Wie ist Freiheit in einer Welt möglich, die ganz von Naturgesetzen bestimmt ist?

Der gute Immanuel Kant ist mit seinem Beweis, ob dies grundsätzlich überhaupt möglich ist, gescheitert, weil er nicht klar zwischen Spontaneität und Freiheit unterschied, so mußte er sich bei seinem „Kategorischen Imperativ“ mit der bekannten Formel behelfen: »Du kannst, denn Du sollst«: das Sollen als Begründung für das Können (Freiheit). Dies jedoch war die genaue Umkehrung des ursprünglich Geplanten, das entsprechend kurz sich formulieren läßt »Du sollst, denn »Du kannst«: das Können (Freiheit) als Begründung für das Sollen, was erst 270 Jahre später Gerold Prauss zuende brachte.

 

Siehe Seite 543-588, „Die Welt und wir“ Bd. 2/2, Metzler-Verlag. Nur zur Diskussion bei Jesus.de, Siehe

http://www.jesus.de/forum/ansicht/thread/thema/die-illusion-des-freien-willens-und-die-folgen..html

 

Man sollte dazu wissen, daß nach Prauss sich eine Erkenntnis synthetisch in drei strukturell aufeinander folgenden Stufen aufbaut, so etwa wie Zahnräder, - also nicht zeitlich nacheinander,

  1. Gefühlsbewustsein
  2. Begriffs- und Anschauungsbewußtsein
  3. faktisch, kontingent, bestimmt empirisch bewußt

 

Man wird bei der Lektüre (ab hier) verstehen lernen, daß die Naturgesetze nicht nur aufgrund der Freiheit möglich sind, sondern die Freiheit selbst aufgrund eines Naturgetzes, das auch Kant bereits ahnte.

 

Siehe auch: http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/Aufklaerung.htm

 

Vielleicht gibt es da einige Übertragungsfehler, entschuldigt! Vielleicht wird man einige Sätze zweimal oder dreimal lesen müssen. Aber es lohnt sich.

Die etwa 1500 Seiten vorher, sind Vorbereitung, - und sollte jeder lesen!!!! Ich bin für alle Verständnisfragen offen.

 

Zentralsatz rot S. 558

Gruselkabinett S. 586

14. Der Nachweis unserer Willensfreiheit durch das Widerspruchsprinzip als ein Absichtlichkeitsgesetz

In welchem Sinn sich nunmehr auch die Frage nach den Grenzen einer Absicht stellt, wird Ihnen einsichtig, wenn Sie zunächst einmal verstehen, in welchem Sinn gerade nicht. Im falschen Sinn verstehen könnten Sie sie nämlich insbesondere dann, wenn Ihnen das zuletzt gewonnene Ergebnis keine Schwierigkeit bereitet. Etwas Inhaltlich-Bestimmt-Empirisches kann danach für ein ursprüngliches Intendieren noch nicht vorgegeben sein, weil ersteres auch noch nichts Wirklich-Anderes sein kann. Denn nur im Sinn des letzteren gilt dies, und nicht etwa in jenem gänzlich ändern Sinn, wonach dem ursprünglichen Intendieren etwas Inhaltlich-Bestimmt-Empirisches sehr wohl schon immer vorgegeben ist, jedoch gerade ohne daß es auch schon immer etwas Wirklich-Anderes als es ist. Eiegt einer ursprünglichen Intention als dem Bewußtsein eines Urteils auf der dritten Stufe doch die erste als Gefühlsbewußtsein und die zweite als Begriffs- und Anschauungsbewußtsein immer schon zugrunde. Und von daher ist sie jeweils faktisch, kontingent, tatsächlich auch schon immer eine Intention, die als ein inhaltlich-bestimmt-empirisches Bewußtsein auftritt, im Erfolgsfall ebenso wie auch im Mißerfolgsfall. Denn bloß daran kann es liegen, daß sie dann, wenn sie als solche Intention auch faktisch, kontingent, tatsächlich noch Erfolg und damit etwas Wirklich-Anderes für sich erzielt, dies Wirklich-Andere genauso faktisch, kontingent, tatsächlich auch noch als ein Inhaltlich-Bestimmt-Empirisches erzielt. Führt nämlich faktisch, kontingent, tatsächlich eine solche Intention zu einem Mißerfolg statt zu einem Erfolg, so ist auch das, was sie dabei gerade nicht als etwas Wirklich-Anderes erzielt, schon immer faktisch, kontingent, tatsächlich etwas Inhaltlich-Bestimmt-Empirisches.

