Gerold Prauss Freiburg

 

 

 

 

Gerold Prauss

 

Freuds Probleme mit dem ,,Unbewußten

Eine Diagnose aus der Perspektive Kants

 

 

Was Bewußtsein und Bewußtes sei, ist noch bis heute eine ungelöste Problematik. Durch die freudsche Theorie jedoch erfährt sie eine Zuspitzung, die sie der Lösung um einen entscheidenden Schritt näherbringt. Wird es nach Freud doch unausweichlich, nicht allein Bewußtes, sondern auch noch ,,Unbewußtes“ anzunehmen. Dies jedoch nicht etwa in dem Sinn, das letztere damit sogleich auch abzuschieben ins Somatisch-Physische, wie heute die das tun, die Psychisches oder Mentales möglichst reduzieren möchten.1 Damit nämlich macht man es sich auch nur allzu leicht. Denn dasjenige Physische oder Somatische, aus dem heraus das Psychische oder Mentale jeweils auftritt, ist bekanntlich von diesem Mentalen oder Psychischen her unzugänglich. Das von hier her ,,Unbewußte“ nur aus diesem Grund sogleich für etwas Physisches oder Somatisches zu halten, ist daher wohlfeil.

Freud hingegen macht es sich entsprechend schwer, weil er das ,,Unbewußte“, das es anzusetzen gelte, vielmehr als etwas Mentales oder Psychisches betrachtet. Die Bewußtseinsproblematik aber wird dadurch dann so weit zugespitzt, daß erstmals zwischen grundverschiedenen Arten von Bewußtsein und Bewußtem unterschieden werden müßte, weil sonst Widersprüche drohen. Eine solche Unterscheidung hatte faktisch Kant bereits gefordert, die jedoch wie Kant auch Freud nicht durchzuführen vermag. So war sich Kant schon so weit sicher, ,,das Bewußtsein seiner selbst“ sei doch ,,noch lange kein Erkenntnis seiner selbst“ .[1]Dabei steht aber außer Frage, daß eine ,,Erkenntnis seiner selbst“ auch ihrerseits noch Fall eines ,,Bewußtseins seiner selbst“ sein muß. Infolgedessen kann es sich dabei auch nur um zwei verschiedene Arten von Bewußtsein handeln, deren Unterscheidung aber eben Schwierigkeiten macht. Doch wie gesagt, sind ohne diese Unterscheidung Widersprüche unvermeidlich, wie bei Freud, so auch bei Kant. Und die sind insbesondere bei Freud nicht unbemerkt geblieben, ja von prominenter Seite sogar aufgegriffen worden.

 


 

Im Schlußkapitel seines Romans ,,Der Erwählte“ greift Thomas Mann unüberhörbar auf die Psychoanalyse Freuds zurück. Es gestaltet unter anderem eine Wechselbeichte zwischen Sohn und Mutter, einen jahrelangen Inzest miteinander anbetreffend. Doch nicht dieser Inzest selbst ist es, was beiderseits gebeichtet wird. Der nämlich hatte sich zuletzt herausgestellt, worauf sich beide trennen mußten und sich nun zum ersten Mal wieder begegnen und erkennen und auch davon ausgehen, daß sie wechselseitig sich erkennen. Was tatsächlich beiderseits gebeichtet wird, ist vielmehr ausschließlich das Folgende. Die Mutter: ,,Tief unten“, dort, wo in der Seele ,,still die Wahrheit wohne“, da sei ihr ,,bekannt“ gewesen, habe sie ,,gewußt“, daß er ,,das eigene Kind“ ist. Und der Sohn, daß er ,,dort, wo die Seele keine Faxen macht“, desgleichen ,,recht gut wußte“, daß sie seine Mutter ist.

Hat Thomas Mann die freudsche Theorie, die er gut kannte, hierin mißverstanden? Ist doch nach der Theorie vom Ödipus-Komplex, die Thomas Mann hier nutzt, der ödipale Inzestwunsch ,,verdrängt“ und dadurch ,,unbewußt“, und zwar im eigentlichen Sinne dieses Wortes, nämlich als verdrängter nicht einmal bewußtseinsfähig. Von etwas nur faktisch Unbewußtem, doch durchaus Bewußtseinsfähigem‘ das Freud als bloßes ,,Vorbewußtesauffaßt, grenzt er dieses eigentliche Unbewußte nämlich als ,,dynamisch“ Unbewußtes ab, denn dieses werde durch Verdrängung ständig neu bewußtseinsunfähig gemacht.4

Noch dringlicher jedoch wird diese Frage, weil sich hinreichend belegen läßt: Nicht nur meint Freud mit ,,unbewußt“ soviel wie schlechthin ,,nicht bewußt“; als gleichbedeutend für ,,bewußt“ setzt er auch immer wieder ein ,,bekannt“ oder ,,gewußt“, so daß mit ,,unbewußt“ auch immer wieder ,,nicht bekannt“ bzw. ,,nicht gewußtgemeint sein muß .5 Zumal ein wesentlicher Grund dafür, daß Freud jenen Komplex gerade mit dem Namen ,,Ödipus-Komplex“ bezeichnet, darin liegt, daß Ödipus gerade ,,unwissentlich“ seine Mutter heiratet, nachdem er seinen Vater auch ,,unwissentlich“ getötet hat.6

Ein Mißverständnis also? Keineswegs. Was sich bei Thomas Mann hier widerspiegelt, ist vielmehr geradezu die wunde Stelle in der Theorie von Freud, die weiterhin der Heilung harrt, weil sie bisher noch nicht einmal in ihrem vollen Umfang aufgedeckt ist. Reihenweise gibt es Stellen in den Texten Freuds, wo es ihm schwer wird, jene strenge Unterscheidung von bewußt und unbewußt, die er von Anbeginn getroffen hatte, aufrechtzuerhalten, nämlich in dem Sinn von entweder bewußt oder gleich unbewußt

 


 

 

als nicht bewußt. War diese Unterscheidung doch einhergegangen mit der psychoanalytisch-grundlegenden These, mit der Freud einst angetreten war, wonach das Psychische gerade nicht mit dem Bewußten gleichzusetzen sei, wie überwiegend angenommen werde, sondern daß es Psychisches auch noch als Unbewußtes gebe. Mittlerweile ist bekannt,7 daß hierin Freud weit mehr an Vorgängern besitzt als die, auf die er selbst gelegentlich verweist, wie Lipps und Eduard von Hartmann. Unbeachtet bleibt jedoch, daß dabei allen nämlich denen, die ein unbewußtes Psychisches bejahen, ebenso wie denen, die ein unbewußtes Psychisches verneinen dieser strenge Unterschied von entweder bewußt oder gleich unbewußt im Sinn von nicht bewußt als selbstverständlich gilt.

Gerade Freud jedoch gerät mit dieser Selbstverständlichkeit, und zwar im Sinn der eigenen Theorie in Schwierigkeiten. Denn wie sollte sich verstehen lassen, um nur einen Grund zu nennen, daß ein ödipaler Vatertötungs- oder Mutterheiratswunsch nicht nur verdrängt wird, sondern immer weiter auch verdrängt gehalten wird, wenn die verdrängende Instanz das zu Verdrängende nicht mindestens auch unterscheiden kann von dem nicht zu Verdrängenden? Ist Freud zufolge doch durchaus nicht alles, was im Psychischen an Wünschen oder Trieben auftritt, etwas zu Verdrängendes.8 Wie aber könnte zwischen beidem unterschieden werden, ohne daß von beidem auch in irgendeinem Sinn Bewußtsein vorläge? Dann aber kann Verdrängtes als auch weiterhin verdrängt zu Haltendes nicht einfach unbewußt sein in dem Sinn von nicht bewußt.

