechselwirkung innerhalb des in sich
einheitlichen Diesseits selber handeln muß, wenngleich es sich bei ihr auch
wieder nur um eine ganz besondere Wechselwirkung handeln kann, weil in Gestalt
von ihr Natur als solche selbst ursprünglich zu Intentionalität im Sinn von
Praktizität wird.
Und in der Tat erfordert dies ein Umdenken, wie es
sich radikaler kaum noch vorstellen läßt. Denn nicht nur muß es dann gerade
etwas Anderes als das erkannte Objekt sein, was das
2 Vgl. oben 54, S. 139.
283
erkennende Subjekt so affiziert, daß sein Erkennen
dadurch seinen Inhalt hat, wenn auch noch jener umgekehrte Spiritismus und sein
Widersinn vermieden werden soll. Bei diesem Anderen kann es sich dann auch
letztlich nur um das erkennende Subjekt als solches handeln, das dabei sich affiziert, indem es dabei sich als dem Agieren jenes Psychischen
oder Mentalen jeweils einen Inhalt zuzieht. Und dies deshalb, weil es dabei durch sich als Agieren eben auf sich als Agieren auch ein Reagieren
jenes Physischen oder Somatischen noch auslöst, dem es als Agieren dabei je und
je entspringt. Als eines und dasselbe folglich, als das ein Subjekt in diesem
Sinn das Affizierende ist, als das Agierende nämlich, ist es auch das
Affizierte, sowie umgekehrt. Und so sind Affizieren und Affiziertwerden auch
keineswegs etwa verteilt auf Objekt und Subjekt, sondern vereint im Subjekt
selbst. Durchaus nicht also ist ein Subjekt dabei nur das Affizierte und
mithin auch nur das Passiv-Affizierte,
weil das Affizierende und somit auch
das Aktiv-Affizierende dabei angeblich das Objekt
sei.
Daran können Sie denn auch zum ersten Mal in vollem
Umfang sehen, welch ein Unsinn immer wieder unterlaufen muß, solange solch ein
Subjekt dabei wie ein Quasi-Objekt aufgefaßt wird:
Sogenannte Affektion eines Subjekts durch ein Objekt
in dem Sinn, daß ein Objekt als schon immer wirkliches ein Subjekt als schon
immer wirkliches beeinflusse, indem das letzte dabei passiv und das erste dabei
aktiv sei, kann danach in der Tat nur Unsinn nach sich ziehen. Ihn förmlich zu
vollenden aber heißt es, daraus dann sogleich auch weiter noch zu folgern:
Könne ein ,,influxus physicus« in diesem Sinn
nicht möglich sein, so auch in keinem Sinn;
dann müsse vielmehr, was angeblich immer erst durch ihn bewirkt wird, jener
Inhalt, immer schon bewirkt sein, wie nach Leibniz etwa durch «prästabilierte
Harmonie“. Denn damit wird der eigentliche Fehler der Verdinglichung des
Subjekts, wie der von Descartes, auch nur noch weiter ausgebaut.
Worauf es ankommt, ist vielmehr allein die Einsicht:
Als Mentales oder Psychisches kann ein Subjekt gerade nicht etwas schon immer
Wirkliches als etwas immer schon Bestehendes wie ein
substrathaft-makroskopisches Objekt sein. Als Mentales oder Psychisches muß es
vielmehr ein immer erst Entstehendes gleich-wie Vergehendes im Sinne jener
Wellenfelder des Elektromagnetismus sein. Demgegenüber muß gerade umgekehrt
anscheinend nur
284
das Physische oder Somatische, dem das Mentale oder
Psychische als Subjekt je und je entspringt, ein immer schon Bestehendes, weil
ein Substrathaft-Makroskopisches von hochkomplexer Organisation sein. Doch auch
Affizieren als Agieren dieses Subjekts, wodurch Reagieren auf es als Agieren
ausgelöst und damit Inhalt in es als Agieren eingeholt wird, ist nach vorigem
durchaus ,,influxus physicus“, an welchem auch Substrathaft-Makroskopisches
beteiligt ist. Nur handelt es sich dabei eben um ,,influxus physicus“ von einer
Art, die grundsätzliches Umdenken, weil grundsätzliches Neudenken erfordert. Danach
nämlich gibt es die Natur durchaus nicht immer nur als etwas immer schon
Bestehendes wie das Substrathaft-Makroskopische. Denn danach gibt es die Natur
genausosehr auch noch als etwas immer erst Entstehendes gleichwie Vergehendes
im Sinne des Substratlos-Mikroskopischen von Wellenfeldern. Und dies so
grundsätzlich, daß Natur als jenes aus
Natur als diesem dann auch immer erst
hervorgehen kann, was mittlerweile Physiker sogar sich überlegen: Finden sie
doch mehr und mehr sich auf den Urgrund von Natur als teilchenloser und so
letztlich durchgehender Flüssigkeit verwiesen, wenn auch freilich widerwillig,
weil von Grund auf denkunfähig, wie sie sich als solche widerspruchsfrei fassen
ließe3. Schließlich ist so etwas wie das «panta rhei« des Heraklit wortwörtlich
in der Tat nicht ohne weiteres begreiflich4.
