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Das Entscheidende, wonach Sie fragen müssen, ist daher: Worin besteht denn diese zusätzliche Unterstellung dieses Weiteren? Was ist es denn, wodurch allein es für uns möglich werden kann, auch nur zu dieser ersten Unterscheidung eines bloßen Objekts gegen­über einem anderen Subjekt noch weiter fortzuschreiten als die Tiere, die nicht einmal dazu in der Lage sind, wenn anders sie bei jenem ursprünglichen generellen Animismus stehen bleiben? Die­ses Weitere ist es denn auch, was mir bisher nicht klar gewesen, sondern erst bewußtseinstheoretisch klar geworden ist. Daß diese Unterstellung dieses Weiteren bloß dahin gehe, jenen ursprüngli­chen generellen Animismus zu negieren und als Positives für dies Negative die Kausalität der Fremdverwirklichung in dem normalen und bekannten Sinn zu unterstellen, ist bewußtseinstheoretisch nämlich unzureichend: So gewiß es dabei bleiben muß, daß solche Unterstellung dahin geht und gehen muß, so geht sie darin doch nicht auf und kann auch gar nicht darin aufgehen.

Denn hervorgehen kann sie nur aus jenem Selbstbewußtsein eines Subjekts, weil es nur aus sich als diesem Selbstbewußtsein seiner Selbstverwirklichung heraus - und so auch nur aus sich als solcherart Kausalität heraus - von so etwas wie Kausalität über­haupt ursprünglich ein Bewußtsein haben kann. Wenn diese Unter­stellung somit überhaupt soll dahin gehen können, statt dieser Kausalität der Selbstverwirklichung jene Kausalität der Fremdver­wirklichung zu unterstellen, so nur, wenn dabei aus dem ersten, bloßen Selbstbewußtsein, aus dem sie hervorgeht, rückbezüglich auch ein zweites, nicht mehr bloßes Selbstbewußtsein noch her­vorgeht. Dann muß nämlich dieses erste, bloße Selbstbewußtsein eines Subjekts, aus dem dies hervorgeht, eben dabei auch noch übergehen zu Selbsterkenntnis, Selbstvergegenständlichung und Selbstthematisierung von sich selbst als diesem Selbstbewußtsein, sei es auch nur in dem alleranfänglichsten Sinn von so etwas wie »Ich ...«-Sagen oder Vergleichbarem.

Denn auch nur damit im Zusammenhang kann sich der Sinn von Wirklich-Anderem, das bloßes Objekt sei, für ein Subjekt mit dieser Art von ursprünglichem Selbstbewußtsein überhaupt erst bilden. Diese Unterstellung nämlich kann dann auch nur dahin gehen: In Ruhe oder in Bewegung komme oder bleibe solches



 


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Wirklich-Andere doch nicht absichtlich, nämlich nicht von selbst oder durch sich, wie ich, sondern durch etwas Wirklich-Anderes als sich und so gerade nicht, wie ich. Und dies zunächst natürlich ohne jede weitere Erkenntnis davon, was denn »Ich ...«-sagend da eigentlich ins Spiel tritt, wie auch, was denn mit »von selbst« oder '»durch sich« oder »absichtlich« näherhin gemeint ist./Denn hinaus läuft dies dann auch gerade darauf, daß ein Subjekt die Kausalität, die es zunächst im Sinn von jenem ursprünglichen generellen Animismus einem Wirklich-Anderen unterstellt, zu einer neuar­tigen umdenkt, wenn auch freilich ohne jede weitere Reflexion darauf bzw. Theorie davon. Und diese dadurch abgeleitete Kausali­tät entspringt aus jener ursprünglichen eben in dem Sinn, daß dieses Subjekt jene Ursache und jene Wirkung, die in ihm als Kausalität jener Selbstverwirklichung zwar unterschiedlich zuein­ander, doch vereinigt miteinander sind", jetzt als gesondert voneinander denkt. Denn das geschieht gerade so, daß dieses Subjekt nur noch die genannte Wirkung weiter innerhalb von etwas Wirk­lich-Anderem erblickt, die Ursache für sie dagegen nunmehr erst­mals außerhalb von diesem Wirklich-Anderen in einem anderen erblickt, indem es nunmehr folgendes sich denkt: Zwar kommt bzw. bleibt auch dieses Wirklich-Andere in Bewegung oder Ruhe; anders als bei mir liegt dieser Wirkung Ursache jedoch nicht innerhalb von diesem Wirklich-Anderen, sondern außerhalb von ihm: so wie auch ich doch in Bewegung oder Ruße nicht nur dadurch kommen oder bleiben kann, daß ich mich in Bewegung oder Ruhe setze oder halte, sondern gleicherweise so, daß etwas Wirklich-Anderes als ich mich in Bewegung oder Ruhe setzt bzw. hält. Und das ist eben - und zwar für ein solches Subjekt selbst bereits - undenkbar, ohne daß es dabei zusätzlich auch sich als solches selbst noch denkt, indem es sich als solches selbst auch noch thematisch wird, wozu es sich auf sich als solches selbst auch noch durch so etwas wie »Ich ...« oder Vergleichbares beziehen muß14.

