Was ist ein Satz? Am Beispiel eines Steinbruchs von Gerold Prauss:

Die Welt und wir

Erster Band

1/1

Erster Teil: Sprache - Subjekt – Zeit

Seite 9 bis

Zu diesem Zweck muß ich Sie auffordern, sich einmal einen Stein­bruch vorzustellen, in dem gesprengt wird und wo auf der durch die Sprengung erstmals freigelegten Felswand eine geologische Steinfor­mation zutage tritt, die annähernd von der Gestalt ist wie die auf Papier verteilte Druckerschwärze zwischen dem folgenden Doppel­punkt und Punkt, nämlich: Es regnet. Und wohl schwerlich werden Sie mir widersprechen wollen, wenn ich meine, diese Formation sei schlechterdings nichts anderes als ein, wenngleich sehr seltener, ja unwahrscheinlicher Fall eines bloßen Naturalen: eines Dings mit Eigenschaften als den Wirkungen von Ursachen, deren naturgesetz­lichen, hier erdgeschichtlichen Zusammenhang Geologie erforscht. So unwahrscheinlich aber solch ein Vorkommnis auch sein mag, - als unmöglich auszuschließen ist es sicher nicht.

Dann werden Sie mir aber auch nicht widersprechen, wenn ich ferner meine: Was Sie vor sich haben in dem Fall, wo Sie in einem Brief etwa auf dergestalt verteilte Tinte stoßen, ist zum einen freilich ebenfalls Natur, zum ändern aber keineswegs bloße Natur, ist viel­mehr prinzipiell noch etwas zusätzlich zu ihr und anderes als sie. Denn kaum würden Sie gleich dem Geologen zu Methoden der Mathematik, Geometrie oder Naturwissenschaft greifen und die Tinte oder Druckerschwärze als ein Naturales chemisch-physikalisch mittels Zählen, Messen, Rechnen auf seine Gestalt oder Zusammen­setzung und seinen Zusammenhang mit anderer Natur erforschen wollen, um herauszufinden, was Ihnen da vorliegt. Das erschiene Ihnen vielmehr ebenso absurd, wie umgekehrt als Zeuge oder Zeu­gin jener Sprengung eine auftauchende geologische Steinformation als den Behauptungssatz »Es regnet« zu verstehen. Und das Ausmaß dieser doppelten Absurdität ist auch nichts anderes als der Maßstab, an dem Sie ermessen können, in welch hohem Grade Sie sich dessen sicher sind: Trotz aller Selbigkeit seiner Gestalt, in^der es jeweils auftritt, liegt im Fall der Felswand bloßes Naturales vor, im Fall des Briefes aber keineswegs, sondern über es hinaus noch etwas wesent­lich von ihm Verschiedenes.

Nur sollten Sie sich eben deshalb dann auch fragen, was das ei­gentlich ist, dessen Sie sich da so sicher sind, und wie Sie eigentlich ein Wissen davon haben können : eine ebenfalls bis heute noch nicht hinreichend beantwortete Frage, die so schwierig, weil vorausset­zungsreich ist, daß wir sie erst später werden zu beantworten vermö­gen; ebenso wie die gleich schwierigen der Grundverhältnisse von Ding und Eigenschaft oder von Ursache und Wirkung. Um den Weg dorthin zumindest zu betreten, reicht es Ihnen aber vorerst, sich zuüberlegen, daß bestimmte Antworten auf diese Frage schwerlich haltbar sind.

So gefragt, erwägen Sie vielleicht zu antworten, im Fall des Briefes liege Sinn oder Bedeutung, eben der Behauptungssatz »Es regnet« vor, im Fall der Felswand aber nicht, und ohne Zweifel hätten Sie mit beidem Recht. Nur werden Sie wohl kaum noch weitergehen und sagen wollen, dieser Sinn oder diese Bedeutung, die Empirisch-Na-turales von der selbigen Gestalt im einen Fall besitzt, im ändern nicht, trete im ersteren genauso wie die Tinte oder Druckerschwärze auf Papier auch selbst noch als Empirisch-Naturales auf. Denn weder irgendwo in dieser Tinte oder Druckerschwärze selber noch woan­ders, nämlich außerhalb derselben, etwa »hinter« ihr, wird Ihnen Sinn oder Bedeutung selbst als ein Empirisch-Naturales nachzuweisen sein.