Diesbezüglich um- und neuzudenken aber heißt dann
insbesondere, jenen falschen Theoretizismus des Erkennens endlich aufzugeben,
um den radikalen Praktizismus zu entwickeln, den es fordert, weil es als
Intentionalität von Subjektivität auch radikale Praktizität ist. Denn als
Mentales oder Psychisches ist ein Subjekt von Grund auf jenes immer erst
Entstehende gleichwie Vergehende als das spontan Agierende und somit
Affizierende genauso wie auch Affizierte. Und so ist es gegenüber jedem
Physischen oder Somatischen als immer schon Bestehendem - auch dem des jeweils
eigenen Körpers oder Leibes gegenüber — dann von Grund auf etwas Anderes, und
umgekehrt mithin auch letzteres etwas von Grund auf Anderes als ersteres.
Dazwischen klafft denn auch
3 Neueste Belege dafür finden sich z.B. bei H.Genz, Die Entdeckung des
Nichts, München 1994, S. 14, S.76, 5. 170 f., 5. 235f.,
5. 250f.
4 Vgl. oben 5 7, 5. 230 mit Anm.6.
285
erst einmal jener Abgrund und Hiat der prinzipiellen
Andersheit und damit das Problem, wie etwas Anderem von jener Art es überhaupt
soll möglich werden können, über ihn hinweg zu etwas Anderem von dieser Art zu
kommen. Und was wäre — wie seit jeher, so bis heute — selbstverständlicher, als daß es dazu eben durch
Erkennen kommen könne. Sei doch etwas Anderes von dieser Art dabei etwas
Erkanntes dadurch, daß es als schon immer Wirkliches das Andere von jener Art
als ebenfalls schon immer Wirkliches durch Affizieren beeinflusse und damit zu
Erkennendem auch überhaupt erst mache, weil es auch erst damit überhaupt seinem
Erkennen seinen Inhalt liefere. Hat letzteres doch auch — entgegenkommend, wie
es ist — schon immer freundlich Fensterlein geöffnet, wie zum Beispiel zwei zu
Seiten seines Kopfes und fünf weitere an dessen Vorderseite, um von draußen
auch etwas hereinzulassen.
Nur wissen
Sie inzwischen, daß dies alles Punkt für Punkt nicht stimmen kann. Denn weder
ist es so, daß das dabei Erkannte auch das dabei Affizierende sein müßte, weil das
dabei Affizierende vielmehr nur das Erkennende sein kann. Noch ist es so, daß
das dabei Erkannte, weil es angeblich das dabei Affizierende sein muß, etwas
schon immer Wirkliches als etwas immer schon Bestehendes sein müßte. Ist es
doch nicht einmal so, daß das, was in der Tat das dabei Affizierende sein muß,
dazu etwas schon immer Wirkliches als etwas immer schon Bestehendes sein müßte.
Denn das dabei Affizierende vermag es vielmehr umgekehrt gerade nur als jenes
immer erst Entstehende gleichwie Vergehende und so Agierende zu sein, als das
es auch gerade umgekehrt nur jenes immer schon Bestehende und so schon immer
Wirkliche zum Reagierenden überhaupt erst macht: nicht dieses etwa jenes.