Geradezu bewegend ist es nun, mitanzuhören, wie das, was nach Differenzierung förmlich schreit, das Ohr von Freud auch tatsächlich erreicht, doch ohne daß es sich im eigentlichen Sinn Gehör bei ihm verschaffen kann. Buchstäblich zu verdrängen sucht er dieses zu Differenzierende, um seine strenge Unterscheidung zwischen Psychischem als unbewußtem und bewußtem durchzuhalten. Freud auch selbst hier freudianisch zu behandeln, wird tatsächlich unausweichlich. Die für eine Therapie erforderliche Diagnose nämlich kann nur lauten: Er befürchtet, daß eine Differenzierung, die anstatt der zwischen Unbewußtem und Bewußtem vielmehr eine innerhalb dieses Bewußten selbst sein müßte, die Zurücknahme des unbewußten Psychischen erzwingen würde und sonach die Preisgabe des Psychoanalytisch-Eigensten. Einerseits betont er nämlich immer wieder, daß der Gegensatz zwischen bewußt und unbewußt ,,die einzige unmittelbare Sicherheit“ sei, ,,die es im Psychischen überhaupt gibt“,9 und damit ,,die einzige Leuchte im Dunkel der Tiefenpsychologie“ 10 Gerade deshalb aber drängt sich ander-

 


 

seits der Eindruck auf, daß gegen seinen Willen sich Bedenken melden, wenn er diesen Gegensatz auch wieder ,,ungenau“ oder ,,nicht unzweideutig“ 12 findet und zuletzt gar davon spricht, es sei notwendig, ,,von der unerfreulichen Einsicht Kenntnis zu nehmen“, daß ,,unsere Einstellung zum Problem bewußt-unbewußt gründlich zu revidieren“ sei.‘3 Die Folgen, die das haben müßte, hat es nämlich nirgendwo. Denn überall differenziert er anschließend nur weiter innerhalb des Unbewußten, nicht auch des Bewußten, wie es danach eigentlich vonnöten wäre.

Wie freudianisch diese Situation tatsächlich ist, in die Freud selbst gerät, zeigt sich besonders deutlich daran, daß ihm diesbezüglich sogar freudsche Fehlleistungen unterlaufen. Kurz nacheinander spricht er an zwei Stellen später nochmals Ödipus und seine beiden Taten an, die er sonst durchwegs als unwissentlich begangene auffaßt. An der ersten dieser Stellen aber sagt er nun: ,,Daß er es unwissentlich tut, indem er die beiden nicht als seine Eltern kennt, ist eine Abweichung vom analytischen Sachverhalt, die wir leicht verstehen, ja als notwendig anerkennen werden“ .14 Angesichts von dieser Ankündigung traut man seinen Augen nicht: An dem gemessen, was er sonst vertritt, kann Freud nicht wollen, daß die Sage hierin von der Analyse, nämlich von der Psychoanalyse ,,abweicht“, weil ein wesentlicher Grund für die Benennung ,,Ödipus-Komplex“ gerade die Unwissenheit des Ödipus gewesen ist. Ergibt diese Benennung sich für Freud doch daraus, daß er die durch Ödipus verübte Vatertötung wie auch Mutterheirat in Vergleich setzt mit der bloß gewünschten (und verdrängten) Vatertötung oder Mutterheirat innerhalb des psychischen Komplexes, weil der Wunsch genauso unwissentlich wie die Tat ergehe.

Dennoch folgt das Angekündigte fünf Seiten später. Freud spricht nunmehr von der Sage, wie sie Sophokles gestaltet, und sagt über die Unwissenheit des Ödipus, daß es bei ihr sich aus der Sicht der Psychoanalyse um eine ,,Entstellung“ handle und daß diese ,,unerläßlich ist, wenn eine poetische Gestaltung des Stoffes versucht wird“.‘5 All das hindert Freud jedoch in keiner Weise, schon im nächsten Satz wieder zu sagen, daß die Dichtung, die soeben noch eine ,,Entstellung“ war, dadurch ,,nichts Fremdes einträgt“. Denn diese ,,Unwissenheit des Ödipus“, die er soeben noch ,,entstellend“ nannte, ,,ist die legitime Darstellung der Unbewußtheit, in die für den Erwachsenen das ganze Erlebnis versunken ist“.‘6 Was sich bei Freud hier durchzusetzen zwar versucht, doch gegen seinen Willen wie bei einer Fehl-

 

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leistung nur halb vermag, ist etwas, das zehn Seiten später sich tatsächlich durchsetzt: des Verdrängten Wiederkehr. Vom Es als Inbegriff für das dynamisch Unbewußte sagt er hier: ,,Das Es ... hat seine eigene Wahrnehmungswelt. Es verspürt mit außerordentlicher Schärfe gewisse Veränderungen in seinem Inneren, besonders Schwankungen in der Bedürfnisspannung seiner Triebe, die als Empfindungen der Reihe Lust-Unlust bewußt werden. Es ist freilich schwer anzugeben, auf welchen Wegen und mit Hilfe

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welcher sensiblen Endorgane diese Wahrnehmungen zustande kommen

Dasselbe aber hatte er noch deutlicher bereits in den ,,Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ ausgeführt. Speziell von dem in Träumen Unbewußten sagt er hier, ,,daß der Träumer es doch weiß‘ was sein Traum bedeutet, nur weiß er nicht, daß er es weiß, und glaubt darum, daß er es nicht weiß“ 18 Kurz danach drückt er dies noch genauer aus, indem er sagt: Dieses ,,dem Träumer Unbekannte“ sei etwas, ,,wovon das Wissen im Träumer vorhanden, aber ihm unzugänglich“ und in diesem Sinne ,,unbewußt“ sei.‘9 Diese ,,Vorlesungen aus dem Jahre 1917 aber, deren

,,Neue Folge    aus dem Jahre 1933 Thomas Mann in seinem Freud-Vortrag von 1936 selbst zitiert,20 wird er gelesen haben. Schließlich ist der Einfluß Freuds bereits im ,,Zauberberg“ von 1924 wirksam. Thomas Mann hat demnach überhaupt nichts mißverstanden, sondern gibt nur wieder, was Freud in der Tat vertritt; und zwar gibt Thomas Mann es bis zur Vollständigkeit wieder, nämlich bis zur Widersprüchlichkeit, in die sich Freud dabei verstrickt. Denn wird, wie hier, ein Wissen vom Verdrängten angesetzt, so wird aus dem Verdrängten als dem Unbewußten in dem Sinn des Ungewußten oder nicht Gewußten ein Gewußtes, so daß dieses auch als ein Bewußtes gelten müßte. Um es dennoch als ein Unbewußtes aufrechtzuerhalten, ohne einem expliziten Widerspruch anheimzufallen, wird es nunmehr nur noch als ein ,,unzugängliches“ Gewußtes aufgefaßt. Der bloße Verbalismus einer ,,Unzugänglichkeit“ dieses Gewußten wie auch dieses Wissens von ihm kann jedoch die Widersprüchlichkeit des Wissens und Nichtwissens vom Verdrängten und mithin auch vom Verdrängten als dem Unbewußten und Bewußten nicht verbergen, so daß Thomas Mann sie offenlegt: Nicht nur setzt er für Freuds ,,bewußt“ an der genannten Stelle generell ,,bekannt“ oder ,,erkannt“ oder ,,gekannt“ oder ,,gewußt“ ein, also ,,wissend“; vielmehr läßt er jenen Inzest von der Mutter auch noch dahin charakterisieren, begangen habe sie ihn ,,unwissentlich-wissend“, was im Fall des Sohnes implizit noch einmal wiederkehrt.21 Und so gibt Thomas

 


 

 

 

Mann auf seine Art, nämlich ,,verschmitzterweise“, wie er sagen würde, zu verstehen, daß er hier belletristisch-fröhlich etwas ausnutzt, was ihm an der freudschen Theorie ,,apprehensiv“ ist: eben eine Widersprüchlichkeit. Dem Belletristen nämlich kann sie recht sein, nicht jedoch dem Wissenschaftler, der mit Wahrheitsanspruch auftritt: dem Wissenschaftler Freud so wenig wie dem, der ihn auch verstehen möchte.