Dann aber muß es dabei auch von sich als solchem selbst schon

13  Vgl. dazu G. Prauss 1999, § 10, S.336ff.

Nicht also folgt etwa, es könnten Tiere kein Kausalitätsbewußtsein
haben, was auch eine unlösbare Schwierigkeit ergeben müßte. Denn nach
allem, was wir wissen können, haben sie das zweifellos: zumal es in der
Außenwelt doch zweifellos Bewegung oder Ruhe für sie gibt. Im Unter
schied zu Menschen haben Tiere ihr Kausalitätsbewußtsein vielmehr nur aus bloßem Selbstbewußtsein, nämlich nicht auch noch aus Selbster­kenntnis dieses Selbstbewußtseins. Für das bloße Selbstbewußtsein eines Tieres träte danach jeder Fall von Ruhe oder von Bewegung durch Kausali­tät im Sinne seines Animismus auf. Vgl. dazu weiter unten Anm. l 6 und §2l.

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immer irgendeine Auffassung besitzen, die im Anschluß an das »Ich ...«, das nur ein Indikator ist, durch einen Prädikator muß zum Ausdruck kommen können, mag sie wie das »Ich ...« zunächst auch noch so unausdrücklich bleiben. Und so sind genau an dieser Stelle denn auch Tür und Tor dafür geöffnet, daß ein solches Subjekt von sich selbst erst einmal reihenweise falsche Auffassun­gen in die Welt setzt. Dadurch nämlich muß auch erst einmal die Situation entstehen, daß ein solches Subjekt zwar grundsätzlich von sich weiß, weil es sich dadurch grundsätzlich thematisch wird, daß es jedoch vom Wesen dessen, was ihm da thematisch ist, noch überhaupt nichts weiß. Und dies führt eben dazu, daß es in Phylo-genese ebenso wie in Ontogenese sich auch immer wieder neu daran versucht, durch immer weitere Reflexion auf sich eine plausi­ble Theorie von sich zu finden, was Sie unter anderem als Philo­sophiegeschichte kennen. Diese aber ist noch längst nicht abge­schlossen, ganz, zu schweigen, daß sie als Versuch erwiesen wäre, der nicht glücken könne, wie die an ihm Scheiternden uns neu­erdings nur allzu gerne glauben machen wollen.

Ob wir mit unserem Versuch hier weiter kommen, können Sie denn auch am besten daran überprüfen, was wir auf dem jetzt erreichten Stand erklären können, so daß wir es nicht mehr über­gehen müssen. Denn was unsere Herleitung als erstes liefert, ist eine Erklärung dafür, daß wie Subjektivität auch Intersubjektivität nur etwas Nichtempirisches sein kann. Nur etwas Nichtempi­risches sein kann daher auch die Kausalität, die ein Subjekt in jenem Sinn der Heteronomie von einem Wirklich-Anderen durch ein anderes Wirklich-Anderes und somit zwischen ihnen unter­stellt. Ist damit doch auch ein notwendiger, weil apriorischer Zu­sammenhang von all dem hergeleitet. Denn in jedem Fall ist aus dem Unterstellenden als etwas Nichtempirischem heraus auch beides Unterstellen und mit ihm auch beides Unterstellte apriori notwendigerweise etwas Nichtempirisches. Das ist es nämlich nicht nur dann, wenn ein Subjekt bei jenem ursprünglichen ge­-

 


 


 



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nerellen Animismus stehen bleibt, indem es seine eigene Kausalität auch jedem Wirklich-Anderen unterstellt und damit Tier bleibt. Vielmehr ist es das auch dann noch, wenn ein Subjekt auch noch Mensch wird. Denn das wird es dadurch, daß es darüber hinaus auch noch zu diesem abgeleiteten speziellen Animismus übergeht, indem es aus der eigenen Kausalität heraus auch das genaue Gegenteil zu ihr noch unterstellt, wozu es sich durch »Ich ...« als dieses Subjekt selbst thematisch werden muß. Und im Zusammen­hang mit dem Normalsinn von Kausalität als Heteronomie gilt dies auch noch für Intersubjektivität in dem Normalsinn, in dem dann auch sie noch hergeleitet ist.