Hier freilich möchten Sie möglicherweise zu bedenken geben, daß zwar nicht der Tinte oder Druckerschwärze selbst, sehr wohl indes­sen der Gestalt ihrer Verteilung auf Papier als einer ganz bestimmten Sinn oder Bedeutung zu entnehmen sei. Denn schließlich lasse sich durchaus nicht daran rütteln, daß auch Sinn oder Bedeutung, wie zum Beispiel der Behauptungssatz »Es regnet«, doch empirisch uns zur Kenntnis kommt, indem wir ihn etwa »geschrieben sehen« oder auch »gesprochen hören«. Dies jedoch ermögliche die »Konvention«, wonach Empirisch-Naturales, insofern es von bestimmter Schrift­bzw. Lautgestalt ist, auch als ganz bestimmtes »Zeichen« von Bedeu­tung oder Sinn als etwas gleichfalls ganz Bestimmtem sei.

Doch selbst wenn ich einmal davon absehe, ob dies tatsächlich Sache einer »Konvention« ist, nämlich einer »Übereinkunft«, und wenn ja, aufweiche Weise wir dann derart übereingekommen wären, darf ich Sie noch weiter fragen: Wollen Sie damit sagen, was die Empiristen meinen, daß sein Sinn oder seine Bedeutung Natural-Empirischem etwa seiner Gestalt nach einfach anzusehen oder anzu­hören sei? Auch das nämlich kann prinzipiell nicht zutreffen. Denn eben dieser »Konvention« genügt die geologische Steinformation an jener Felswand ebenso wie die Verteilung jener Druckerschwärze oder Tinte auf Papier, doch ohne daß Sie auch nur im geringsten schon gesonnen wären, sie bloß deshalb als Behauptungssatz »Es regnet« und entsprechend als Bedeutung oder Sinn gelten zu lassen. Doch auch dies, daß beides jeweils in bestimmtem »Kontext« auftritt, trägt hier nichts zur Unterscheidung bei, weil er auch dann, wenn Sie ihn noch so weit berücksichtigen, jeweils immer wieder von dersel­ben fragwürdigen Art ist.

Da bezüglich des empirisch jeweils vorfindbaren Naturalen und seiner Gestalt sich zwischen beiden Fällen vielmehr schlechterdings nicht unterscheiden läßt, weil auch kein Unterschied besteht, wird Ihnen unter dieser Hinsicht wenigstens vorläufig einleuchten: Ob­wohl Bedeutung oder Sinn stets nur vermittels von Empirisch-Natu-ralem wie zum Beispiel auf Papier bestimmt verteilter Tinte oder Druckerschwärze und mithin empirisch uns zur Kenntnis kommen können, bleiben sie als solche selbst doch etwas Anderes als dieses Natural-Empirische: ihm gegenüber vielmehr etwas Nichtempiri­sches oder Nichtnaturales.

Gerade weil dies zutrifft aber müssen Sie womöglich mehr noch als im vorigen hier auf der Hut sein, daß Sie dies nicht mißverstehen, - in einer Weise, welche naheliegt. Noch mehr als jene Grundverhält­nisse von Ding und Eigenschaft oder von Ursache und Wirkung, welche generell in jeglichem Empirisch-Naturalen mitvorliegen, könn­ten nämlich Sinn oder Bedeutung, welche lediglich speziell mit eini­gem Empirisch-Naturalen miteinhergehen, Sie zu einer Auffassung verleiten, wonach sie desgleichen einerseits in dieses Natural-Empiri­sche und anderseits in jenes Nichtempirische zerfielen. Wo in Wahr­heit doch all dieses Nichtempirische vielmehr mit Natural-Empiri-schem so unlösbar verbunden auftritt, daß es ihm gewissermaßen bruchlos einverleibt ist, weil es ihm recht eigentlich zugrunde liegt; und zwar so tiefgründig, daß Ihnen als allein in Empirie Begriffenem oder Begriffener, im Wahrnehmen von Dingen und Ereignissen oder Behauptungssätzen, all dies auch allein als durch und durch Empiri­sches gilt.