Was genau ist es, was Freud in diese Schwierigkeiten bringt? Etwa das Unbewußte, wie dies alle meinen, die ihn kritisieren, aber ohne daß ihm dadurch beizukommen wäre? Durchaus nicht. Beizukommen ist ihm vielmehr erst, wenn man sich klarmacht, daß es keineswegs das Unbewußte, sondern das Bewußte ist, was diese Schwierigkeiten macht. Der Sinn des Unbewußten nämlich ist als negativer abhängig vom Sinn dieses Bewußten. Denn je danach, welcher Sinn mit dem Bewußten zu verbinden ist, ergibt auch dessen Negation einen je andern Sinn. Der Sinn dieses Bewußten aber gilt nicht nur Freud selbst, sondern auch jedem seiner Kritiker bis heute noch als selbstverständlich. Wie wir alle orientieren sie sich, wenn sie von etwas Bewußtem sprechen und von dem Bewußtsein, für das es bewußt ist, immer wieder an der Außenwelt, die wahrgenommen wird. Denn für die Wahrnehmung als Wahrnehmungsbewußtsein ist die Außenwelt gerade als etwas Bewußtes etwas Wahrgenommenes. Sie alle halten dieses Wahrgenommene und diese Wahrnehmung jedoch nicht nur für einen klaren Fall von beidem, von Bewußtsein und Bewußtem, sondern eben deshalb auch noch für einen elementaren Fall von beidem. Nur aus diesem Grund kann ihnen allen als so klar erscheinen, daß ,,bewußt“ sich nur negieren läßt zu ,,nicht bewußt“ als ,,unbewußt“.

Wie aber, wenn die Wahrnehmung als Wahrnehmungsbewußtsein und entsprechend auch das Wahrgenommene als Bewußtes kein elementarer Fall von beidem wäre, sondern ein komplexer, wie zum Beispiel dadurch, daß Bewußtsein und Bewußtes ein spezieller Fall und damit ein in sich differenzierter Fall von beidem wäre? Dann nämlich wäre er auch alles andere als ein klarer Fall von beidem. Denn dann ließe der elementare Ausdruck, unter dem ein jedes davon auftritt, den differenzierten Sinn von beidem ja gerade undifferenziert. Vor allem aber wäre dann auch alles andere als klar, daß bei differenziertem Sinn diese Negierung von ,,bewußt“ nur ,,unbewußt“ als ,,nicht bewußt“ ergeben kann. Denn ist ein undifferenzierter Ausdruck von differenziertem Sinn, so bleibt zunächst auch unklar, welches Element dieses differenzierten Sinns durch die Negierung seines undifferenzierten Ausdrucks eigentlich negiert wird. Wo das klar ist, wie etwa bei ,,Löwe“, ist auch klar, was bei Negierung eigentlich negiert wird, nämlich nur, daß etwas Löwe sei, und nicht auch noch, daß dieses Etwas Lebewesen sei: Der Gattungssinn von ,,Lebewesen“, der als Teilsinn innerhalb des Sinns von ,,Löwe“ mitenthalten ist, bleibt bei Negierung dieses letzteren unangetastet. Und das heißt: Es wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass

 


 

ein Nichtlöwe ein Lebewesen sein kann. Diesbezüglich hatte man jedoch für den besonderen Fall dieses Bewußtseins und dieses Bewußten, dessen Sinn bis heute noch ein Rätsel ist, nicht die geringste Hilfe. Die Versuche nämlich, in die innere Struktur desselben vorzudringen, waren nicht gelungen.

Freilich hätte man gewarnt sein können, da seit Aristoteles bekannt war, daß die Wahrnehmung in sich komplex sein muß, weil sie auch Irrtum, und das heißt, auch falsch sein kann und deshalb grundsätzlich die innere Struktur von Urteil, Aussage oder Behauptung haben muß.22 Danach heißt, etwas wahrzunehmen, grundsätzlich, etwas als etwas wahrzunehmen, wobei diese beiden Etwas nicht identisch, sondern different sind. Ersteres steht dabei für ein Ding und zweiteres für eine Eigenschaft von ihm. Im einfachsten und ursprünglichsten Fall hat Wahrnehmung von Außenwelt deswegen immer eine Form wie etwa ,,Dies ist rot“, auch wenn dieselbe sprachlich in der Regel nicht zum Ausdruck kommt. Denn nur durch diese Form läßt sich die Tatsache erklären, daß Wahrnehmung auch einmal Irrtum, also falsch sein kann. Etwas als etwas wahrzunehmen, heißt mithin, dem einen Etwas - einem Ding, das dabei indiziert wird, durch den sogenannten Indikator ,,Dies …“- das andere Etwas - seine Eigenschaft – dabei zu prädizieren durch den sogenannten Prädikator „…. rot“, wobei sie durch das „…ist…“, die sogenannte Kopula, verbunden werden.

So bekannt jedoch die innere Komplexität der Wahrnehmung als Prädizierung war, so unbekannt ist immer noch, daß eben diese innere Komplexität derselben auch noch eine innere Komplexität derselben als Bewußtsein nach sich zieht. Danach ist auch der einfachste und ursprünglichste Fall der Wahrnehmung von Außenwelt als Wahrnehmungsbewußtsein keineswegs elementar, sondern komplex, weil er als Einheit eines Wahrnehmungsbewußtseins jeweils unterschiedliche Bewußtseinsarten, die denn auch zu unterscheiden sind, in sich vereint. Dies aufzuweisen, ist jedoch erst möglich seit der wohlbekannten Unterscheidung zwischen Sprache als ,,Objektsprache“ und ,,Metasprache“. Wie als erster Frege eingesehen hat, ist diese Unterscheidung nötig, um semantische und logische Paradoxien zu vermeiden.23 Als Objektsprache ist Sprache danach Sprache über die nicht-sprachlichen Objekte, wohingegen sie als Metasprache vielmehr Sprache über Sprache ist und so zuallererst die Metasprache über die Objektsprache.