Doch nicht einmal letzteres, als das dabei
tatsächlich immer schon Bestehende oder schon immer Wirkliche, kann etwa auch
als das dabei Erkannte gelten. Denn sonst müßte jegliches Erkennende zunächst
einmal bei irgendetwas innerhalb von seinem Körper oder Leib sein, ja sogar bei
so etwas wie ,,kleinen grauen Zellen" innerhalb seines Gehirns, was aber
nicht der Fall ist, weil aus den bereits genannten Gründen gar nicht sein kann5. Doch erst recht kann dann nicht etwa dasjenige das
dabei Erkannte sein,
5 Vgl. oben §8, S.269ff.
286
worin dieses Erkennende als das dabei Agierende nicht
nur das Affizierende, sondern als solches selbst auch noch das Affizierte ist,
weil es als ein Agieren auch ein Reagieren auf sich auslöst: Das Erkannte kann
dabei nicht etwa jener Inhalt innerhalb dieses Agierens sein, das sogenannte
,,Sinnesdatum“ der empirischen Erkenntnis, das in theoretizistischer
Erkenntnis-Theorie seit jeher und bis heute als ein letzter Rettungsanker dafür
herzuhalten hat. Sonst müßte wiederum, da solcher Theorie zufolge das Erkannte
doch das Affizierende sein soll, das "Sinnesdatum“ auch die Ursache des
Affizierens sein, wogegen es in Wahrheit dessen Wirkung ist. Und darin fände
somit all dieses Absurde förmlich seine Krönung. Denn auf diese Weise wäre
letztlich nicht nur alles auf den Kopf gestellt, sondern auch ein unendlicher
Regreß in Gang gesetzt. Und letzter Grund für all dieses Absurde ist denn auch
nur jener Theoretizismus, den es Punkt für Punkt durch einen Praktizismus zu
ersetzen gilt.
Daß das Erkannte beim Erkennen keineswegs etwas schon
immer Wirkliches als etwas immer schon Bestehendes sein kann und damit auch
nicht etwas Affizierendes, liegt eben daran, daß es nur als etwas durch
Erkennen immer erst Erwirktes das Erkannte sein kann: eben nur das Artefakt als
der Erfolg durch das Erkennen als ein Intendieren, das in vollem Sinn ein
Handeln ist. Der Abgrund und Hiat der prinzipiellen Andersheit dazwischen wird
dabei nicht etwa dadurch überwunden, daß etwas herüberkommt: etwas schon immer Wirkliches bzw. immer schon
Bestehendes hinein in etwas ebenfalls schon immer Wirkliches bzw. immer schon
Bestehendes. Genau in diesem Sinn kommt dabei nämlich schlechthin nichts
herüber, auch nicht jener Inhalt als das sogenannte »Sinnesdatum“. Denn als
Inhalt in der Form von Psychischem oder Mentalem kann er ebenso wie dieses vielmehr
immer erst und immer nur entstehen wie vergehen und mithin auch durch es in ihm immer erst und immer nur hervorgerufen werden, aber
keineswegs etwa als solcher selbst in es herüberwandern.
Überwunden wird der Abgrund und Hiat der
prinzipiellen Andersheit dazwischen nur, indem dabei gerade umgekehrt etwas hinübergeht, nämlich indem Mentales oder
Psychisches als Intention ergeht, als
die es ja von vornherein nur auf Erfolg ausgeht und damit nur auf etwas Anderes
als sich. Auch so jedoch wird dieser Abgrund und Hiat der prinzipiellen
Andersheit dazwischen nicht
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sogleich in dem Sinn überwunden, daß bloß dadurch
dieses Psychische oder Mentale als das Intendieren von etwas Anderem dann dieses Andere auch immer schon als etwas Wirklich-Anderes erzielte, nämlich immer
schon erwirkte und mithin verwirklichte. Denn zur Verwirklichung
der Wirklichkeit von solchem intendierten Anderen kommt solches Intendieren
nur, wenn es auch zum Erfolg und nicht etwa zum Mißerfolg führt, dessen
Möglichkeit für Intendieren niemals ausgeschlossen werden kann.