Dementsprechend groß ist die Gefahr, der Philosophen schon seit Platon und bis Frege immer wieder zu erliegen pflegen, nämlich dieses Nichtempirische, sowie ermittelt, nicht nur als verschieden, sondern auch als abgetrennt und außerhalb von Natural-Empirischem zu denken und mithin zu etwas Eigenständig-Objektivem fälschlich zu verdinglichen. Das werden Sie auf Dauer nur vermeiden können, wenn Sie weiterhin sich deutlich machen: Als Nichtnaturales oder Nichtempirisches im Unterschied zu Natural-Empirischem werden nicht bloß die Grundverhältnisse von Ding und Eigenschaft oder von Ursache und Wirkung, sondern wird erst recht auch so etwas wie Sinn oder Bedeutung überhaupt nur durch bestimmte Reflexion


Wir als nicht bloß Naturales

darauf thematisch: durch die nichtempirisch-philosophische, und das heißt Kant zufolge abermals: nur dadurch, daß wir dabei schon in ganz bestimmter Weise auf uns selber reflektieren.

Freilich dürfte das in diesem Fall von Sinn oder Bedeutung weitaus schwerer noch verständlich werden als in jenem Fall von Ding und Eigenschaft oder von Ursache und Wirkung, die als Grundverhält­nisse in jeglicher Natur auf uns zurückgehen sollen, jener These Kants zufolge, die denn auch noch der Begründung harrt. Von einer nicht leicht nachvollziehbaren Befremdlichkeit nämlich bleibt sie, weil dieses Natural-Empirische gerade etwas Anderes als wir selbst ist, wessen wir uns immerhin so sicher sind, daß beispielsweise sogar jene geologische Steinformation trotz ihrer eigentümlichen Gestalt uns als bloße Natur gilt, für die auch nichts anderes als Natur die Ursache sei. Und daß umgekehrt uns Natural-Empirisches wie etwa Tinte oder Druckerschwärze von derselben eigentümlichen Gestalt im Fall von jenem Brief als Sinn oder Bedeutung, nämlich als Be­hauptungssatz »Es regnet« gilt, liegt denn auch daran, daß wir mit derselben Sicherheit es gerade nicht bloß als Natur betrachten, son­dern über sie hinaus als einen Fall von uns: In allen solchen Fällen stehen Sie zwar gleichfalls einem Ändern gegenüber, doch durchaus nicht einem Ändern als bloß anderer Natur, sondern jeweils einem Ändern wie Sie selbst als einem anderen Subjekt, was immer das bedeuten mag. So nehmen Sie im Fall von dieser eigentümlichen Gestalt der Tinte oder Druckerschwärze nicht nur an, sie sei durch ein Subjekt hervorgebracht, denn eben dies, nämlich hervorgebracht ist sie ja auch im Fall von jener geologischen Steinformation durch die Natur, von der sich mithin ein Subjekt insofern auch noch überhaupt nicht unterschiede. Dabei gehen Sie vielmehr darüber noch hinaus und ferner davon aus, daß mittels solch einer Hervorbringung ein Subjekt jeweils etwas, beispielsweise den Behauptungssatz »Es reg­net«, zu verstehen gibt, was immer das bedeuten mag.

Und dies, daß wir schon im Verstehen von solchem zu verstehen Gegebenem es jeweils mit einem Subjekt zu tun bekommen, das erweckt für Sie vielleicht den Eindruck, als bestehe eben darin auch schon jene Reflexion, durch die wir Sinn oder Bedeutung als Nicht­naturales oder Nichtempirisches thematisieren, dadurch, daß wir dabei auf uns selbst schon nichtempirisch-philosophisch reflektieren. Dies jedoch wäre ein Irrtum, weil demgegenüber jene Reflexion etwas grundsätzlich anderes ist.


 


12


13


Die Welt und wir als nicbtempiriscbes Problem

Zu dieser Einsicht können Sie in einem ersten Schritt wie folgt gelangen. Wie bereits erwähnt, kann das Verstehen von dergleichen wie »Es regnet« als einer Behauptung ebenfalls nichts anderes als Empirie oder Erfahrung sein: Vermittelt durch Empirisch-Naturales wie zum Beispiel Tinte oder Druckerschwärze oder Laute, sehen Sie es irgendwie geschrieben oder hören Sie es irgendwie gesprochen, gänzlich so, wie wenn Sie anstatt mittelbar durch die Behauptung von einem Subjekt vielmehr unmittelbar an der Natur erfahren, näm­lich selber sehen oder hören, daß es regnet. Denn durch seine natu-ral-empirische Vermittlung kommt »Es regnet« als Behauptung auf uns alle überhaupt nicht anders zu als Regen selbst. Und dies genau insofern und genau solange es uns allen dabei immer wieder um nichts anderes als Erfahrung geht, will sagen, um empirische Er­kenntnis unserer Welt als uns umgebender Natur, gleichviel ob wir sie nun unmittelbar durch diese selbst erlangen oder nur auf die genannte Art vermittelt, indem ein Subjekt uns in Gestalt einer Behauptung über sie berichtet.

