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Aus „Die Welt und wir“ Bd2/2, Seite ab 589, Gerold Prauss, Metzler-Verlag

§15. Wir als Tier und Mensch, und unser Animismus

Worauf es nunmehr für uns ankommt, ist sonach, in einem ersten Durchgang1 zu verstehen: Wie tritt für ein Subjekt etwas Wirklich-Anderes nicht einfach nur als anderes Objekt auf, sondern auch als anderes Subjekt? Und das heißt letztlich: Wie kommt es in unserer Welt denn eigentlich zu so etwas wie Intersubjektivität? Denn daß es dazu kommt, besagt noch nichts darüber, wie es dazu kommt. Ja desto weniger es fraglich sein kann, daß es dazu kommt, je fraglicher muß werden, wie es dazu kommt. Denn keine Frage kann es sein, daß ein Subjekt nur in Gestalt von einem Körper auftritt, der wie alle ändern Körper ein empirisches Objekt ist. Demgemäß vermag auch ein Subjekt als etwas Wirklich-Anderes für ein Subjekt nur dadurch aufzutreten, daß für letzteres das Wirklich-Andere von einem Körper auftritt, also ein empirisches Objekt. Verglichen damit aber ist und bleibt ein Subjekt etwas Nichtempirisches, so daß es dabei auftritt weder als etwas Em­pirisches noch auch nur wie etwas Empirisches, sondern bloß durch etwas Empirisches.

In solchem Sinn jedoch hat dieses »durch« es in sich, nämlich in dem Doppelsinn »vermittelt-durch« genauso wie auch »durch-hindurch«. Denn so ist ja, mit einem Wort umfassend, nichts geringeres bezeichnet als das schwierige Verhältnis zwischen etwas Nichtempirischem wie diesem Subjekt und etwas Empirischem wie diesem seinem Körper, in Gestalt von dem es auftritt. Und weil dieses schwierige Verhältnis noch bis heute nicht geklärt ist, läßt sich auch das gleichermaßen schwierige Verhältnis, das als Inter­Subjektivität bezeichnet wird, bis heute noch nicht klären.

Deshalb wird Sie nicht verwundern, daß auch über solche Gren­zen einer Absicht, wie sie in Gestalt von Recht oder Moral be­stehen, noch bis heute keine Klarheit herrscht. Denn diese hängen auch entscheidend davon ab, wie Intersubjektivität als ein Verhält­nis zwischen einem nichtempirischen Subjekt und einem ändern nichtempirischen Subjekt denn überhaupt zustande kommt. Und


l  Weiterführendes dazu dann in den §§ 21 ff.

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Grundlagen unseres Handelns

das hängt wiederum entscheidend davon ab, wie jedes nicht­empirische Subjekt, für sich genommen, im Verhältnis zu einem empirischen Objekt als seinem Körper auftritt. Denn wie soll ein jedes solche Subjekt für ein jedes solche Subjekt aufzutreten über­haupt vermögen, wenn dabei empirisch für ein jedes solche Sub­jekt nur der Körper eines ändern solchen Subjekts auftritt? Schließ­lich ist nur er etwas Empirisches an diesem Subjekt, wohingegen dieses Subjekt selbst als etwas Nichtempirisches an diesem Körper auch nur nichtempirisch auftritt. Kann doch auch tatsächlich keine Rede davon sein, ganz so, wie einem Körper es empirisch anzu­sehen sei, daß er etwa von dieser oder jener Farbe oder Form ist, sei ihm auch empirisch anzusehen, daß er Körper eines Subjekts ist. Denn auch zum Beispiel einem Fall von Kreide oder Tinte, welcher Farbe oder Form auch immer, läßt sich nicht empirisch ansehen, daß er Verkörperung von »Sinn« oder »Bedeutung« ist, was eben­falls nichts anderes als ein Fall von Subjektivität ist. Wenn sonach mit einem Fall von Körper so etwas verbunden ist, dann jedenfalls nicht in dem Sinn, als wäre etwas weiteres Empirisches mit ihm verbunden, das sich ihm wie etwas zusätzliches Körperliches auch empirisch ansehen ließe: nicht etwa so, wie empirisch feststellbar ist, daß im Fall von einem Baum mit seinem Stamm auch Äste, oder daß im Fall des Körpers eines Subjekts mit dem Rumpf auch Gliedmaßcn verbunden sind.