Im angelsächsischen Bereich zog diese Unterscheidung Freges nun noch eine weitere nach sich, die bedeutsam ist, deren Bedeutsamkeit indes noch immer nicht erkannt zu sein scheint. Was bedeutet es für Sprache selbst, so fragte man sich dort, wenn zwischen Sprache als Objektsprache und Metasprache solch ein wesentlicher Unterschied besteht? Und man be-


 

antwortete diese Frage sich wie folgt. Entscheidend dafür ist der Unterschied von ,,used“ und ,,mentioned“.24 Als Objektsprache ist Sprache ,,used“, benutzt, jedoch nicht "mentioned", nicht erwähnt. Das wird sie vielmehr erst, wenn sie als solche selbst zum Objekt einer Metasprache wird, die ihrerseits dann wieder ,,used“, benutzt, jedoch nicht ,,mentioned“‘ nicht erwähnt ist. Vielmehr wird das auch die Metasprache erst, wenn sie als solche selbst zum Objekt einer Metametasprache wird, die ihrerseits dann wieder ,,used“, benutzt, jedoch nicht ,,mentioned“‘ nicht erwähnt ist, usw.

 

Doch den Unterschied, um den es geht, bringt das ,,erwähnt“ als deutsche Übersetzung für das ,,mentioned“ viel zu schwach zum Ausdruck. Um ihn wirklich klar hervorzuheben, sollte man es vielmehr, wenn auch minder wörtlich, durch das sehr viel stärkere  ,,thematisiert“ oder ,,thematisch“ übersetzen. Als Objektsprache ist  Sprache  ,,used“, benutzt, jedoch nicht ,,mentioned“, nämlich nicht thematisiert oder thematisch. Vielmehr wird sie das erst durch die Metasprache über sie, und diese Metasprache ist dann abermals nur ,,used“‘ benutzt, jedoch nicht ,,mentioned“, nämlich nicht thematisiert oder thematisch usw.  Um beim Beispiel ,,Dies ist rot“ zu bleiben, so ist Ziffer 1 ein Beispiel für Objektsprache,25 beachten Sie das Fehlen von Gänsefüßchen. Ziffer 2 dagegen ist bereits ein Fall von Metasprache:

Anhang

 

(1)

Dies ist rot

(2)

„Dies ist rot“ .

(3)

„Dies ist rot“ ist wahr.“

 

Durch die Wiederholung eines Ausdrucks innerhalb von Gänsefüßchen, so die Einsicht Freges, bilden wir für diesen Ausdruck ohne Gänsefüßchen einen Namen, also einen Namen für den Ausdruck unter Ziffer 1. Und dadurch schon wird er thematisiert oder thematisch, auch wenn dieser Name unter Ziffer 2, durch die drei Punkte angedeutet, bloßer Name und daher noch keinerlei Behauptung, Urteil oder Aussage der Metasprache ist, was vielmehr erst in Ziffer 3 der Fall ist.

Diese grundsätzliche Unterscheidung aber, die zunächst allein für Sprachliches getroffen wurde, muß sich auch auf Nichtsprachliches übertragen lassen. Schon im Rahmen dieses Sprachlichen zieht diese Unterscheidung nämlich eine weiterführende Frage nach sich: Was denn wird in einem Fall von Sprache dann thematisiert oder thematisch, wenn sie selbst gerade nicht thematisiert oder thematisch, sondern nur benutzt wird, wie im Regelfall bloßer Objektsprache? Die Antwort kann nur lauten, daß thematisiert oder thematisch dann ausschließlich das nichtsprachliche Objekt wird. Dann jedoch bedarf es nur noch eines weiteren Schritts, um ferner einzusehen, daß diese Unterscheidung von ,,benutzen“ und ,,thematisieren“ letztlich eine Unterscheidung von Bewußtseinsarten nach sich ziehen muß. Dann heißt, es sei im Regelfall bloßer Objektsprache die Sprache nur benutzt und nicht thematisiert, soviel wie, daß sie dabei nicht thematisiert be-


 

 

 

 

wußt sei, sondern dabei nur benutzt bewußt sei. Beides nämlich, das Benutzen ebenso wie das Thematisieren‘ kann dann auch nur das Benutzen oder das Thematisieren durch ein Subjekt sein, das des dabei Benutzten ebenso wie des dabei Thematisierten sich bewußt sein muß, nur eben unterschiedlich. Und tatsächlich ist sich ein Subjekt auch dessen, was in diesem Regelfall bloßer Objektsprache als einziges thematisiert oder thematisch wird, bewußt, eben thematisiert bewußt: des nichtsprachlichen Objekts. Dieses nämlich ist in einem Fall wie ,,Dies ist rot“ als Formulierung einer Wahrnehmung das Wahrgenommene als das Bewußte für das Wahrnehmungsbewußtsein. Nur ist dieses Bewußte eben ein thematisiert Bewußtes für die Wahrnehmung als ein thematisierendes Bewußtsein, während die dabei vielleicht benutzte Sprache ihrerseits gerade nicht thematisiert ist, sondern nur benutzt ist, deshalb aber auch noch ihrerseits dabei bewußt sein muß, nur eben nicht thematisiert bewußt sein kann bzw. unthematisiert bewußt sein muß. Ist erst einmal geklärt, daß mit ,,bewußt“ nichts anderes als ,,thematisiert bewußt“ gemeint sein kann, wenn man sich dabei ausschließlich am Wahrnehmungsbewußtsein orientiert, wie Freud und alle seine Kritiker, so wird auch klar, daß die Negierung davon nur ,,thematisiert   betreffen kann und nicht etwa auch noch   bewußt“, sondern dies letztere unangetastet lassen muß wie ,,Lebewesen“ bei der Negation von ,,Löwe“.

Diese Unterscheidung von ,,thematisiert“ bewußt und ,,nicht thematisiert“ bzw. ,,unthematisiert“ bewußt im Sinn von bloß ,,benutzt“ bewußt ist aber unabhängig von dem Unterschied zwischen Objekt- und Metasprache, über den sie einzuführen war. Nach ihrer Einführung läßt sie sich nämlich ganz auf die Objekte als das Nichtsprachliche übertragen. Und dort ergibt sie weiterführende Einsichten, so daß durch sie auch nicht für die Subjekte etwas unerlaubterweise vorentschieden werden kann. Ja diese Übertragung wird sogar erzwungen, wenn man mitberücksichtigt, daß als thematisierendes Bewußtsein von der Außenwelt die Wahrnehmung im Sinn der inneren Struktur von ,,Dies ist rot“ in sich komplex sein muß. Kann sie dann doch nicht einfach darin aufgehen, das thematisierende Bewußtsein von etwas zu sein: von einem Ding als einem roten, wie in diesem Fall. Sie muß dann vielmehr innerhalb von sich als dieser Einheit des thematisierenden Bewußtseins von etwas, vom roten Ding, auch noch ein nichtthematisierendes Bewußtsein von etwas umfassen, das gleichwohl auch selbst ein Vollbewußtsein dieses Etwas ist, nämlich der Eigenschaft von diesem Ding. Denn diese ist es, die dem Ding dabei durch  rot“ als Prädikator prädiziert wird, was nicht möglich wäre, würde sie dabei im Rahmen des Gesamtbewußtseins einer Wahrnehmung wie ,,Dies ist rot“ nicht auch in vollem Sinn bewußt. Und dennoch wird sie dabei nicht thematisiert bewußt, weil innerhalb von ,,Dies ist rot“ sowohl durch ,,Dies    als auch durch    rot“ allein das Ding thematisiert wird: inhaltlich durch   rot“ sowie formal durch ,,Dies  . Denn nur das Ding

 


 

ist rot, nicht etwa seine Eigenschaft, wie angedeutet durch die Pfeile unter Ziffer 4.