Deshalb bleibt Ihnen auch nicht allein für das Empirische, welches bloße Natur ist, sondern auch für dasjenige, welches wie »Es regnet« als Behauptung eines Subjekts gerade nicht bloße Natur ist, jene Fragestellung möglich, die an all diesem Empirischen jeweils noch etwas Nichtempirisches thematisiert. So konnten Sie im vorigen schon hinsichtlich bloßer Natur sich über alle ihre Sachgehalte und Gesetzlichkeiten als empirische hinaus noch jene Frage stellen, was dies alles jeweils eigentlich sei, und mit der durch sie erzielten nicht­empirischen Erkenntnis von Natur als nichtempirischem Verhältnis zwischen Ding und Eigenschaft bzw. Ursache und Wirkung sich beantworten. Und selbstverständlich gelten diese Fijige ebenso wie diese Antwort für Natur auch noch insoweit, als sie an Empirischem beteiligt ist, das trotzdem wie zum Beispiel die Behauptung eines Subjekts keineswegs bloße Natur darstellt: Auch Tinte oder Druk-kerschwärze oder Laut, gleichviel welcher Gestalt, sind ebenso wie jene geologische Steinformation nichts anderes als Ding mit Eigen­schaft und Wirkung einer Ursache.

Nur bleibt Ihnen dieselbe Art der Fragestellung für Empirisches auch dann noch möglich, wenn Sie über solcherart Natur hinaus es angemessen als Behauptungssatz eines Subjekts verstehen. Im Hin­blick darauf nämlich steht es Ihnen gleichfalls offen, einmal davon auszugehen, auch für empirische Behauptungssätze wie »F.s regnet«

habe jene Frage, was etwas sei, ihre vollständige Antwort schon gefunden durch erschöpfende Angabe dessen, was darin behauptet und auf diese Weise zu verstehen gegeben sei. Auch danach aber können Sie dieselbe Frage nochmals stellen, nämlich was all dies empirisch darin zu verstehen Gegebene oder Behauptete denn ei­gentlich sei, oder was mit all diesem empirischen Gehalt in der Gestalt empirischer Behauptungen in dieser Welt denn eigentlich zum Vorschein komme. Und die Antwort darauf kann nur lauten, daß bei aller Vielfalt dessen, was empirisch durch Behauptungs- oder auch durch andere Sätze zu verstehen gegeben wird, dies gleichwohl immer wieder nichts ist als die Einfalt von Bedeutung oder Sinn.

Dies jedoch ist keineswegs auch selbst wieder etwas Empirisches an solchem Naturalen; darin ist vielmehr genauso wie an jenem bloßen Naturalen jene Grundverhältnisse von Ding und Eigenschaft oder von Ursache und Wirkung auch an diesem Naturalen etwas Nichtempirisches noch aufgedeckt, und zwar durch einen ersten Schritt der Reflexion darauf als selber nichtempirisch-philosophi­scher. Denn deutlicher als schon im vorigen wird Ihnen hier vor Augen stehen: Genausowenig wie Sie jenem bloßen Naturalen ein­fach ansehen oder anhören können, daß es Ding mit Eigenschaft ist oder Wirkung einer Ursache, vermögen Sie auch diesem Naturalen von bestimmter Färb- bzw. Lautgestalt wie von »Es regnet« nicht etwa empirisch anzusehen oder anzuhören, daß es Sinn oder Bedeu­tung ist, nämlich Behauptung, auch nicht daran, daß es dadurch eine »Konvention« erfüllt und einen größeren »Kontext« bildet.