Nur wenn Sie das vor Augen haben, können Sie verstehen, daß Kant etwas geradezu Gewagtes vorschlägt, um das Faktum zu erklären, daß trotzdem Intersubjektivität in unserer Welt zustande kommt. Nur nimmt man diesen Vorschlag nicht recht ernst, ob­wohl die Problematik dieser Intersubjektivität bis heute ohne Lö­sung ist, geschweige daß man ihn zu Ende denkt; zumal er nicht etwa Kants letztes, sondern nur Kants erstes Wort in dieser Sache ist, dem keine Durchführung mehr folgt. Besonders schlimm steht es mit dieser Intersubjektivität im angelsächsischen Bereich, wo man sich unter der Bezeichnung »other minds« von deren Pro­blematik förmlich hilflos umgetrieben sieht, weil man dort mit der Geistes-Krankheit Empirismus auch besonders schwer danieder­liegt. Geht Kant doch immerhin so weit, von einem anderen Subjekt, das er »ein denkend Wesen« nennt, sich klar zu machen, es sei notwendig, »daß, wenn man sich ein denkend Wesen vorstellen will, man sich selbst an seine Stelle setzen, und [...] sein eigenes


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Subjekt unterschieben müsse«². Könne man doch, wie er dies als Notwendigkeit auch noch eigens zu begründen sucht, »von einem denkenden Wesen durch keine äußere Erfahrung, sondern bloß durch das Selbstbewußtsein die mindeste Vorstellung haben. Also sind dergleichen Gegenstände nichts weiter als die Übertragung dieses meines Bewußtseins auf andere Dinge, welche nur dadurch als denkende Wesen vorgestellt werden«³.

Gerade die Notwendigkeit jedoch, die Kant für diese wahrliche Besonderheit in Anspruch nehmen möchte, könnte sich nur durch die Herleitung ergeben, wie allein es einerseits in unserer Welt zu einem Selbstbewußtsein kommen kann als einem nichtempiri­schen Subjekt und anderseits auch zu einem empirischen Objekt. Nur beides miteinander nämlich könnte dann die Notwendigkeit nach sich ziehen: Es kann in unserer Welt auch nur auf diese so besondere Art zur Intersubjektivität als wechselseitigem Verhältnis nichtempirischer Subjekte zueinander kommen, weil ein jedes da­von nur in der Gestalt von einem Körper als einem empirischen Objekt auftreten kann.

Kant selbst jedoch hat keins von beidem so weit hergeleitet, daß er auch noch die Begründung der Notwendigkeit dieser Besonder­heit gegeben hätte. Die entsprechende Behauptung muß er deshalb nicht allein dogmatisch stehen lassen. Vielmehr kann er sie daher auch nur in einer Formulierung aufstellen, die etwas voraussetzt, das sein eigener Ansatz ausschließt, wie ich Ihnen zeigen möchte. Weder nämlich sieht er ein, daß Selbstbewußtsein überhaupt nur als notwendige Begleiterscheinung jener Selbstverwirklichung des nichtempirischen Subjekts zustande kommen kann, die mitein­ander etwas Unfehlbares sind. Noch geht ihm auf, daß ein em­pirisches Objekt auch nur zustande kommen kann, indem aus Subjektivität als diesem unfehlbaren Selbstbewußtsein dieser un­fehlbaren Selbstverwirklichung heraus auch noch Intentionalität ergeht als jenes Fremdbewußtsein jener Fremdverwirklichung, die miteinander fehlbar sind. Denn ein empirisches Objekt kann eben stets nur faktischer Erfolg für so ein nichtempirisches Subjekt als Intention sein.