Thematisiert wird diese Eigenschaft vielmehr erst durch Ersetzung dieses   rot“ durch   Röte“, was dann auch noch die Ersetzung dieses  ist    durch ,,... hat    erzwingt, wenn anders Ziffer 5 zu Ziffer 4 in logischer Äquivalenz steht. Dies jedoch beweist geradezu, daß erst durch  Röte“ diese Eigenschaft thematisiert wird und dadurch thematisiert bewußt wird. Denn erst hierdurch wird dann auch noch etwas Anderes als dieses Ding thematisiert und so thematisiert bewußt, das es darum auch nur noch ..... hat  , nicht etwa ,, ... ist  , auch wenn es sich bei diesem Anderen um etwas in ihm oder an ihm handelt, und das heißt: um eine Eigenschaft von ihm, wie angedeutet durch die Striche unter Ziffer 5.

Für Freud gewonnen wäre damit etwas Wesentliches. Wiederholt betont er,26 daß er mit dem strengen Unterschied zwischen ,,bewußt“ und ,,nicht bewußt“ als ,,unbewußt“ durchaus nicht einen bloßen graduellen Unterschied der Quantität meint, wie zum Beispiel zwischen den verschiedenen Graden einer Zuwendung von Aufmerksamkeit, wodurch etwa im Gesichtsfeld eines gegenüber einem anderen mehr oder weniger im Vordergrund bzw. Hintergrund steht. Daß er damit keinem Unding nachjagt, wäre hierdurch aufgewiesen. Denn unüberbrückbar scharf wie jener Unterschied zwischen Objekt- und Metasprache ist auch der von ,,used“ und ,,mentioned“ und im Anschluß daran der zwischen ,,benutzt bewußt“ oder ,,thematisiert bewußt“. Dazwischen kann es keine Abstufungen geben, so wie auch nicht zwischen  „ rot“ und   „Röte“. Denn im Fall von ,,Dies ist rot“ wird Röte eben nur benutzt und so auch nur benutzt bewußt, nämlich nur prädiziert bewußt, und nicht etwa thematisiert bewußt.

Der Unterschied dazwischen aber ist so scharf, daß sich Thematisieren und Prädizieren von Röte ausschließen: Ist Röte erst einmal thematisiert, läßt sie sich nicht mehr prädizieren, wie in ,,Dies ist rot“. Denn was in ,,Dies hat Röte“ prädiziert wird, ist dann etwas Neues, wenn auch logisch Gleichbedeutendes, daß nämlich ein Thematisiertes, dieses Ding, ein anderes Thematisiertes, diese Eigenschaft, gerade   hat  . Infolgedessen ist, was dabei prädiziert wird, diese neue Eigenschaft des Habens, welche zweistellig und asymmetrisch ist, wie angedeutet durch den waagerechten Pfeil in Ziffer 5.

Und diese nunmehr prädizierte Eigenschaft des Habens ist dabei erneut gerade nicht thematisiert, jedoch auch selbst schon voll bewußt, nur eben bloß benutzt bewußt. Genau entsprechend ist die Eigenschaft der Röte auch im Fall von ,,Dies ist rot“ schon voll bewußt, wenn auch noch nicht thematisiert bewußt, weil nur benutzt bewußt. Sonst könnte nämlich nicht nur nicht verständlich werden, daß sich diese Eigenschaft der Röte prädizieren

 


 

läßt, sondern erst recht auch nicht, daß diese Eigenschaft sich nicht nur prädizieren läßt, sondern an Stelle dessen durch den Übergang von Ziffer 4 zu -5 dann auch noch selbst thematisieren läßt. Verständlich wird das eine wie das andere nur, wenn sie auch schon als die bloß prädizierte voll bewußt ist, wenngleich bloß benutzt bewußt.

Freud aber müßte sie für ,,unbewußt“ im Sinn von ,,nicht bewußt“ erklären, was jedoch nicht stimmen kann. Sie ist vielmehr nur nicht ,,thematisiert bewußt“, was Freud jedoch, indem er dafür bloß ,,bewußt“ sagt, implizit läßt. Deshalb sagt er auch für ,,nicht thematisiert bewußt“ gleich ,,nicht bewußt“ im Sinn von ,,unbewußt“, auch wenn er damit ,,vorbewußt“ als grundsätzlich ,,bewußtseinsfähig“ meint. Sobald es aber explizit ist, daß er mit ,,bewußt“ recht eigentlich ,,thematisiert bewußt“ meint, ändert sich das grundlegend. Dann ist die Eigenschaft nicht sogleich ,,unbewußt“, sondern nur ,,unthematisiert“ bewußt, mithin sehr wohl bewußt, eben ,,benutzt“ bewußt. Entsprechend ist sie dann auch nicht im Sinn von ,,vorbewußt“ etwa ,,bewußtseinsfähig“, weil das widersinnig wäre, denn sie ist ja schon bewußt. Vielmehr ist sie nur ,,vorthematisiert“ und so ,,thematisierungsfähig“, weil der Übergang von Ziffer 4 zu Ziffer 5 ja ohne weiteres möglich ist.

Die scharfe Unterscheidung Freuds zwischen ,,bewußt“ und ,,unbewußt“ als ,,nicht bewußt“ erweist sich danach mit derselben Schärfe als die Unterscheidung von ,,thematisiert“ und ,,unthematisiert“ als ,,nicht thematisiert“ bewußt und so als Unterscheidung zwischen Arten von Bewußtem innerhalb der Gattung von Bewußtem, also innerhalb von grundsätzlich Bewußtem. Zu ,,thematisiert bewußt“ verhält ,,bewußt“ sich, wie zu ,,Löwe“ ,,Lebewesen“ sich verhält, nämlich als Gattung zu verschiedenen Arten von ,,bewußt“ oder von ,,Lebewesen“: Da er das von ihm Gemeinte stets nur als ,,bewußt“ bezeichnet, spricht Freud ständig so wie einer, der die Löwen meint, von ihnen aber immer nur als Lebewesen spricht, so daß Negierung davon eben den Bereich der Lebewesen oder des Bewußten grundsätzlich verläßt, was bei entsprechender Spezifizierung aber jeweils ausgeschlossen ist. Denn ,,Löwe“ zu negieren, bedeutet, wie gesagt, durchaus nicht, auch noch ,,Lebewesen“ zu negieren, und das spezifiziert ,,Bewußte“, nämlich das ,,thematisiert“ Bewußte zu negieren, bedeutet demgemäß durchaus nicht, auch noch das Bewußte zu negieren, das vielmehr als das ,,benutzt“ Bewußte übrig bleibt, sowie die andern Lebewesen bei der Negation von ,,Löwe“.

Was jedoch schon für die Seite des Objekts gilt, für die Eigenschaft am Ding, das gilt erst recht für alles, was bei Wahrnehmung desselben auf der Seite des Subjekts an dieser Wahrnehmung beteiligt ist, und zwar nicht nur für deren Formulierung mittels Sprache als Objektsprache. Das gilt vielmehr auch noch für alle innere Komplexität der Wahrnehmung als Urteil. Heißt doch auch, zu urteilen, soviel wie, etwas zu benutzen, und gleich mehreres:


 

nicht nur einen Begriff wie   rot“, sondern mit ihm zusammen auch noch eine subjektive ,,Rotempfindung“ als ein ,,Sinnesdatum“, um durch Wahrnehmung in Form von ,,Dies ist rot“ ein rotes Objekt zu thematisieren. Denn auch dies Benutzte, der Begriff genauso wie das subjektive Sinnesdatum, muß dann als etwas Benutztes auch etwas Bewußtes sein, eben benutzt bewußt, wogegen dabei nach wie vor thematisiert bewußt nur dieses rote Objekt ist. Wie jene Eigenschaft der Röte im Objekt läßt aber auch dieser Begriff und dieses Sinnesdatum im Subjekt sich noch thematisieren, nämlich als etwas erst einmal nur Benutzt-Bewußtes zum Thematisiert-Bewußten machen, wie das etwa durch Philosophie als Reflexion darauf geschieht. Und faktisch tut das auch schon die ,,Versuchsperson“, wenn sie dem an ihr experimentierenden Physiologen ihre jeweiligen Seelenzustände beschreibt, womit sie faktisch dann auch alle widerlegt, die Psychisches im Unterschied zu Physischem nicht gelten lassen möchten, was für Freud jedoch nicht in Betracht kommt.