 

Im Gegenteil vermögen Sie diesem Bestimmt-Empirischen seiner Gestalt ausschließlich zu entnehmen, was es an Bestimmt-Empiri­schem von Sinn oder Bedeutung zu verstehen gibt, nicht aber, daß es überhaupt als Sinn oder Bedeutung vorliegt. Vielmehr müssen Sie gerade letzteres, wie der Vergleich mit jener geologischen Steinfor­mation von selbiger Gestalt Sie lehrt, schon immer als ein Nichtem­pirisches voraussetzen, damit auf Grund dieser Voraussetzung von Sinn oder Bedeutung überhaupt, als Nichtempirischem, dann auch Bestimmt-Empirisches von Sinn oder Bedeutung für Sie daraus noch hervorgehen könne. Angelegenheit der Empirie oder Erfahrung mit­tels »Konvention« ist daher prinzipiell nicht etwa, festzustellen, daß'm so bestimmt gestalteter Natur im einen Fall Bedeutung oder Sinn vorliegt, im ändern wie der geologischen Steinformation dagegen nicht, sondern immer nur, was dabei an bestimmt-empirischem Sinn oder an bestimmt-empirischer Bedeutung vorliegt, insofern hier Sinn oder Bedeutung überhaupt vorliegt. Und dieses letztere kann eben deshalb nur als etwas Nichtempirisches vorliegen, weil Empirisch-Naturales als Bedeutung oder Sinn auch überhaupt nur dadurch auftritt, daß mit Hilfe seiner etwas zu verstehen gegeben wird, das heißt, daß ein Subjekt vermittels seiner etwas zu verstehen geben will, mit ihm etwas bezweckt, beabsichtigt bzw. intendiert. Denn in der Tat ist eine Absicht oder Intention etwas, das niemals, wenn es in Empirisch-Naturalem vorliegt, auch selbst wieder als Empirisch-Naturales auftritt und ihm deshalb auch nicht selbst wieder empirisch anzuse­hen oder anzuhören ist.

Daran aber wird für Sie nun offensichtlich: Diese Art der Reflexion führt uns tatsächlich bis zur Einsicht, daß wir in der Welt als etwas in Erscheinung treten, das zwar ebenfalls Natur ist, aber keineswegs bloße Natur, insofern wir Subjekte jeweils gerade durch unsere In­tentionen sind, die wir von bloßem Naturalen überhaupt nicht ken­nen. Denn Sie werden kaum eine Absurdität begehen, nämlich in bloßer Natur bereits Intentionalität und damit Subjektivität erblik-ken wollen, so als ob Natur bereits als solche beispielsweise durch Gestaltung jener geologischen Steinformation etwas bezweckt, be­absichtigt bzw. intendiert, nämlich behauptet, daß es regnet. Gleich absurd indessen wäre es, wenn Sie Intentionalität im Fall des Briefes etwa schon in der entsprechenden Gestalt von Tinte auf Papier er­blicken wollten und mithin sehr wohl schon in bloßer Natur als solcher. Daß Sie Natural-Empirisches von selbiger Gestalt in diesem Fall als den Behauptungssatz »Es regnet« lesen, doch in jenem nicht, liegt eben daran, daß in diesem Fall Sie Sinn oder Bedeutung, das heißt Subjektivität oder Intentionalität ihm unterstellen, doch in jenem nicht, was freilich beidenfalls eine Erklärung fordert. Dies jedoch gilt für Empirisch-Naturales nicht allein, sofern es in dem einen Fall bloße Natur ist, in dem anderen indes Bedeutung oder Sinn einer Behauptung, sondern auch - bei allen Unterschieden, die noch zu erörtern sind - schon dafür, daß Empirisch-Naturales in dem einen Fall bloß Körper, in dem anderen dagegen Leib ist als durch Subjektivität oder Intentionalität »beseelter« Körper.

Damit wiederum wird Ihnen offenkundig: Diese Art der Refle­xion führt ferner zu der Einsicht, wie allein wir als gerade nicht bloß Naturales in der Welt für uns empirisch überhaupt zum Vorschein kommen können, wenn nicht als bloße Natur wie beispielsweise Laut und Farbe oder Körper überhaupt, so notwendig wir dieses Naturalen hierzu auch bedürfen. Wir vermögen das ausschließlich dadurch, daß wir uns dabei von vornherein auf die genannte Weise, und zwar wechselseitig unterstellen als Intentionalität und damit Subjektivität: als etwas also, das als solches schlechterdings hier nirgendwo und nirgendwann etwa empirisch festzustellen wäre, son­dern überall und immer nur als nichtempirisch Unterstelltes dann auf Grund von Naturalem wie zum Beispiel seinem Körper oder der von ihm benutzten Farben oder Laute auch noch selbst empirisch zu erkennen ist. Denn ohne Unterstellung dieses Nichtempirischen ver­möchte solches Naturale schlechterdings nicht zu begegnen als Be­deutung oder Sinn einer empirisch ganz bestimmten Intention eines empirisch ganz bestimmten Subjekts für ein anderes mit einer ande­ren von ebenso empirischer Bestimmtheit. Daß wir als empirische Subjekte in der Welt uns gegenübertreten können, hängt entspre­chend wesentlich von ebendem ab, daß wir im Verhältnis dieser Wechselseitigkeit von Unterstellung jeweils anderer Subjektivität als etwas Nichtempirischem uns durchwegs im Zusammenhang von /«fersubjektivität entgegentreten, so daß wir als Subjektivität auch nur mit Intersubjektivität ineinem Thema werden können einer Re­flexion als nichtempirisch-philosophischer.