Die Notwendigkeit jener Besonderheit, die so etwas wie Inter-

 

2 A 353f

3 A347B405 (kursiv von mir)

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subjektivität nach Kant zustande bringen soll, kann sich mithin, wenn überhaupt ergeben, dann auch nur aus dem Verhältnis, in dem jedes dieser nichtempirischen Subjekte zu empirischen Objekten steht: und insbesondere zu dem empirischen Objekt, das jedes nichtempirische Subjekt dabei zu seinem eigenen Körper hat. Um dies voll einzusehen, wäre somit nichts geringeres als folgen­des für uns vonnöten. Jene in sich dreistufige innere Struktur von Subjektivität, die wir bisher nur für das einzelne Subjekt entwickelt haben, wäre dafür auch noch im Verhältnis zu den andern einzel­nen Subjekten zu entwickeln. Und das heißt dann: Zu entwickeln wäre sie auch insbesondere im Verhältnis noch zu dem empiri­schen Objekt, das jedes dieser einzelnen Subjekte zum je eigenen Körper hat. Denn demzufolge können sie auch ihr Verhältnis zueinander nur noch über den je eigenen Körper als empirisches Objekt gewinnen. Zeigt doch, was Kant selbst hierüber formuliert, daß er nicht sieht, wie grundsätzlich aus seinem eigenen Ansatz das gerade Umgekehrte dessen folgt, was er vertritt, nur weil er diesen Ansatz nicht mehr durchführt.

Wie Sie sich erinnern werden4, ist es nämlich apriori notwendig, daß Subjektivität aus ihrem Selbstbewußtsein von sich als Intentionalität ein jedes Wirklich-Andere als sich selbst zunächst auch nur als einen ändern Fall solcher Intentionalität betrachten kann. Genau in diesem Sinn muß ein Subjekt mit apriorischer Not­wendigkeit sich selbst auch jedem Wirklich-Anderen als sich selbst erst einmal unterstellen, so daß etwas Wirklich-Anderes als es auch erst einmal nur anderes Subjekt für es sein kann. Und dies so grundsätzlich, daß auch erst immer wieder davon abgeleitet etwas Wirklich-Anderes als es ein bloßes anderes Objekt für es sein kann anstatt ein anderes Subjekt. Erst immer wieder von ihm abgeleitet werden kann dies denn auch nur, indem die immer wieder schon erfolgte Unterstellung von ihm auch erst immer wieder rückgängig gemacht wird, so daß auch erst immer wieder an die Stelle dieses unterstellten anderen Subjekts gerade dieses bloße andere Objekt tritt. Und der schlagende Beleg dafür ist der bekannte Animismus, den Subjekte in ihrer Phylogenese ebenso wie in ihrer Ontogenese üben, weshalb sie auch immer wieder erst im Laufe ihrer Aufklärung darüber etwas Wirklich-Anderes als sich im Sinne eines blo­ßen anderen Objekts für sich gewinnen können.

Nur war Kant sich zwar im klaren darüber, daß solche nicht­empirischen Subjekte nur, indem sie wechselseitig solche Unter­stellung voneinander üben, jene Intersuhjektivität als das Verhältnis zueinander oder miteinander bilden können. Alles andere als klar war ihm jedoch, daß diese Unterstellung anderer Subjekte und mit ihr auch diese Intersubjektivität von apriorischer Notwendigkeit ist, weshalb jener Sinn von Wirklich-Anderem als bloßen anderen Objekten dann auch nur durch weitere Herleitung aus ihr ge­wonnen werden kann. Infolgedessen geht er fälschlich vom gerade Umgekehrten aus: Vorausgesetzt, so meint er, werde vielmehr immer schon der Sinn von Wirklich-Anderem als bloßen anderen Objekten und zurückgenommen werde deshalb auch gerade die­ser, um an Stelle seiner erst durch jene Unterstellung dann den Sinn von Wirklich-Anderem als anderen Subjekten anzusetzen. Jeden­falls kann Ihnen auch nur so die Aussage von Kant verständlich sein, die ich im ersten von den beiden angeführten Texten aus­gelassen habe5 um sie eigens nachzuholen und dadurch auffällig zu machen, weil man sie bisher anscheinend nicht beachtet. Sagt doch Kant dort insgesamt, »daß, wenn man sich ein denkend Wesen vorstellen will, man sich selbst an seine Stelle setzen, und also dem Objekte, welches man erwägen wollte, sein eigenes Sub­jekt unterschieben müsse«6. So entschieden nämlich, wie Kant diese hier hervorgehobene Stelle durch »und also« einfügt, läßt er keinen Zweifel daran, daß er meint, es sei zunächst einmal ein bloßes »Objekt«, welches man in einem solchen Fall »erwägen wollte«; folglich meint er auch, daß man in einem solchen Fall diesem Objekt »sein eigenes Subjekt unterschieben« und dadurch »sich selbst an seine Stelle setzen müsse«.