Und wenn das so ist, überlegen Sie vielleicht, dann muß ein solches Intendieren — auch wenn es nur jenes Intendieren der Verwirklichung von etwas Wirklich-Anderem überhaupt sein kann - auf Grund des Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen, das ihm bereits zugrunde liegt, zu einem inhaltlich-bestimmt-empirischen Erfolg bzw. Mißerfolg gelangen und so im Erfolgsfall auch zu einem

 

 

Grundlagen unseres Handelns

inhaltlich-bestimmt-empirisch Wirklich-Anderen. Das heißt: Dann kann ein solches Intendieren jeweils auch nur solches Inhaltlich-Bestimmt-Empirische, das ihm von innen her schon immer vorgegeben ist, nach außen hin zu etwas Wirklich-Anderem der Außen-welt verwirklichen; und sonach muß das letztere auch das genau entsprechend Inhaltlich-Bestimmt-Empirische sein, wenngleich jetzt als das entsprechend Wirklich-Andere. Darin aber liege, könnten Sie sich weiter überlegen, auch schon immer eine Grenze für ein solches Intendieren.

So gewiß das aber zutrifft, so doch nicht in dem Sinn, der vereinbar wäre mit dem anderen, der wesentlich zu dem zuletzt gewonnenen Ergebnis mithinzugehört. Danach ist nämlich eine Intention, ob nun als abgeleitete oder als ursprüngliche Praxis, grundsätzlich erst einmal ohne jede Grenze: in dem Sinn jener Naturwüchsigkeit von absichtlichem Verwirklichungsgeschehen überhaupt. Denn in dem Sinn, daß jeder Intention schon immer jenes Inhaltlich-Bestimmt-Empirische zugrunde liegt, ist sie gerade niemals ohne jede Grenze, ist sie vielmehr immer irgendeiner Grenze unterworfen. Und das gilt auch nicht allein für dieses Inhaltlich-Bestimmt-Empirische als die ihr innere Grenze, sondern von ihm her auch noch für dieses Inhaltlich-Bestimmt-Empirische des Wirklich-Anderen der Außenwelt als die ihr innere Grenze. Beides nämlich bildet miteinander im Zusammenhang das Kontingente, Faktische, Tatsächliche, das den Naturgesetzen unterliegt, so daß auch die naturwüchsigste Intention, ja eigentlich gerade sie, an ihnen durchwegs ihre Grenze hat. Ja überhaupt nur dadurch, daß sie diesem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen sich jeweils unterwirft, es nämlich jeweils sich zunutze macht, um über es gerade mittels seiner selbst jeweils hinauszugehen, vermag sich eine solche Intention auch selber jeweils überhaupt erst zu erstellen.

Das gilt bereits für das »Erkennen« als das ursprüngliche Intendieren auf der dritten Stufe. Denn dem liegt von erster und von zweiter Stufe her gefühlsgetränktes Material von »Sinnesdaten« als das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische der Anschauung und des Begriffs zugrunde. Dieses nämlich wird durch solches Intendieren auf der dritten Stufe umgeformt zu demjenigen Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen, das hier als etwas Wirklich-Anderes dadurch zumindest hingestellt wird, auch bei Mißerfolg, und bei Erfolg dann eben auch noch hergestellt wird. Und erst recht gilt dies dann für