Und in der Tat ist, was man schon seit jeher und bis
heute fälschlich-theoretizistisch für die bloße ,,Wahrheit“ des »Erkennens«
hält, recht eigentlich die Wirklichkeit des
Gegenstandes von Erkennen als dem Intendieren. Dieses aber kann nur etwas
außerhalb von sich als den Erfolg für sich erzielen, der somit auch nur als
durch es erwirkte Wirklichkeit des von ihm intendierten Anderen sich einstellen
kann. — Und in der Tat ist, was man
gleichfalls schon seit jeher und bis heute fälschlich-theorerizistisch für die
bloße ,,Falschheit“ des ,,Erkennens“ hält, entsprechend auch recht eigentlich
die Unwirklichkeit dieses Gegenstandes von Erkennen als dem Intendieren. Dieses nämlich intendiert
auch dabei als Erfolg für sich ein zu verwirklichendes Anderes als sich, das es
mithin auch als den zu verwirklichenden Gegenstand für sich vor sich hat, auch
wenn dieser dabei unverwirklicht und sonach ein unwirklicher bleibt. — Und in der Tat ist, was man demnach schon seit jeher
und bis heute fälschlich-theoretizistisch für »Erkennen« als etwas von Handeln
Grundverschiedenes hält, recht eigentlich gerade nichts als Handeln. Und wie
alles weitere, jeweils an es anschließende Handeln ist auch dieses jeweils
ursprüngliche Handeln nichts als Intendieren der Verwirklichung von etwas
Anderem als sich, das heißt, der Wirklichkeit desselben als Erfolg für sich.
Von einem Absturz des Ikarus kann also keine Rede sein
Aus diesem Grund ist es denn auch kein Wunder, daß
man schon seit jeher und bis heute außerstande bleibt, sich zu erklären, was
mit »Wahrheit« oder »Falschheit« dieses fälschlich-theoretizistischen
,,Erkennens“ eigentlich gemeint sein könnte. Da es nämlich solche »Wahrheit«
oder »Falschheit« von »Erkennen« überhaupt nicht gibt, kann es auch überhaupt
nichts zu erklären geben, sondern höchstens etwas aufzuklären: Es handelt sich
dabei um nichts als selbstgemachte Illusionen des von Anbeginn sich selbst
verkennenden Subjektes, die ihm jeden Blick dafür verstellen, daß vielmehr
Erkennen schon nichts anderes als Handeln, eben Inten-
288
dieren ist. Denn wie auch könnte sonst Erkennen
ebenso wie Handeln überhaupt in eindeutigem Sinn ein Intendieren sein? Als
solches Handeln aber hat Erkennen, anstatt so etwas wie »Wahrheit« oder
»Falschheit« etwa innerhalb von sich,
vielmehr nur seines Gegenstandes Wirklich-
oder Unwirklichkeit als Erfolg bzw. Mißerfolg für sich gerade außerhalb
von sich. Und in der Tat hat beim Erkennen das Erkennende genauso wie das
Handelnde beim Handeln immer schon etwas zum Gegenstand: das dadurch zu
verwirklichende Andere. Und zwar gleichviel, ob dieser oder dieses dabei nun
durch jenes auch zu etwas Wirklich-Anderem
verwirklicht wird und damit eben Artefakt wird, oder nicht, so daß im
letzten Fall auch eben dieses Andere oder eben dieser Gegenstand es ist, was
dadurch unverwirklicht bleibt.
Das können Sie denn auch an jeglichem elementaren und
ursprünglichen empirischen Erkennen überprüfen, das als sogenanntes
»Wahrnehmen« von etwas in der Außenwelt für jegliches Subjekt der Ursprung
jeglichen Objekts ist. Denn auch nur in der Gestalt von sogenanntem
»Wahrnehmen» wie »Dies ist rot« bzw. »Dies ist rund« oder »Dies ist ein Baum«
kann ein Subjekt ursprünglich ein Objekt gewinnen, nämlich jenen Abgrund und
Hiat der prinzipiellen Andersheit dazwischen überwinden. Schlechthin
ausgeschlossen ist, daß ein Subjekt je anders als auf diese Art zu einem Objekt
kommen könnte. Nur ist eben ein Subjekt in der Gestalt von solchem sogenannten
»Wahrnehmen« bereits von Grund auf alles andere als ein bloßes »-nehmen«, wie
es jener falsche Theoretizismus ständig mißversteht.