Doch damit möchte ich Sie nicht etwa für jene Ideologie gewinnen, wonach Intersubjektivität angeblich immer schon das »Apriori einer Kommunikationsgemeinschaft« bilde: So als sei, wie Subjektivität grundsätzlich immer diejenige eines einzelnen Subjekts ist, eines individuellen Menschen, Intersubjektivität auch diejenige eines ein­zelnen Intersubjekts, - als ob es also nicht allein Subjekte gäbe, sondern über sie hinaus noch, ja recht eigentlich ihnen vorweg schon ein Intersubjekt gleich einem öffentlichen »Interconti«. Dies Absurde nämlich ist nur eines ändern Kehrseite, wonach die Schwierigkeit einer Erklärung solcher Intersubjektivität darin begründet liege, daß man dazu nach wie vor vom einzelnen Subjekt und seinen Leistun­gen ausgehe, wie Descartes und seine Nachfolger, was angeblich bedeute, dieses Subjekt fälschlich als ein »einsames« vorauszusetzen : Eben dieses »einsamen Subjekts« Voraussetzung müsse als falsche jener richtigen von Intersubjektivität als »Apriori einer Kommunika­tionsgemeinschaft« weichen. Kritisch nämlich werden Sie nicht über­sehen, daß davon schlechthin keine Rede sein kann, daß dies letzte vielmehr umgekehrt nur darauf zielt, das einzelne Subjekt als Indivi duum sogleich als »einsames« zu diffamieren, um an Stelle seiner dann im Handumdrehen das Kollektiv lancieren zu können.1

Denn in Wahrheit ist tatsächlich beides gleich absurd: Weit ent­fernt davon, diejenige eines Intersubjekts zu sein, ist Intersubjektivi-tät vielmehr genau wie Subjektivität stets diejenige einzelner Sub­jekte, weil sie beide stets als Leistung dieser einzelnen Subjekte überhaupt erst herzustellen sind: durch eigene Intentionalität von jedem. Daß es andere Subjekte gibt und somit auch die Möglichkeit der Intersubjektivität von »Kommunikation« oder »Interaktion« mit ihnen, kann so wenig als ein »Apriori« gelten, daß für jedes einzelne Subjekt dies vielmehr ebenso wie alles übrige Empirische ausschließ­lich Angelegenheit der Kontingenz oder Faktizität ist. Denn so sehr auch ein Subjekt durch jene Unterstellung anderer, und zwar desglei­chen jeweils einzelner Subjekte immer schon auf sie, nämlich auf »Kommunikation« oder »Interaktion« mit ihnen aus sein möge, -daß ein anderes einzelnes Subjekt sich daraufhin tatsächlich einstellt, die »Kommunikation« oder »Interaktion« mit ihm sich wirklich her­stellt, ist und bleibt trotzdem nichts anderes als das Aposteriori bloßer Empirie und so gerade das > Aposteriori einer Kommunika-tionsgemeinschaft<. Apriori ist dabei vielmehr ausschließlich die in-tentionale Leistung jener Unterstellung anderer Subjektivität als eines Nichtempirischen, die jegliches Subjekt, und zwar gerade als ein einzelnes schon immer zu erbringen hat, damit es auf Grund ihrer so etwas wie andere einzelne Subjekte als empirische dann überhaupt erfahren und erleben kann.