das Intendieren als das abgeleitete des »Handelns« auf der dritten Stufe, das sich dieses Inhaltlich-Bestimmt-Empirische als ursprüngliches Wirklich-Andere zunutze macht, um so aus ihm auch anderes Inhaltlich-Bestimmt-Empirische noch herzustellen, eben auch noch daraus abgeleitet Wirklich-Anderes. Und insbesondere dabei macht es sich auch die Naturgesetze dienstbar, denen dieses Inhaltlich-Bestimmt-Empirische schon als das ursprüngliche Wirklich-Andere gehorcht, genauso wie auch als das abgeleitete: Gesetze der Natur, an denen nicht zu rütteln ist. Genau in diesem Sinn ist aber eben auch schon an dem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen von jenen »Sinnesdaten« jeweils nicht zu rütteln. Zwar vermag ein Subjekt durch sein Intendieren als ein abgeleitetes sich »Sinnesdaten« dadurch zu verschaffen, daß es zwischen Körpern, unter denen auch sein eigener ist, gezielt Verhältnisse herbeiführt, die auch das Entsprechende an »Sinnesdaten« nach sich ziehen, so daß sie damit reicher und mithin auch aufschlußreicher werden. Doch auch daran, was sich dadurch je und je an »Sinnesdaten« für sein ursprüngliches Intendieren faktisch, kontingent, tatsächlich einstellt, läßt sich je und je in keiner Weise rütteln, weil auch dies schon je und je von den Naturgesetzen abhängt, auch wenn sie erst nachträglich dazu ermittelt werden können.

Im Vergleich zu solchen Grenzen aber, welche jeweils diesseits einer jeden Absicht liegen, fragt es sich nunmehr nach solchen, welche jeweils vielmehr jenseits  einer jeden Absicht lägen, weil sie Grenzen einer Absicht als schon vollständiger wären und mithin auch Grenzen für sie als schon vollständige. Denn genau in dieser Hinsicht müßten letztere von ersteren auch wesentlich verschieden sein, weil erstere die Grenzen diesseits einer jeden Absicht ja gerade darin sind, daß sie ihr nur zugrunde liegen. Heißt dies doch, daß eine Absicht sich auf Grund von ihnen auch erst immer aufzubauen vermag, so daß sie auch als Absicht immer nur von ihnen auszugehen vermag und somit niemals etwa auch als diese Absicht hinter sie zurückzugehen, die eben darum auch nicht Grenzen für sie selbst als Absicht werden können.

Das gilt ebenfalls bereits für das »Erkennen« als das ursprüngliche Intendieren auf der dritten Stufe. Dieses kann sich jeweils prinzipiell nicht etwa rückwärts auf das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische der »Sinnesdaten« richten, um absichtlich an ihnen, die dabei stets schon in ihm selber wirklich sind, etwas zu ändern.

 

 

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Vielmehr kann sich dieses ursprüngliche Intendieren auf der dritten Stufe jeweils prinzipiell nur vorwärts richten auf das daraus stets erst noch absichtlich zu verwirklichende Andere der Außenwelt, in das dann jenes Inhaltlich-Bestimmt-Empirische auch nur noch eingeht: bei Erfolg wie auch bei Mißerfolg. Und ebenfalls erst recht gilt dies dann für das Intendieren als das abgeleitete des »Handelns« auf der dritten Stufe. Dieses kann sich hier desgleichen prinzipiell nicht etwa rückwärts auf das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische des ursprünglichen Wirklich-Anderen oder auch Nicht-Wirklich-Anderen richten, um an ihm als dem Erfolg oder dem Mißerfolg des ursprünglichen Intendierens absichtlich etwas zu ändern, oder gar an dem naturgesetzlichen Zusammenhang von ihm mit anderem Wirklich-Anderen. Vielmehr kann es hier sich gleichfalls prinzipiell nur vorwärts richten, nämlich ebenfalls nur darauf, aus dem ursprünglichen Wirklich-Anderen abgeleitet Wirklich-Anderes zu verwirklichen, und dies auch nur nach den Naturgesetzen, denen ersteres schon unterliegt.