Denn jeglichen Gehalt, wie er in der Gestalt eines
Subjekts von dieser Art etwa durch »...rot« bzw. »...rund« bzw. »...Baum« zum
Ausdruck kommt, hat dieses Subjekt dabei zwar allein auf Grund von »Affektion«
in sich. Bei dieser aber ist es eben schon von vornherein das Affizierende
genauso wie das Affizierte, nämlich das dabei spontan Agierende, wie Sie
bereits gesehen haben. Ist es doch auch nur als dies spontan Agierende das
solchen Inhalt dabei Rezipierende. Als solches aber hat ein Subjekt diesen
Inhalt dann auch schon von vornherein in sich als jener hochkomplexen Form des
Psychischen oder Mentalen, wie es sich von Anschauung über Begriff bis hin zum
Urteil dieses sogenannten »Wahrnehmens« gestaltet, was wir uns im einzelnen
noch handlungstheoretisch werden klarzumachen haben.
Man sollte dabei immer vor Augen behalten, wovon Prauss spricht und wovon eben nicht. Natürlich will er nicht das Noumena, das Ansichsein, ein Jenseits oder Gott beschreiben.
Und wovon ein Mensch auch immer spricht, und als was sich eine Aussage des Menschen auch immer ausgibt, selbst wenn der Mensch vorgäbe, von dem zu sprechen, das unser Gehirn vor jeder Erkenntnis affiziert, es ist und bleibt immer –eben auch und gerade nach Prauss auch explizit - nur die Reaktion, das Produkt, das Resultat, das Nachher und Diesseits, das Subjekt und der Mensch mit seinem Körper; und dazu gehört auch das Gehirn mit den grauen Zellen und alles, was es hervorbringt.
Prauss, Bd.II/1, Seite 292 -
Unsere Theorie und Praxis ihrer Form nach; Was uns affiziert, und, Wie uns
etwas affiziert
Was also affiziert, wenn hierfür keines davon in
Betracht kommt:
weder das empirische Objekt noch auch das nichtempirische
Ansichsein, das ihm als dem Wirklich-Anderen zugrunde liegt? Indem wir diese
Frage nunmehr stellen, kommen wir an einen Wendepunkt, von dem her die gesamte
Problematik jener Systematik des Subjekts als Intention in einem Zug sich lösen
läßt. Die schon gegebene Antwort nämlich lautet, wie Sie sich erinnern werden:
Das, was affiziert, kann nur das Subjekt sein, das somit nicht nur affiziert,
sondern auch affiziert wird, weil es als Agieren auftritt, das sich affiziert,
indem es Reagieren auf sich als Agieren auslöst.
Spätestens an dieser Stelle aber, wo es wirklich
Ernst mit ihr wird, könnten Sie Bedenken gegen diese Antwort hegen. Denn selbst
wenn die Art der Argumentation als gültig zuzugeben sei, so möchten Sie
vielleicht erwidern: Folgt aus ihr tatsächlich zwingend, daß das Affizierende
dabei nur das Subjekt sein kann, das somit Affiziertes ebenso wie Affizierendes
sein muß? Denn auch wenn richtig sei, daß dieses Subjekt dabei das spontan
Agierende sein muß, so heiße dies doch längst noch nicht, daß es als dies
Agierende auch schon das Affizierende sein muß, weil doch recht eigentlich erst
das auf dies Agierende dann Reagierende das dies Agierende auch Affizierende
sein könne; und dies insbesondere, wenn solches Affizieren jenes Liefern von Gehalt
als Material für das Subjekt als Form bedeuten solle. Könne solcher Inhalt oder
solches Material doch keinesfalls aus dem Subjekt als solchem selbst
herstammen: auch nicht, wenn es das dabei spontan agierende Subjekt ist. Und
wenn insbesondere in dieser Hinsicht der Belieferung mit Inhalt dieses
Reagierende das dabei Affizierende
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sein müsse, sei es letztlich eben doch das Physische
oder Somatische als etwas immer schon Bestehendes und damit ein empirisches
Objekt, was affiziert. Zwar könne es nicht dasjenige sein, was als das dabei
Affizierende auch das dabei Erkannte ist. Doch müsse es als dieses immer schon
Bestehende von Physischem oder Somatischem und damit als empirisches Objekt
empirisch auch zumindest grundsätzlich erkennbar sein, auch wenn es gegenüber
dem, was dabei das Erkannte ist, erst immer etwas nachträglich Erkennbares sein
könne.