Im Regelfall von Wahrnehmungsbewußtsein als thematisierendem Bewußtsein von Objekten in der Außenwelt ist unthematisiert bewußt jedoch, sofern dabei vorhanden, auch noch jedes andere Psychische, wie etwa Stimmung und Gefühl, solange es nicht seinerseits thematisch wird, wie etwa Schmerz, wenn er zu stark wird. Ob es auch in solchen Fällen Sinn hat, das Gemeinte statt nur negativ als ,,unthematisiert“ Bewußtes positiv auch als ,,benutzt“ Bewußtes zu bezeichnen, will ich offen lassen, weil hier innerhalb des Unthematisiert-Bewußten weitere Differenzierungen notwendig werden könnten. Trotzdem wird es dabei bleiben können, daß es auch in allen solchen Fällen sich um grundsätzlich Bewußtes handeln muß. Freud selbst schlägt diesbezüglich wiederholt das psychologische Gewissen, wie etwa, wenn er sich sagt, ein Schmerz als etwas Psychisches sei nur vorhanden, wenn er auch ,,gespürt“ wird, und das heiße: wenn er auch ,,bewußt“ ist.27 Und das läßt sich weiter stützen: Angenommen, jemand sagt ,,Ich habe Schmerzen, aber derzeit spüre ich sie nicht“, so ist das sprachlich wie auch sachlich widersinnig: Schmerzen hat man eben nur, indem man Schmerzen spürt, gerade darin sind sie etwas Psychisches. Nur etwas Physisches, wie eine Wunde, kann man haben, ohne sie zu spüren, etwa wenn man unter schmerzstillenden Mitteln steht. Das gilt jedoch genauso auch für Wünsche oder Triebe und dergleichen. Nur ein Wunsch bzw. Trieb, der auch gespürt wird, und das heißt, der auch bewußt ist, kann als etwas Psychisches vorhanden sein, gleichviel, was ihm als Physisches zugrunde liegen mag und auch vorhanden sein kann, wenn er nicht vorhanden ist.

Nur heißt, daß er bewußt sein muß, nicht auch sogleich, daß er thematisiert sein muß, weil er vielmehr auch unthematisiert und dennoch voll

 


 

 

 

bewußt sein kann. Der Widerspruch, in den sich Freud verstrickt, wie Thomas Mann bemerkt, tritt danach nicht mehr auf. Denn ,,unwissentlich-wissend“ heißt dann nur soviel wie ,,unthematisiert bewußt“, und das ist überhaupt kein Widerspruch: Es kann etwas bewußt sein, ohne deshalb auch bereits thematisiert bewußt zu sein, und dies bedeutet eben, ohne daß derjenige, dem es in diesem Sinn dann unthematisiert bewußt ist, davon auch schon weiß. Denn wie bekannt, ist es auch äußerst schwierig, sich das jeweils eigene Psychische in diesem Sinn bewußt, nämlich thematisiert bewußt zu machen; und dies auch schon, wenn es grundsätzlich thematisierungsfähig ist, wie das zum Beispiel an den Schwierigkeiten der Philosophie ersichtlich wird, durch Reflexion all das thematisiert bewußt zu machen, was bei einer Wahrnehmung von Außenwelt an Innenwelt bewußt, doch nicht thematisiert ist.

Um wieviel schwieriger ist dies jedoch erst dann, wenn es sich nicht um etwas handelt, das thematisierungsfähig ist, weil es nach Freud verdrängt ist und aus diesem Grund thematisierungsunfähig. Auf diese Weise ließe sich dann auch verstehen, was es bedeutet, ,,etwas zu verdrängen“ und ,,etwas verdrängt zu halten“, nämlich keineswegs, es einfach ,,unbewußt“ zu machen und zu halten. Vielmehr heißt das, es nur ,,unthematisiert“ zu machen und zu halten, wohingegen es bewusst -  nur eben nicht ,,thematisiert“ bewusst -  grundsätzlich ist und bleibt. Nur das, was ,,spürbar“ auch rumort und damit grundsätzlich bewußt ist, kann ein Anlaß sein, es zu verdrängen und verdrängt zu halten. ,,Themawechsel!“, , pflegen wir zu sagen, wenn wir etwas kommen sehen, das unangenehm zu werden droht. Bewußt muß es daher schon sein, und nur seine Thematisierung wird ihm dadurch - sei es schon im vorhinein verweigert oder erst im nachhinein entzogen: die zwei Möglichkeiten für Verdrängung, die Freud immer wieder ansetzt.28 Nicht bereits um die ,,Bewußtseinsschwelle“ geht es dabei, wie das immer wieder fälschlich formuliert wird, sondern erst um die Thematisierungsschwelle. Kann doch jenem Inzestwunsch auch nicht schon, wenn er bloß bewußt ist, nämlich ,,spürbar“ bloß rumort, seine Erfüllung auch verweigert werden29, sondern erst, wenn er als dieser ,,spürbare“ und so bewußte auch thematisiert wird: So ist im bekannten Märchen jener Kobold auch mit aller Macht am Werk; gebrochen wird sie erst, wenn man ihm seinen Namen, ,,Rumpelstilzchen“, auf den Kopf zu sagt. Im Gegenteil ist jenes Inzestwunsches Nichtthematisierung die Bedingung seiner auch noch spürbar wonnigen Erfüllung.30 Deren Winken ist denn auch der Grund dafür, daß Sohn und

 


 

 

Mutter, wenngleich wiederholt Gelegenheit dazu besteht, eine Thematisierung dieses Wunsches jeweils unterlassen und stattdessen ein Versteckspiel mit sich selbst vollführen, wie Thomas Mann es mehrfach meisterlich gestaltet.31 Das Thematisieren eines solchen Wunsches fällt nicht leicht, weil Einbuße an Lust damit verbunden wäre, aber es ist möglich. Denn das zu Thematisierende ist etwas grundsätzlich Bewußtes, auch in allen andern Fällen von Verdrängung, wie etwa bei den Neurosen. Die Ersatzbefriedigung ist es, die hier den Weg zu einem Wunsch weist, der bewußt, weil spürbar, sein muß, aber nur thematisierbar ist mit Hilfe einer in der Regel langwierigen psychoanalytischen Behandlung. Und geheilt ist der Behandelte, sobald er diesen Wunsch so weit thematisieren kann, daß er ihn als thematisierten auch noch akzeptieren, nämlich ihn sich auch noch eingestehen und mit ihm leben kann, so daß er ihn nicht mehr verdrängen muß.