Dies aber ist bemerkenswert, wenn Sie den Mißerfolg miteinbeziehen. Ergibt sich damit doch durch Herleitung, was man aus falschem Theoretizismus für so selbstverständlich hält, daß man es nicht einmal als Frage stellt. Unmöglich ist es danach, einen Mißerfolg von ursprünglichem Intendieren: einen »Irrtum« von »Erkennen«, etwa wettzumachen durch ein »Handeln«: durch ein Intendieren als ein abgeleitetes. Eine Unmöglichkeit ist dann jedoch auch noch das Umgekehrte, nämlich einen Mißerfolg von Intendieren als dem abgeleiteten des »Handelns« etwa durch »Erkennen« als ein ursprüngliches Intendieren wettzumachen. Demgemäß vermag auch weder abgeleitetes für ursprüngliches Intendieren einzuspringen oder aufzukommen noch ursprüngliches für abgeleitetes. Ein Mißerfolg von ursprünglichem Intendieren ist vielmehr auch nur durch ursprüngliches Intendieren wettzumachen und ein Mißerfolg von abgeleitetem auch nur durch abgeleitetes, so ausgeprägt sind jeweils beide gegeneinander wie auch noch das asymmetrische Verhältnis beider zueinander. Nur ergibt sich all dies freilich erst, wenn Sie es in Verwirklichungsbegriffen durchführen, weil ein jedes davon als ein in sich vollständiges Intendieren sich in diesem Sinn einer Verwirklichung auch stets nur vorwärts richten kann, worauf auch immer es sich dabei richten mag.


Bezüglich eines solchen Intendierens aber, das in diesem Sinn sich erst einmal auf das naturwüchsigste vorwärts richtet, fragt es sich dann auch gerade, ob und wie es vorwärts Grenzen haben kann, von woher es als solches selbst erst einmal keine Grenzen hat. Denn alle Grenzen, die es hat, sind Grenzen, die es nur von rückwärts her hat, wohin es als Intendieren jedoch gerade nicht sich richten kann und diese somit auch nicht Grenzen für es als ein solches Intendieren sein können. Und so kann auf die in diesem Sinn gestellte Frage denn die erste, allgemeinste Antwort auch nur lauten, daß ein solches Intendieren, wenn überhaupt, dann auch nur solche Grenzen haben kann, die es sich selber setzt; nämlich aus sich als solchem Intendieren für sich als solches Intendieren. Von jenen Grenzen, die es letztlich in Gestalt jener Naturgesetze stets schon hat, sind diese Grenzen darum grundverschieden. Und dies deshalb, weil ein Intendieren sie, wenn überhaupt, dann eben auch stets erst intentional, das heißt: als eigentümliche Absichtlichkeitsgesetze, haben kann und dann, wenn es sie hat, befolgen kann, oder auch nicht. Denn für Naturgesetze hat dies alles keinen Sinn. Die nämlich hat ein Intendieren keineswegs in dem Sinn, daß es sie sich selber setzt, so daß es sie etwa als solche hätte, die es dann befolgen kann, oder auch nicht.

Ist doch auch nicht einmal das letztere der Fall, das Ihnen noch am ehesten als möglich gelten könnte, wie zum Beispiel im Zusammenhang der Redensart, es habe eine Intention zu einem Mißerfolg geführt, da durch sie gegen ein Naturgesetz verstoßen worden sei. Denn wörtlich ist das gar nicht haltbar, weil von vornherein unmöglich. Jede Intention geht nämlich dahin, daß ein Subjekt seinen Körper in Bewegung oder Ruhe setzt bzw. hält und durch ihn auch noch andere Körper. Und das kann - Intentionalität vorausgesetzt - von vornherein nur nach Naturgesetzen vor sich gehen, gleichviel, zu welcher Wirkung es gemäß diesen Naturgesetzen im Bereich der Körper führen mag, und einerlei, ob das betreffende Subjekt diese Naturgesetze dabei auch als solche selbst schon kennt, oder noch nicht. Und im Zusammenhang mit diesem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen von solchen Körpern gilt das eben gleich notwendig auch bereits für jenes Inhaltlich-Bestimmt-Emprische von »Sinnesdaten«, nämlich schon für jene ursprüngliche Praxis des »Erkennens« und nicht erst für diese abgeleitete des »Handelns«. Kann doch deren jede sich nur über die

 

 

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naturgesetzliche Notwendigkeit von jedem solchen Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen hinaus als Intendieren erstellen, nämlich auf Grund von ihr, nicht etwa gegen sie.