Denn ein Subjekt muß nicht allein in einer Richtung unterstellen, daß ein Wirklich-Anderes auch durch ein anderes Wirklich-An­deres verursacht in Bewegung oder Ruhe kommen oder bleiben kann, um etwas Wirklich-Anderes im Sinn von einem bloßen Objekt zu gewinnen, wozu dieses Subjekt sich durch »Ich...« thematisch werden muß. Vielmehr muß ein Subjekt — um etwas Wirklich-Anderes zu gewinnen, das nicht nur im Sinn von Tier ein anderes Subjekt ist, sondern auch im Sinn von Mensch noch - dann in anderer Richtung auch noch unterstellen, daß ein Wirk­lich-Anderes, das durch sich selbst verursacht in Bewegung oder Ruhe kommen oder bleiben kann, sich dabei auch als solches selbst durch »Ich...« thematisch werden kann: Nur durch die Unterstellung dieser Möglichkeit, daß ein Subjekt das Selbstbe­wußtsein einer Selbstverwirklichung nicht nur zu sein vermöge, sondern darüber hinaus vermöge, sich durch »Ich ...« auch grund­sätzlich als solches selbst noch zu thematisieren und zu wissen, kann ein Subjekt aus sich selbst als einem ebenso vermögenden heraus so etwas wie die Intersubjektivität von Mensch zu Mensch gewinnen.

Auch nur daran liegt es somit, daß in keinem solchen Fall es einem Wirklich-Anderen empirisch einfach anzusehen sein kann, in welchem Sinn es in Bewegung oder Ruhe komme oder bleibe: weder in dem Fall von etwas Wirklich-Anderem, in dem das nur durch etwas anderes Wirklich-Anderes geschieht, die darin bloß Objekte sind15; noch in dem Fall, in dem das jeweils durch dies

15 Denn auch, wenn jedes davon etwas Wirklich-Anderes im Sinn von anderem Subjekt ist, kann die Einwirkung des einen auf das andere nur über dessen jeweiligen Körper vor sich gehen, die darin jeweils bloß Objekte sind, worauf wir noch ausführlich werden einzugehen haben. Vgl. dazu unten  §16.


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Wirklich-Andere selbst geschieht, das darin ein Subjekt ist, minde­stens ein tierliches; noch gar in dem Fall, in dem das dann nicht nur jeweils durch dies Wirklich-Andere selbst geschieht, sondern in dem dies Wirklich-Andere sich dann als das, wodurch verursacht das geschieht, auch noch thematisiert und weiß und darin eben menschliches Subjekt ist. Vielmehr kann sich das in jedem solchen Fall auf Grund von dieser jeweiligen Unterstellung dieses jewei­ligen Nichtempirischen dann immer erst ergeben, nämlich je nach dem, in welche Art von Austausch ein Subjekt als ein bloß tier­liches bzw. als ein auch noch menschliches mit etwas Wirklich-Anderem treten kann.

Sonach ist auf der Ebene der menschlichen Subjekte auch allein aus deren Wissen von sich selbst heraus noch dieser abgeleitete spezielle Animismus möglich, der sowohl der Kausalität zwischen bloßem Objekt und Objekt zugrunde liegen muß wie auch der Intersubjektivität zwischen Subjekt als Mensch und anderem Sub­jekt als Mensch. Infolgedessen kann auch nur ein menschliches Subjekt zur Unterstellung von so etwas wie Kausalität der Hetero-nomie von einem bloßen Objekt durch ein anderes bloßes Objekt überhaupt imstande sein16, und dies auch nur durch die Zurück­nahme von beiden Animismen: die des ursprünglichen generellen ebenso wie die des abgeleiteten speziellen, wobei die Zurück­nahme des letzteren zum Grund wird für eine Zurücknahme auch noch des ersteren.

Was diese Herleitung erklärt, ist somit nichts geringeres als der eigentliche Unterschied, der zwischen Mensch und Tier besteht. Denn allem Anschein nach ist es ein Faktum, daß die tierlichen Subjekte gegenüber Wirklich-Anderem der Außenwelt nicht nur nicht gleich den menschlichen Subjekten Intersubjektivität betrei-

 

16 Daß ein Tier mit Hilfe seines Körpers ein Objekt benutzen kann, um dadurch andere Objekte günstig für sich zu beeinflussen, ist keine Wider­legung davon, wie man häufig meint. Im Rahmen seines Animismiis nämlich ist das aus der Perspektive dieses Tieres, das an ein Objekt herantritt, ohne weiteres in einem Sinn wie folgt verständlich: Siehe da, es wehrt sich gar nicht - und es läßt sich auch berühren - ja es läßt sich auch noch anfassen - und ist sogar bereit, noch mitzuhelfen, um auch andere dazu zu bringen, daß sie sich nicht wehren - und sogar sich fressen lassen.