Und der Fehler von Descartes und seinen Nachfolgern liegt auch nicht darin, daß sie zur Erklärung solcher Intersubjektivität vom einzelnen Subjekt ausgehen, weil tatsächlich so etwas wie eine Lei­stung als intentionale, gleichviel welcher Art, ursprünglich immer nur ein einzelnes Subjekt erbringen kann, auch dann, wenn sie mit der von ändern einzelnen zusammen in Gestalt einer Gesamtleistung auftritt. Ein Fehler unterläuft ihnen vielmehr erst dort, wo sie die Leistung jener Unterstellung anderer Subjektivität als eine nichtem­pirisch-apriorische verkennen und darum versuchen, Intersubjektivi­tät zwischen Subjekten sich empirisch als »Sich-Einfühlen« und »Sich-Versetzen« eines Subjekts in ein anderes zu denken, das sie dafür

aber immer schon als ein Subjekt vorauszusetzen haben. Da indessen die Unmöglichkeit, etwa empirisch festzustellen, daß Empirisch-Na-turales in dem einen Fall Intentionalität als Subjektivität ist, in dem anderen dagegen nicht, wohl keinem Zweifel unterliegt, kann diese Art Versuch von ihnen prinzipiell nur scheitern. Denn gerade dann ist prinzipiell nicht zu erklären, warum ein Subjekt empirisch sich nicht auch genausogut in jene geologische Steinformation sollte »ein­fühlen« und »versetzen« können, um sie dementsprechend als eines Subjekts Behauptungssatz »Es regnet« zu verstehen.

Solche Subjektivität im Sinne der Intentionalität vermag ich Ihnen hier nur vorläufig als eine Wohlbekannte in den Blick zu rücken und im folgenden erst ihrer inneren Struktur nach zu entfalten, worin sie bis heute unentfaltet eine große Unbekannte ist. Sie sollten sie zu­nächst auch lediglich als das im Blick behalten, was genausowenig wie jene Verhältnisse von Ding und Eigenschaft oder von Ursache und Wirkung an Empirisch-Naturalem sich etwa empirisch sehen oder hören läßt, wie Ihnen hieran aber noch am ehesten erhellen mag. Denn klarer als im Fall jener Verhältnisse, die ihrer Herkunft nach desgleichen noch der Aufklärung bedürfen, liegt in diesem Fall das daran, daß der Grund dafür, Empirisch-Naturales wie bestimmte Färb- bzw. Lautgestalt als Sinn oder Bedeutung zu verstehen, als Subjektivität oder Intentionalität, ausschließlich wir sind. Daß wir sie im Unterschied zu bloßem Naturalen nicht einfach empirisch festzu­stellen vermögen - auch an uns nicht, insofern wir jeweils selbst als Körper oder Leib Empirisch-Naturales sind -, geht nämlich darauf nur zurück, daß so etwas wie Subjektivität oder Intentionalität je­weils allein aus sich als einem Selbstverhältnis überhaupt hervorgeht. Derlei aber kennen wir erst recht nicht von bloß Naturalem, derlei vielmehr kennt ein jeder von uns ursprünglich allein aus sich und auch allein als etwas, dessen er sich ursprünglich nur nichtempirisch und mithin auch nur als eines Nichtempirischen bewußt ist. Eben darin liegt der Grund dafür, daß wir Empirisch-Naturalem so etwas wie Subjektivität oder Intentionalität allein als etwas Nichtempiri­sches zugrunde legen, nämlich weil wir dies auch jeweils ausschließ­lich aus uns heraus ihm unterstellen: als etwas, dessen wir zunächst einmal allein uns selbst jeweils bewußt sind, und zwar als das Nicht­empirische von Selbstbewußtsein.

Vorerst sollten Sie sich nur darüber klar sein: Die bekannte Schwierigkeit, die einer Lösung dieser Selbstbewußtseinsproblema-tik nach wie vor im Wege steht, liegt vorrangig in folgendem bis heute Unverstandenen: Das Nichtempirische von Selbstbewußtsein eines Selbstverhältnisses ist jeder von uns gerade dadurch, daß er als dies Selbstverhältnis zu sich selbst gerade Fremdverhältnis ist zu Anderem als sich selbst, indem er eben Subjektivität gerade als Inten-tionalität ist. Denn als solche geht er a priori aus sich selbst heraus auf Anderes seiner selbst aus als Empirisches für sich, gleichviel ob er dabei auf Grund von jenem a priori Unterstellten dann a posteriori dieses Andere empirisch nun tatsächlich als ein anderes Subjekt er­fährt oder nur als ein anderes Objekt im Sinne eines bloßen Natura-len. Es gehören jedenfalls dieses Verhältnis zu sich selbst sowie zu­gleich aus ihm heraus dieses Verhältnis auch zu Anderem seiner selbst bei jedem von uns in Gestalt seiner Intentionalität anschei­nend notwendig zusammen, bilden darin eine zwar komplexe, aber dennoch unlösbare Einheit miteinander: So grundsätzlich geht im Zug seiner Intentionalität ein jeder von uns aus sich selbst heraus gerade aus auf Anderes seiner selbst, daß umgekehrt für jeden von uns dieses Andere als das Empirische dabei ganz in den Vordergrund tritt, er dagegen als das Nichtempirische von Selbstverhältnis selbst, aus dem heraus er dieses Fremdverhältnis überhaupt erst ist, entspre­chend ganz im Hintergrund bleibt.