Daß es auch ,,unbewußtes“ Psychisches gibt, war die These, mit der Freud der Überlieferung entgegentrat, die meinte, daß es Psychisches nur als ,,Bewußtes“ geben könne. Mußte Freud, wie er es tat, befürchten und daher versuchen zu verdrängen, daß er diese These preiszugeben und zu jener Überlieferung zurückzukehren hätte, wäre er gezwungen, dieses Unbewußte wieder durch etwas Bewußtes zu ersetzen? Keineswegs. Denn jene Überlieferung hat das Bewußte, das allein das Psychische sein sollte, ihrerseits nur implizit als das Thematisiert-Bewußte aufgefaßt. Von daher ist die These, daß es Psychisches auch noch als ein in diesem Sinne Nichtbewußtes oder Unbewußtes geben könne, nämlich auch noch als ein Nichtthematisiert-Bewußtes oder Unthematisiert-Bewußtes geben könne, eine bleibende Errungenschaft von Freud, auch wenn es gilt, sie erst noch weiter auszuführen und zu begründen. Zwingt sie so doch erstmals zur Differenzierung innerhalb von grundsätzlich Bewußtem, mangels derer auch schon die Versuche von Descartes bis Hegel scheiterten, einen Zusammenhang von ,,Fremdbewußtseinwie etwa der Wahrnehmung von Außenwelt mit ,,Selbstbewußtsein“ herzuleiten, was nur bei entsprechender Differenzierung von   „….bewußtsein“ widerspruchsfrei möglich werden kann.

So hatte Kant, wie eingangs ausgeführt, den Unterschied von Selbsterkenntnis gegenüber Selbstbewußtsein immerhin bereits behauptet, wenngleich nicht begründet. Ihn auch zu begründen, wäre aber um so nötiger, da Kant das Selbstbewußtsein eines Subjekts als den Ursprung jeglichen Bewußtseins dieses Subjekts ansetzt. Danach ist mithin auch jedes Fremdbewußtsein eines Subjekts von einem Objekt, das heißt: von etwas Anderem als sich, auf dieses Selbstbewußtsein des Subjekts von sich zu-


 

rückzuführen.32 Genau in dem Sinn soll das nämlich gelten, daß ein Fremdbewußtsein so etwas wie ein ,, ... bewußtsein“ überhaupt nur durch das Selbstbewußtsein ist, das es in sich enthält, indem es als ein Fremdbewußtsein eine unlösbare Einheit mit ihm bildet.

Was Kant dabei vorschwebt, läßt sich von der Sprache her wie folgt verstehen: Hat ein Subjekt zum Beispiel das Bewußtsein einer Wahrnehmung von einem Baum, so heißt das Kant zufolge, daß in solcher Wahrnehmung ein Subjekt sich des Baums bewußt sei, wozu dieses Subjekt also erst einmal sich selbst bewußt sein müsse, um dann sich auch eines Baums noch selbst bewußt werden zu können, und das heißt: um sich auch eines Anderen als sich noch selbstbewußt werden zu können. Solches Fremdbewußtsein nämlich müßte dann auf irgendeinem Weg aus solchem Selbstbewußtsein selbst hervorgehen, was Kant herzuleiten zwar versuchte, aber nicht vermochte. Denn hervorzugehen vermöchte solches Fremdbewußtsein dann aus solchem Selbstbewußtsein nur, wenn solches Selbstbewußtsein dabei umgekehrt in solches Fremdbewußtsein selber einzugehen vermöchte.

Dazu aber müßte eben mindestens gesichert sein, daß eine solche unlösbare Einheit von Bewußtsein, welches Selbstbewußtsein und auch Fremdbewußtsein wäre, widerspruchsfrei wäre. Dies jedoch ist alles andere als selbstverständlich. Sind doch Selbstbewußtsein, als Bewußtsein des Subjekts von sich, und Fremdbewußtsein, als Bewußtsein des Subjekts von Anderem als sich, vom Objekt, keinesfalls einfach dasselbe. Deshalb müßte die Vereinigung von ihnen zu einem Bewußtsein, das die unlösbare Einheit beider wäre, einen Widerspruch ergeben: Es sei denn, „... bewußtsein“ hätte innerhalb von ,,Selbstbewußtsein“ nicht denselben Sinn wie innerhalb von ,,Fremdbewußtsein“. Eben darauf aber liefe jene Unterscheidung Kants auch in der Tat hinaus, wenn er sie durchzuführen vermöchte. Damit nämlich, ,,das Bewußtsein seiner selbst“ sei doch ,,noch lange kein Erkenntnis seiner selbst“, kann nur gemeint sein, Selbstbewußtsein eines Subjekts sei noch lange keine Selbsterkenntnis dieses Subjekts.

Nicht genug bewundern aber kann man Kant für diese Einsicht, und zwar eben weil sie nur intuitiv bleibt und nicht auch noch diskursiv wird, da ihm die Begriffe fehlen, die dazu erforderlich sind. Bringt man sie jedoch mit ein, so kann es zum genannten Widerspruch von vornherein nicht kommen. Denn ein Fremdbewußtsein, das mit einem Selbstbewußtsein eine unlösbare Einheit bilden müsse, weil doch ersteres nur dadurch ein Bewußtsein bilden könne, daß ihm letzteres zugrunde liege, sind dann keineswegs im selben Sinn   bewußtsein“. Nur das Fremdbewußtsein nämlich als Bewußtsein vom Objekt ist dann ,,Erkenntnis“, weil erkannt im Sinne von

 


 

 

thematisiert dabei tatsächlich nur das Objekt wird, das heißt, nicht etwa auch das Subjekt. Und tatsächlich ist im Fall von einer Wahrnehmung als einem Urteil wie ,,Dies ist ein Baum“ allein der Baum erkannt im Sinne von thematisiert: allein das Objekt als das wahrgenommene, und nicht etwa auch noch das Subjekt als das wahrnehmende oder urteilende. Dieses Subjekt hat vielmehr von sich als diesem wahrnehmenden oder urteilenden dabei nur ein Selbstbewußtsein, welches eben nicht auch seinerseits noch eine Wahrnehmung von sich oder ein Urteil über sich als Subjekt ist. Im Unterschied zu seinem Fremdbewußtsein als erkennendem oder thematisierendem Bewußtsein ist sein Selbstbewußtsein vielmehr nichts.als ein benutzendes Bewußtsein von all dem, was ein Subjekt benutzen muß, um etwas Anderes als sich ursprünglich zu erkennen oder zu thematisieren: zum Beispiel ein benutzendes Bewußtsein vom Begriff und Sinnesdatum.