Entsprechend kann das eine Intention, wenn gleichfalls nach Gesetzen, so auch nur nach solchen, welche dann auch nur Gesetze der Intentionalität als solcher selbst sein können, und das heißt: Gesetze der Natur als Spontaneität. Und im Vergleich zu den Gesetzen der Natur als jener Notwendigkeit muß es sich bei diesen dann gerade auch um die Gesetze der Natur als Freiheit handeln, sprich: um die Gesetze der zunächst einmal naturwüchsigsten Spontaneität als Freiheit der Intentionalität von jener dreistufigen inneren Struktur. Daß es sich dabei um Gesetze handelt, die ein Intendieren sich selber setzt, nämlich aus sich als solchem Intendieren für sich als solches Intendieren, bedeutet eben, daß es sie aus sich als dieser Freiheit und für sich als diese Freiheit setzt. Die aber läßt sich dann auch herleiten, womit die Leugnung dieser Freiheit als genau das Dogma des deterministischen bzw. mechanistischen Materialismus sich erweist, der mittlerweile ausgespielt hat. Kann doch nach der Überwindung der Physik von Newton die Natur als Spontaneität nicht einmal innerhalb von Empirie der neuesten Physik geleugnet werden; und um wieviel weniger dann dort erst, wo diese Natur die Spontaneität der Freiheit von Intentionalität ist: in Gestalt des Nichtempirischen von Subjektivität. Nur läßt ein richtiger deterministischer oder materialistischer Dogmatiker von solcher Subjektivität sich auch erst recht nicht daran hindern, jede Möglichkeit für Freiheit weiterhin zu leugnen, mag er sich dadurch auch als ein Vorvorgestriger erweisen. Um so wichtiger denn auch, daß diese Freiheit herleitbar auf einem Weg ist, den er nicht verweigern kann, weil er ihn selbst in Anspruch nehmen muß: ein Weg, den Kant, obwohl er ihm schon vorgeschwebt hat, nicht zu gehen vermochte.

Herleitbar ist Freiheit nämlich dadurch, daß auch ein Gesetz der Freiheit herleitbar ist, das nur ein Gesetz sein kann, das diese Freiheit aus sich selbst und für sich selbst sich auferlegt, und zwar bereits als ursprüngliche Praxis von »Erkennen« als dem ursprünglichen Intendieren. Diese Einsicht aber hat sich Kant, obwohl er zu ihr schon weit vorgedrungen war, am Ende selbst versperrt, und zwar im wesentlichen deshalb, weil er nicht genügend zwischen Spontaneität und Freiheit unterschieden hat. Denn Spontaneität als

solche selbst vermochte Kant schon herzuleiten, weil auch noch Gesetze wie »Kategorien«, »Schemata« und »Grundsätze«, nach denen diese Spontaneität die innere Struktur jener drei Stufen annimmt, auch wenn deren Durchführung bei Kant nicht über Ansätze hinauskam. Aber was auch immer solche Spontaneität auf jeder dieser ihrer Stufen an Struktur annehmen möge, - keine davon nimmt sie etwa so an, daß sie ihr sich unterwerfen oder auch nicht unterwerfen könnte. Jede davon nimmt sie vielmehr so an, daß sie ihr sich unterwerfen muß, soll erstere gerade nicht einfach nur Spontaneität, sondern ab diese auch Intentionalität noch werden können. Wird sie das doch auch durchaus nicht etwa schon auf erster oder zweiter Stufe, sondern erst auf dritter.