Danach aber wird Sie nicht mehr wundem, daß von einer Theorie der Intersubjektivität bei Kant gar keine Rede sein kann, ja nicht einmal davon, daß er noch

an andern Stellen auf das Thema dieser Intersubjektivität auch nur zu sprechen käme, wie in diesen beiden angeführten Texten. Denn mit dieser Auffassung, die schon von vornherein die Sache förmlich auf den Kopf stellt, hat er selbst

4 Vgl. G. Prauss 1991, $ 30); G. Prauss 1999, $ J und $ 12d.

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(Grundlagen unseres Handelns


 


sich auch von vornherein schon jeden Zugang dazu ein für alle Mal verstellt. Und dies obwohl er sieht, daß nur, indem sich nicht-empirische Subjekte wechselseitig unterstellen, diese Intersubjektivität in unserer Welt zustande kommen kann. Was ausgerechnet Kant nicht sieht, ist somit das Entscheidende, daß solche Inter-subjektivität nur möglich werden kann, wenn nichtempirische Subjekte sich schon a priori wechselseitig unterstellen und nicht etwa erst aposteriori. Wechselseitig unterstellen müssen sie sich dazu nämlich nicht etwa erst nachträglich zu einem ohne solche Unterstellung schon gewonnenen empirischen Objekt, sondern gerade umgekehrt schon vorgängig zu ihm, das ohne solche Unterstellung gar nicht möglich werden könnte.

Daß die umgekehrte Auffassung von Kant verfehlt sein muß, wird Ihnen daran deutlich, daß sie letztlich in sich selber unausweichlich widersinnig ist. Es müßte nämlich dieser Auffassung zufolge von einem empirischen Objekt her für ein nichtempirisches Subjekt auch jedesmal ein Grund dazu bestehen, daß dieses Subjekt diesem Objekt, das ihm dabei angeblich zunächst einmal als bloßes Objekt gilt, ein Subjekt unterstellt. Denn auch nur dadurch ließe sich erklären, daß in Gestalt eines empirischen Objekts in einem Fall ein nichtempirisches Subjekt tatsächlich auftritt, doch in andern Fällen nicht, weil dies ja keineswegs in allen Fällen gilt. Selbst dadurch aber bliebe unerklärlich, wie ein solcher Grund, der ja als einer vom empirischen Objekt her auch nur ein empirischer sein könnte, jemals für die Unterstellung eines nichtempirischen Subjekts der Grund sein könnte. Doch auch wenn Sie davon absehen wollten, würde jeder solche Grund, worin auch immer er bestehen möge, jede solche Unterstellung dann von vornherein schon überflüssig machen. Und das führt zu einem ausweglosen Widersinn. Mit Recht betrachtet nämlich Kant die Unterstellung eines solchen Subjekts, eben weil es nur ein nichtempirisches sein kann, als dafür notwendig. Allein schon diese Ausweglosigkeit zeigt somit an, daß sich die Tatsache des Auftretens von Intersubjektivität in unserer Welt nur umgekehrt erklären lassen kann.