Genau in diesem Sinne geht sein Selbstbewußtsein in sein Fremdbewußtsein so ein, daß das erstere dem letzteren zugrunde liegt und dadurch eine unlösbare Einheit mit ihm bildet, die durchaus nicht widersprüchlich ist. Denn Selbstbewußtsein, als Bewußtsein eines Subjekts nur von sich, und Fremdbewußtsein, als Bewußtsein eines Subjekts nur von Anderem als sich, nur vom Objekt, sind dann auch grundverschiedenes Bewußtsein. Nur ist Kant zu deren zureichender Unterscheidung mangels dieser dazu nötigen Begriffe bis zuletzt nicht in der Lage.33 Dies jedoch beeinträchtigt dann auch die Einsicht in das eigene Unternehmen der Philosophie als Reflexion auf all dies nur Benutzte und daher zunächst auch nur Benutzt-Bewußte, nämlich daß sie danach trachtet, nachträglich und rückläufig auch all dies selbst noch zu thematisieren und zu erkennen: bis zurück zu Trieben oder Wünschen. Sie geht eben dahin, das, was dabei vorerst bloßes Selbstbewußtsein davon ist, auch noch zu Selbsterkenntnis davon zu erheben34 und auf diese Weise das, was dabei vorerst bloß Benutzt-Bewußtes ist, auch in Thematisiert-Bewußtes noch zu überführen.35

 


 

 

 

Bewußtsein ist ein unbewußter Akt“, so pflegt man zu zitieren.36 Doch verständlich wird auch dies erst durch differenziertere Begrifflichkeit:

,Thematisierung ist ein unthematisierter Akt, der dennoch voll bewußt ist, wenn auch bloß benutzt-bewußt im Rahmen eines Selbstbewußtseins‘. Deshalb kommt es für ein selbstbewußtes Subjekt darauf an, auch sich als diesen erst einmal nur unthematisierten Akt noch zu thematisieren‘ um auch noch zur Selbsterkenntnis von sich selbst als diesem Selbstbewußtsein fortzuschreiten. Und so ist dem selbstbewußten menschlichen Subjekt das „gnothi seauton“ denn auch genau in diesem Sinne weiterhin geboten; und zwar um so mehr, als dieses Subjekt heutzutage mehr denn je darauf erpicht ist, seiner ,,höchsten Lust“ zuliebe umgekehrt gerade dem Gebotenen entgegen rückzuschreiten in das lustvoll-bloße Selbstbewußtsein: Selbsterkenntnis nämlich kann für ,,höchste Lust“ nur Störung oder gar Verhinderung bedeuten. Jedenfalls ist die dafür willkommene Ausrede, ein Fortschritt dahin sei unmöglich, wie man sehe, weil sogar die größten Philosophen daran scheitern, nicht zu halten. Dieses Scheitern nämlich ist vermeidbar durch die vorgeschlagenen Begriffsbildungen. Deren Aufnahme und Fortführung wird somit auch als Mindestanforderung an Bewußtseinstheorien der Zukunft gelten müssen, um durch solche Weiterausbildung der Sprache des Bewußtseins eine Weiteraufschließung der Sache des Bewußtseins zu erzielen.

 


 


Gerold Prauss

                                                         Anhang

 

(1)

Dies ist rot

(2)

,,Dies ist rot“ .

                                                                                                                                                                                       

 

 

(3)

,,Dies ist rot“ ist wahr

                                                                                                            

 

Fußnoten:

Seite 1.

1. Vgl. z.B. J.Searle, Die Wiederentdeckung des Geistes, München 1993, Kap.7. 2 Kritik der reinen Vernunft, B (=2. Aufl.) 158.

 

Seite 2.

Thomas Mann, Der Erwählte, Frankfurt aM. 1980, S.254 f.

2 Sigmund Freud, Gesammelte Werke (=GW), vgl. z.B. Bd.8, S.433ff., Bd.13, S.239ff.  Vgl. z.B. GW‘ Bd.2/3, S.530, S.685; Bd.13, S.280f.; Bd.14, S.222ff.

, Vgl. z.B. GW, Bd.11‘ S.342.

 

Seite 3.

Vgl. z.B. G. Gödde, Traditionslinien des ,, Unbewußten“, Tübingen 1999.

8          z.B. GW, Bd.8, S.435f.

9 GW‘ Bd.13‘ S.242 Anm.

10 GW, Bd.13, S.245.

 

Seite 4.

Vgl. z.B. GW, Bd.2/3, S.533; Bd.15, S.15

12 GW, Bd.11, S.304.

13 GW, Bd.15, S.75 f.

14 CW‘ Bd.17, S.114.

15 GW, Bd.17, S.119

 

Seite 5.

,, GW, Bd.17, S.128 f.

18 GW, Bd.11, S.98; vgl. auch Bd.16, S.201‘ S.208.

20 Thomas Mann, Leiden und Größe der Meister, Frankfurt aM. 1982, S.912.

21 A.a.O., S.254 f.

 

Seite 7 .

 22 Vgl. z.B. Peri hermeneias, Kap.1-6.

23 Vgl. G. Frege, Die Grundgesetze der Arithmetik, Bd. 1, Jena 1893, S. 4.

 

Seite 8 .

24 Vgl. z.B. W.V.O. Quine, Mathematical Logic, Cambridge 1941, 3.Aufl. 1955, § 4 Ede.

21 Die Hinweise auf Ziffer 1-5 beziehen sich hier und im folgenden auf S. 156 unten.

 

Seite 10.

26 Vgl. z.B. GW, Bd.13, S.242, Anm.

 

Seite 12.  

27 vgl. z.B. GW, Bd.1O, S.276 f.; Bd.14, S.436.

 

 

Seite  13.

 28 Vgl. z.B. GW‘ Bd.1O, S.255 f.; Bd.11‘ S.305 f.

29 Im sogenannten ,,Unbewußten“ als dem Unthematisiert-Bewußten gibt es Freud zufolge weder Negation noch Widerspruch (vgl. z.B. GW‘ Bd.213‘ S.323‘ Bd.6, S.199, Bd.14, S.9 ff.). Und in der Tat laßt etwas sich nur dann negieren, wenn es sich thematisieren läßt, wie etwa durch das ,,p“, das grundsätzlich in ,,nicht p“ mit enthalten sein muß.

 

Seite 14. 

30 „…. unbewußt — höchste Lust“. so formuliert auch Richard Wagner schon den Schluß von Tristan und Isolde, der jedoch desgleichen nur verständlich werden kann im Sinn von: unthematisiert bewußt — höchste Lust“.

31, Vgl. dazu a.a.O. besonders die Kapitel Die Begegnung, Der Handkuß und Jeschute.

 

Seite 15.

32 Aus solchem Selbstbewußtsein soll bekanntlich jene Herleitung jener Bedingungen erfolgen, die nach Kant ,,Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung“ sind (vgl. z.B. Kritik der reinen Vernunft, A [=1.Aufl.] 117 Anm. und B157 mit B167 und A158 B197).

 

 

Seite 16. 

33 Ja zuletzt verzweifelt er geradezu daran, die Möglichkeit von bloßem Sel bstbewußtsein gegenüber Selbsterkenntnis näher einzusehen, deren grundsätzlicher Unterschied ihm klar vor Augen steht. Denn fälschlich meint er bis zuletzt, daß solches Selbstbewußtsein ,,schlechterdings unmöglich zu erklären“ ist, weil man darin ,,Subjekt“ genauso wie ,,Objekt“ sei (Akad.-Ausg.‘ Bd.20‘ S.270, Z.1-14). Keineswegs jedoch ist man darin etwa themaeisiert wie ein ,,Objekt“.

34 Um nichts Geringeres nämlich geht es dabei als um die ,,Aufforderung an die Vernunft, das beschwerlichste aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntnis aufs neue zu übernehmen“ (A XI).

 35 Zu einem Versuch, dies durchzuführen, vgl. G.Prauss, Die Welt und wir, Band 1: Subjekt und Objekt der Theorie, Teil 1: Sprache — Subjekt — Zeit, Stuttgart 1990; Teil 2: Raum — Substanz — Kausalität, Stuttgart 1993; Band 2: Subjekt und Objekt der Praxis, Teil 1: Form und Inhalt einer Absicht als Bewußtsein, Stuttgart 1999; Teil 2: Die Grenzen einer Absicht (in Vorbereitung).

Seite 17. 

36 vgl. z.B. C.F. von Weizsäcker in: Th.Görnitz, Quanten sind anders, Heidelberg 1999, S.6.