Gerold Prauss

Die Grenzen einer Absicht

„Die Welt und wir“ Bd. 2/II, Metzler

 

Das Asymmetrische im Zeit-Raum-Gefüge bei Prauss.

 

 

Im Fall der bloßen Zeit besteht es nämlich darin, daß der Punkt dabei die Ausdehnung nur innerhalb von sich besitzt, nicht umgekehrt.“ („Die Welt und wir“, Bd1/II, Seite 382)

„nicht umgekehrt“ also als Asymmetrie meint, die (Zeit-) Ausdehnung hat den Punkt nicht ebenfalls auch innerhalb von sich, wie es symmetrisch im Fall der bloßen Selbstausdehnung zum Raum statt hat.

Wer schon ungeduldig auf den letzten Band 2/II der Prausschen Herleitung wartete (Die Grenzen einer Absicht), vor 4 Wochen endlich erschienen, im Metzler-Verlag, stolzer Preis von 99€! sollte vor Begin der Lektüre vielleicht noch mal auf die nur beiläufig angedeutete Bedingung oder Notwendigkeit asymmetrischer, symmetrischer, wie dann auch „umgekehrt asymmetrischer“ Verhältnisse im Zeit-Raum-Gefüge reflektieren, die notwendig sind, um ein stabil-eindeutiges Erkennen als Verhalten in der Welt möglich zu machen.

Denn wenn umgekehrt also der Punkt auch innerhalb der Zeitausdehnung bestünde, wären wir wieder beim Aristotelischen, in sich widersprüchlichen Zeitmodel, denn aus dieser Asymmetrie von Punkt und Ausdehnung im Fall der Zeit ergibt sich erst widerspruchsfrei auch die Kausalität (z.B. wenn-dann), wie das kausale Denken, Verstehen und Handeln des Menschen.

 

Ob oder daß nun dieser Punkt sowohl als Zeitmodel wie auch als eines für das Bewusstsein, - und dies als Angel- und Kernpunkt für Zeit, Raum, Welt und die menschliche Handlung darin dabei nicht überfordert ist und als roter Faden über 1200 Seiten Text zum Begriff wurde und wohl gelegentlich verloren geht, womit dann die Herleitung zum reinen Wortspiel würde, hat man wohl regelmäßig zu reflektieren, um nicht wieder dem aristotelischen Zeitmodel, nämlich der in sich widersprüchlichen „Zeitlinie“, zu verfallen, das sich in über 1200 Jahren geradezu in uns eingewachsen hat.

 

Was bei einer ganz normalen Überlegung in uns ganz selbstverständlich (im wahren Sinne der Bedeutung) die jeweils richtige und stabile Zuordnung besitzt, wenn ich z.B. bedenke, welchen Eindruck meine Selbsteinschätzung auf einen anderen Menschen haben könnte, was schon zeichnerisch z.B. mit Pfeilen kaum mehr darstellbar ist, geht schließlich auf diese unverrückbar asymmetrisch-symmetrisch und entgegengesetzt asymmetrische (siehe S.393) Struktur solcher Erkenntnis zurück, die in der Darstellung bei Prauss rein denkerisch und erst recht auch sprachlich manchmal schwierig zu erfassen ist.

Prauss schreibt Seite 385, Bd. 1/II:

>„Ist doch auch noch diese Ausdehnung im Fall des Raums, obwohl sie individuell verschieden ist von jener Ausdehnung im Fall der Zeit, nur eine weitere Selbstausdehnung dieses Punktes, der in beiden Fällen individuell derselbe ist und nur bezüglich seiner jeweiligen Ausdehnung verschieden. Und so handelt es sich dabei denn auch jedesmal um ein Sichgegenüberstehen von Punkt als dem bewußt-begeleitenden und Ausdehnung als der bewußt-begleiteten. Nur ist der Punkt dabei als individuell derselbe eben in Bezug auf erstere - auf Ausdehnung im Fall der bloßen Zeit - ein bloßes Selbstbewußtsein; in Bezug auf letztere jedoch - auf Ausdehnung im Fall der nicht mehr bloßen Zeit, sondern des mit der Zeit auch noch einhergehenden Raums - ist dieser Punkt ein nicht mehr bloßes Selbstbewußtsein, sondern auch noch ein auf ihm beruhendes Fremdbewußtsein: eben auch noch Vorstellung oder Entwurf von etwas Anderem als sich.

Als Fremdbewußtsein dieser Art tritt dieser Punkt im letzten Fall mithin gerade dadurch auf, daß er als der bewußt-begleitende und diese Ausdehnung als die bewußt-begleitete dabei genauso notwendig zusammenhängen wie auch auseinanderliegen. Und zusammen hängen sie dabei gerade dahingehend, daß Punkt und Ausdehnung im letzten Fall genauso wie im ersten Fall in jenem unumkehrbar-asymmetrischen Verhältnis miteinander stehen, indem auch dabei das Bewußt-Begleitende ausschließlich dieser Punkt ist sowie das Bewußt-Begleitete ausschließlich diese Ausdehnung ist, und nicht etwa umgekehrt. (also in einem asymmetrischen Verhältnis bestehen) Und dies <U>obwohl </U> die beiden doch, im Unterschied zum ersten Fall, im letzten Fall gerade auseinander liegen und auf diese Weise erstmals auch in einem umkehrbar-symmetrischen Verhältnis zueinander stehen.“ <

 

Im Normalfall des Bestehens oder der Veränderung des Zeit-Raumes gehört beides zusammen.

 

Was hier wie eine komplizierte Verdrahtung oder Schaltung erscheinen mag, kann man sich als hochkomplexe Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit denken, vielleicht etwa so, wie Wasser oder Elektrizität verlaufen und sich verbreiten würden, sich ihren Weg suchen und sich eben nicht anders verhalten könnten.

 

Die gigantische Herleitung bei Prauss schon bis zu diesem Punkt lässt erahnen, dass bis zur daraus resultierenden Einsicht, wie dann solche Gemeinsamkeit menschlicher Erkenntnisstruktur nicht nur Voraussetzung ist für unser menschliches Verstehen und Verhalten ist, sondern, dass die Einsicht in solche Strukturen auch zu einem bewussten Konzept menschlichen Zusammenlebens führen könnte, dass dazu erst ein winziger Schritt getan ist. FS Okt. 06