Denn man brauche ja, so könnten Sie sich weiter
überlegen, auch nur einmal anzunehmen, daß ein Reagieren auf Agieren gar nicht
auftritt, weil zwar ein Agierendes, aber kein auf es auch Reagierendes
auftritt. Dies ergebe, daß dann auch kein Affizieren auftritt, weil kein
Affizierendes, und somit auch kein Affiziertes —mag es noch so sehr Agieren
sein — und damit auch kein Inhalt innerhalb dieses Agierens. Und so trete
Affizieren eben doch nur auf, wenn dem Agierenden auch etwas Reagierendes und
dem Agieren somit auch ein Reagieren gegenübertrete, das mithin die eigentliche
Ursache für solchen Inhalt sei. Und dieser gehe demnach in der Tat nur auf das
Physische oder Somatische als etwas immer schon Bestehendes zurück und damit
auf ein grundsätzlich empirisches Objekt.
Jedoch selbst wenn Sie diese Überlegung ernstlich
anstellen sollten, müßten Sie sogleich erkennen, daß sie jeder Grundlage
entbehrt. Die Annahme der Möglichkeit des Ausbleibens von Reagieren wegen
Ausbleibens von Reagierendem ist nämlich ausgeschlossen. Denn sie wäre
gleichbedeutend mit der Annahme der Möglichkeit des Auftretens von Psychischem
oder Mentalem, ohne daß dies Auftreten aus Physischem oder Somatischem wie dem
Gehirn heraus erfolgte. Letztlich also liefe sie darauf hinaus, die Möglichkeit
des Auftretens von einem Subjekt anzunehmen, das dem Diesseits eines solchen
Objekts gegenüber gleichsam aus dem Jenseits in die Welt kommt. Und so wäre
diese Annahme der altbekannte Fehler, der nicht mehr in Frage kommen kann,
nachdem uns klar ist, daß auch wir nur aus Natur hervorgehen können und mithin
von dieser Welt sein müssen. Und das insbesondere dann, wenn jeder oder jede
einzelne von uns aus jenem immer schon Bestehenden von Physischem oder
Somatischem heraus als jenes immer erst Entstehende wie Vergehende von Mentalem
oder
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Psychischem und damit als spontan Agierendes
hervorgeht, womit ersteres sonach als darauf Reagierendes auch notwendig
einhergeht.
Denn das tut es dann gerade so, daß solches Reagieren
auf es als Agieren dabei gar nicht unterbleiben kann, sondern erfolgen muß,
weil eben dadurch, daß dieses Mentale oder Psychische als das spontan Agierende
auftritt, dieses Physische oder Somatische zum Reagieren gebracht wird und
mithin zum Reagierenden gemacht wird. Und dies unausweichlich deshalb, weil das
jeweilige Auftreten von Psychischem oder Mentalem als ein jeweiliges Einteilen
von Physischem oder Somatischem erfolgt, wie es sich radikaler kaum noch denken
läßt.
Denn wie Sie sich erinnern werden, ist das Auftreten
von Psychischem oder Mentalem als spontanes Umsetzen von Physischem oder
Somatischem in so etwas wie reine Kraft bzw. reine Energie zu denken, wodurch
solches Physische oder Somatische als ein Substrathaft-Makroskopisches
verschwindet: wie der Treibstoff von Rakete oder Auto, der als Teil von deren
Masse sich durch seine Explosion in deren Antriebsenergie verwandelt. Und als
Vorgang innerhalb von einem und demselben, weil in sich zusammenhängenden
Somatisch-Physischen kann so etwas auch in der Tat nicht ohne Reaktion des
Teils, der dabei übrig bleibt, auf die Aktion der Explosion des Teils
verlaufen, der dabei verschwindet. Und tatsächlich ist Verschwinden eines Teils
von etwas und Erhaltenbleiben eines andern Teils von diesem Etwas eine
Einteilung desselben, wie sie radikaler nicht mehr denkbar ist.