Demgemäß ist Spontaneität bezüglich jeder dieser Stufen zwar spontan, jedoch nicht frei, nämlich durchaus nicht etwa frei, sich so oder auch anders zu gestalten, soll sie sich im ganzen zu Intentionalität gestalten können. Denn an Möglichkeiten für Verhältnisse von Punkt und Ausdehnung als jenen Grundprinzipien der Geometrie bestehen nun einmal nur die oben hergeleiteten, die damit ausgeschöpft sind'. Frei ist Spontaneität vielmehr, wenn überhaupt, dann erst auf dritter Stufe als Intentionalität, und dann auch nur bezüglich dessen, was sie durch sich als ein Intendieren zu verwirklichen vermag: nur vorwärts nämlich in Bezug auf etwas Wirklich-Anderes als sich. Denn rückwärts muß sie eben dafür sich auch immer schon verwirklicht haben: zur Gesamtstruktur des Intendierens als der ersten Hälfte dieser dritten Stufe. Und genau in diesem Sinn sind die Strukturen von der ersten bis zur dritten Stufe denn auch eine Sache der Notwendigkeit, trotz ihrer Spontaneität, und nicht der Freiheit.

Folglich sind auch jene für sie hergeleiteten Gesetze der »Kategorien«, »Schemata« und »Grundsätze« noch nicht Gesetze für die Freiheit, so daß damit auch die Freiheit selbst noch nicht als hergeleitet gelten kann. Und mindestens intuitiv war Kant sich darüber anscheinend auch im klaren. Denn für seine ursprünglich geplante Herleitung einer speziell moralisch-rechtlichen Gesetzlichkeit der Freiheit hätte Kant die Freiheit generell und damit ein Gesetz der Freiheit generell als Grundvoraussetzung benötigt. Die jedoch versagt er sich - trotz seiner Herleitung von Spontaneitäts-

1 Vgl. G. Prauss 1999, SS 10-12, und unten $22.

 

 

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gesetzen wie »Kategorien«, »Schemata« und »Grundsätzen«-. Und zwar so konsequent, daß Kant seinen Versuch der Herleitung speziell moralisch-rechtlicher Gesetzlichkeit der Freiheit schließlich sogar aufgibt und statt dessen eine sehr viel schwächere Moralphilosophie entwickelt als die ursprünglich geplante, die er dadurch förmlich umkehrt. Die moralisch-rechtliche Gesetzlichkeit, die aus der Freiheit hergeleitet werden sollte, setzt er nunmehr nämlich ohne Herleitung als »Faktum der Vernunft« voraus, um aus ihm allererst die Freiheit herzuleiten, eben weil sie noch nicht hergeleitet ist. Am kürzesten drückt dieses Unternehmen die bekannte Formel aus »Du kannst, denn Du sollst«: das Sollen als Begründung für das Können (Freiheit). Dies jedoch ist die genaue Umkehrung des ursprünglich Geplanten, das entsprechend kurz sich formulieren läßt »Du sollst, denn »Du kannst«: das Können (Freiheit) als Begründung für das Sollen

Als hergeleitet hätte Kant die Freiheit nur in Anspruch nehmen können, wenn er über die Notwendigkeitsgesetze jener bloßen Spontaneität hinaus noch mindestens ein weiteres Gesetz gefunden hätte, welches für ihn herleitbar gewesen wäre. Dieses nämlich hätte Kant herleiten müssen als Gesetz für solche Spontaneität, für welche die Notwendigkeitsgesetze der »Kategorien«, »Schemata« und »Grundsätze« schon vollständig in Geltung sind, so daß in deren Sinn auch sie als Spontaneität schon vollständig, das heißt zumindest schon die Spontaneität des Urteils ist. Und erstmals vollständig ist diese eben darin, daß sie erstmals vollständig Intentionalität ist, weil sie erstmals etwas ist, das zu Erfolg bzw. Mißerfolg gelangen kann. Doch ein Gesetz, das auch für solche vollständige Spontaneität als die Jntentionalität noch herleitbar gewesen wäre, hat er nicht nur nicht gefunden. Kant hat es vermutlich auch nur deshalb nicht gefunden, weil er eine hinreichende  Unterscheidung zwischen  Spontaneität und Freiheit nicht mehr durchführt.

 

2 Nicht etwa tut er dies, wie ich zunächst vermutete, weil er sie nur als »theoretische« betrachtet (Vgl. G. Prauss !983, S. 116ff., S. 158ff), was auch dem »Primat der praktischen Vernunft« (vgl. Bd. .5, S. l19ff) zuwiderlaufen müßte, der bei Kant bereits empirisches »Erkennen« als das ursprüngliche Intendieren mitbetreffen muß.

