Zwei Fragen an Gerold Prauss: Die Null, die Grammatik und der
Punkt.
1.
Den Punkt nur als Ergebnis der klassischen Geometrie griechischer Philosophie
bzw. als ihre Folgerung gedacht, muß ja notwendig zu voraussehbaren
Schwierigkeiten, Widersprüchen und zum Zirkelschluß führen,
den Prauss offen legt und wie Geröll beiseite räumt, weil dabei
immer Ausdehnung in Form von Zeit und Raum vorausgesetzt wird, in der man
das reine Jetzt oder Irgendwann und Hier oder Irgendwo zu denken d.h. sich
bewusst zu machen versucht.
Natürlich, und nun bei Prauss zwar als Folge der Natur in einem neuen
Sinn der Bedeutung, also als neuer Begriff, ist jedoch sprach-, philosophie-
und menschheitsgeschichtlich der neue Denkansatz von Prauss zwar rein begrifflich
ebenfalls Folge solcher Voraussetzung, in der allerdings wie im Koordinatensystem
Null und Punkt undefiniert gleichgesetzt wurde, wogegen Prauss nun antritt,
wodurch sich einerseits zwar die Schwierigkeit des Umdenkens ergeben, wodurch
andererseits ein Umdenken aber auch erst ermöglicht wurde und wird.
Prauss muß sein Verhältnis zur Null erst noch klären, die
in Europa erst von Indien her eingeführt werden mußte.
2.
Zu klären ist ebenfalls, wie weit die hochkomplexe Struktur des Punktes
überhaupt, die Prauss nachweisen und (sicher nur zum Teil) offen legen
kann, und die eigentlich von selbst den grundsätzlichen Unterschied
zur Null ausmacht, nicht auch zugleich die Grundstruktur menschlicher Grammatik
ist, wogegen die immer schwieriger werdende Darstellung der Struktur des
Punktes erst Folge dieser Grammatik und der linearen Gebundenheit menschlicher
Sprache ist. (Man kann immer nur ein Wort bzw. einen Satz nach dem anderen
sprechen bzw. schreiben.)
In der neuesten Hirnforschung spricht man davon, ( Siehe „Der Spiegel“ Nr.
52, Dez. 2001) dass das Gehirn die Grammatik einer Sprache besser kennt als
der Mensch, vor allen Dingen früher; und dass erst nach der Wahrnehmung
bzw. Festlegung der Grammatik Begriffe und Wörter verstanden und gelernt
werden können. Dabei äußern sich Psychologen, die im aufklärerischen
Pathos das Gehirn noch immer verbissen als Maschine bezeichnen, in der chemophysische
Vorgänge mit unserem Wahrnehmen, Denken und Sprechen einfach gleichgesetzt
werden.
Dies ist sicher eine ganz andere – und zwar noch naivere - Art der unkritischen
und unstatthaften Gleichsetzung, als es bei der mehr indirekten und operationalen
Gleichsetzung von Null und Punkt in der Geometrie geschieht: denn ganz sicher
sind die messbaren Anzeichen von vermehrter oder verminderter Durchblutung
von Gehirnarealen bzw. elektrischen Strömen nicht gleichzusetzen mit
dem, was eine Erkenntnis im Wesen ausmacht, wenn wir eine grüne Wiese
oder eine gelbe Wüste erkennen bzw. Schmerz oder Lust empfinden und
unterscheiden.
Wenn ohne Zweifel die Struktur neuronaler Vernetzung im Hirn des Kleinkindes
auch sowohl durch den sozialen Kontakt überhaupt wie auch durch den
ganz besonderen sozialen Kontakt z.B. in Form einer bestimmten Sprache erst
bestimmt wird, kann dies nicht rechtfertigen, dass wir vor dem Rubikon die
Augen verschließen dürfen, angesichts dessen uns klar sein muß
oder klar werden muß, dass auch das Gehirn erst ein Produkt, ein Ergebnis
des Erkennens ist und nicht das Erkennen ein Produkt des Gehirns.
Für Prauss steht aus zu klären, wie weit sein eingeschlagener „synthetischer“
Weg überhaupt gangbar ist, durch den bislang jedoch schon unendlich
d.h. unschätzbar wertvoll Blindwege, Holzwege, Widersprüche, Befangen-
und Verlorensein wie menschliche Tragik und Tragödie usw. als solches
markiert und überwindbar gemacht wurde, was und angesichts gegenwärtiger
Religions- und Weltanschauungsdebatte das notwendige Werkzeug an die Hand
gibt.
FS