Eben hieran noch am ehesten erhellt für Sie dann aber auch, daß Überlegungen wie die bisher mit Ihnen angestellten in der Tat in vollem Sinne Reflexion sind, nämlich Rückbesinnung auf uns selbst und so Thematisierung dessen, was in allen ändern Unternehmen wie zum Beispiel in alltäglicher und wissenschaftlicher Erfahrung gerade unthematisch bleibt. Als ebensolche Reflexion jedoch besitzt Philosophie auch ihre Eigentümlichkeit, vor allem ^ber Schwierig­keit: Durch ihre Art der Überlegung nämlich geht sie jeden an, jedoch auch als die Zumutung, seiner Intentionalität im Gegenzug zu ihrer Richtung auf dies Andere oder Empirische als der natür­lichen eine ihr gegenüber unnatürliche zu geben: jene Richtung auf sich selbst zurück als jenes Nichtempirische von Selbstverhältnis, als das er sich selbst als diesem Fremdverhältnis zu Empirischem als Anderem ja immer schon zugrunde liegt. Und schwierig ist das, weil es nicht einfach bedeutet, diese unnatürliche intentio obliqua bloß als rückgewendet-höherstufige natürliche intentio recta zu vollziehen: Eben dadurch unterläuft gerade eine grundverfehlte Selbstverdingli-chung des nichtempirischen Subjekts, worin es, statt im Selbstverhältnis zu sich selbst als solches Nichtempirische sich auch zu treffen, sich in einem Quasi-Fremdverhältnis zu sich selbst als Quasi-Ande-res oder Quasi-Empirisches vielmehr entgeht. Dies heißt recht ei­gentlich, die Art und Weise der natürlichen intentio recta aufzugeben und die unnatürliche intentio obliqua dafür auszubilden als grund­sätzlich andere Art und Weise der intentio reflectiva, deren Eigentüm­lichkeit nicht schon von vornherein gegeben ist, sondern sich nur ergeben kann, indem sie durch die Tat gelingt, nämlich als Theorie der Subjektivität im Sinne von Intentionalität auch Herr wird.

Sie sehen jedenfalls: Ein Unternehmen wie Philosophie vermag danach nur so in Gang zu kommen, daß wir unsere Erfahrung jenes Natural-Empirischen wohlüberlegt auf sich beruhen lassen, um aus ihr heraus in Reflexion auf sie zurückzutreten: dadurch nämlich, daß wir rückwärts über das, was für sie Thema ist, hinaus auch sie und damit uns als jenes Nichtempirische von Grund für sie zum Thema noch erheben, was all jene ändern Unternehmen immer wieder über­gehen müssen.

Als jenes Nichtempirische indessen liegen wir dieser Erfahrung von Empirisch-Naturalem als dem Anderen nicht nur zugrunde, in­sofern wir letzteres, indem wir ihm aus uns heraus Intentionalität von Subjektivität als Nichtempirisches schon immer unterstellen, auch tatsächlich als ein anderes empirisches Subjekt mit dieser oder jener ganz bestimmten Intention erfahren. Dieses Nichtempirische von Grund für sie sind wir vielmehr jener befremdlichen Behaup­tung Kants zufolge auch, sofern wir dieses Andere als das bloß Natural-Empirische von anderem Objekt erfahren, als ein bloßes Ding mit Eigenschaft oder als bloße Wirkung einer Ursache, und damit grundsätzlich für alles Andere als Natural-Empirisches im Ganzen.

 

 

Ende Seite 21

 

 

++++++++++++++++

 

Empirische Weltsicht:

 

Unsere Welt

 

http://htwins.net/scale2/scale2.swf?bordercolor=whitehtwins.net