3  Vgl. zu all dem G. Prauss  1983. ,§§5ff


Nachweis unserer Willensfreiheit durch das Widerspritchsprinzip

Aus der Art der Formulierung jedenfalls, die Ihnen zeigt, daß diese Freiheit ihm als solche selbst durchaus schon vorgeschwebt hat, geht dies klar hervor, wenn Sie sie wörtlich nehmen. Stellt er doch an einer Stelle ausdrücklich heraus: »Wenn uns Erscheinung gegeben ist, so sind wir noch ganz frei, wie wir die Sache daraus beurteilen wollen«4. Denn mit »Erscheinung«, welche uns »gegeben« ist, meint Kant hier jenes Inhaltlich-Bestimmt-Empirische von Sinnesdaten, das uns stets schon vorgegeben ist, so daß ein Urteil stets erst »daraus« eine »Sache«, etwas Objektives, zu »beurteilen« vermag. Und ohne Zweifel gilt ihm dabei dieses Urteil als ein Fall von Freiheit, einer Freiheit allerdings, die er von bloßer Spontaneität nicht unterscheidet. Wörtlich nehmen müssen Sie hier nämlich nicht nur dieses »frei«, sondern auch dieses »noch« im Ausdruck »noch ganz frei«. Und daran sehen Sie sofort, wie weit es Kant an dieser Unterscheidung fehlen läßt, so weit sogar, daß er sich damit eine Theorie der Freiheit selbst unmöglich macht.

Zwar meint er damit sicher nicht, wir wären etwa frei bezüglich jenes Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen von Sinnesdaten, das er hier »Erscheinung« nennt. Denn klar bezieht er dieses »frei« auf das »Beurteilen« der »Sache« und nicht auf »Erscheinung«. Daß sie als »Gegebenes« dem »Beurteilen« zugrunde liegt, bedeutet nämlich keineswegs, daß sie etwa auch ihrerseits noch dessen »Freiheit« unterliegt, als ob es frei auch darin wäre, zu verfügen, was ihm an »Erscheinung« je und je »gegeben« werde. Doch durchaus meint er damit, wir seien, wenn auch nicht bezüglich dieses Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen von Sinnesdaten der gegebenen Erscheinung frei, so doch sehr wohl als das Formale jener Spontaneität, in Form von der dies Inhaltlich-Bestimmt-Empirische von Sinnesdaten als gegebene Erscheinung jeweils auftritt. Denn was sonst soll es bedeuten, daß er sagt, wir seien als die Spontaneität des Urteils »noch ganz frei«, wenn nicht zumindest dies, daß wir als solches Urteil noch sind, was wir vordem schon sind, eben Spontaneität? Und die betrachtet er mithin auch schon von ihrem Ursprung her als Freiheit. Damit aber unterläuft ihm ein verhängnisvoller Fehler5, dessen schlimme Folgen für die Möglichkeit der

4 Bd. 4, S. 290.

5 Faktisch korrigiert er diesen Fehler später durch die Einsicht, »daß ich zwar die Handlungen durch Freiheit, aber die Freiheit selbst nicht in meiner Gewalt habe« (Bd. 19, S. 263, Z. 19 f., kursiv von mir).

 

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Herleitung von Freiheit noch bis heute nicht bereinigt sind, obwohl sie gänzlich unberechtigt sind.

Das sehen Sie sofort, wenn Sie ihn weiter wörtlich nehmen. Wie Sie schon gesehen haben, kommt gerade nach der Durchführung des Ansatzes von Kant nicht in Betracht, wir seien, nur weil wir dabei spontan sind, auch schon frei, uns hinsichtlich von irgendeiner jener dreistufigen inneren Strukturen so oder auch anders zu verwirklichen. Dies aber gilt bis einschließlich der ersten Hälfte jener dritten Stufe, und das heißt: bis einschließlich des Urteils als der Form von jedem ursprünglichen Intendieren. Auch bezüglich dieser Form des Urteils und so auch bezüglich des in Form des Urteils erstmals vollständigen Intendierens also sind wir noch nicht frei, uns dazu oder auch zu etwas anderem zu verwirklichen: Zu ursprünglichem Intendieren können wir uns gar nicht anders als in Form von ursprünglichem Urteilen verwirklichen. Auch dieses Intendieren und mithin auch dieses Urteilen als Form von ihm ist demnach zwar ein Fall von Spontaneität, doch damit noch kein Fall von Freiheit, sondern von Notwendigkeit, soll es auch noch zu etwas kommen können, das Erfolg bzw. Mißerfolg für beides ist.

Von Grund auf fragwürdig muß Ihnen deshalb werden, was es angesichts von all dieser Notwendigkeit denn eigentlich bedeuten soll, wir seien »frei«, die »Sache« als das Objektive zu »beurteilen«, wenn uns »Erscheinung« als das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische »gegeben« ist. Ja wenn Sie letzteres noch mit hinzunehmen, verschärft sich diese Fragwürdigkeit noch viel weiter. Nicht allein in jenem Urteilen als dem Formalen nämlich, sondern auch in diesem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen sind wir nicht frei. Infolgedessen heißt das insgesamt sogar, daß wir ursprünglich nicht allein formal nicht anders können als eben zu urteilen, sondern daß wir ursprünglich auch inhaltlich nicht anders können als zu urteilen, nämlich so zu urteilen, wie das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische dieser »gegebenen Erscheinung« es uns eben jeweils vorgibt. Denn dies Inhaltlich-Bestimmt-Empirische muß ja auch jeweils notwendig in solches Urteilen miteingehen.

In welchem Sinn wir dabei dennoch frei sein sollen, könnte eben erst verständlich werden, wenn auch noch eine Gesetzlichkeit für diese Freiheit herzuleiten wäre und mithin auch noch, in welchem Sinn wir dabei sogar frei sein müssen. Doch gerade daran fehlt es nicht allein bei Kant, der seinem Ansatz nach am weitesten dafür


gerüstet war, sondern bis heute noch. Und dies obwohl dahinter ein Problem steht, das geradezu bedrängen müßte, das man darum aber um so gründlicher verdrängen möchte, worin man bisher auch ausnahmslos erfolgreich ist. Denn das Gesetz, um das es dabei geht, ist kein geringeres als jenes nicht nur ausnahmslos bekannte, sondern ausnahmslos auch anerkannte Widerspruchsprinzip. Die ersten Formulierungen, die es gefunden hat - durch Platon^ und durch Aristoteles^, die es entdeckten -, gingen beide nämlich dahin, es als ein Gesetz des Seienden zu formulieren, wonach eines und dasselbe Seiende zur selben Zeit nicht Gegensätzliches als Eigenschaften haben könne. Danach aber müßte dieses Widerspruchsprinzip sich eigentlich als ein Naturgesetz verstehen lassen, als das es jedoch gerade nicht verständlich werden kann, und um so weniger, je mehr die Einsicht in Naturgesetze wie auch in das Wesen von Naturgesetzen wächst. Da dies der strengen Gültigkeit des Widerspruchsprinzips jedoch nicht den geringsten Abbruch tut, wächst es sich aus zu einer Grundverlegenheit. Und die zwingt schließlich dazu, es als ein Gesetz des Seienden zurückzunehmen und statt dessen nur als ein Gesetz der Logik zu betrachten, sprich: nur als Gesetz der Urteile, die Seiendem ja stets nur gegenüber stünden, nämlich stets nur über Seiendes ergingen. Es besage danach nur, daß jedes Urteil, welches einen expliziten oder impliziten Widerspruch enthält, allein schon seiner Form nach »falsch« sein muß, nicht »wahr« sein kann, von welchem Inhalt es auch sei. Und dabei bleibt es auch bei Kant und weiterhin bis heute noch.

So allgemein dies aber richtig sein mag, ist doch damit, daß dies so ist, noch nicht das geringste darüber gesagt, warum  dies so ist. Denn der Grund, warum dies nicht nur richtig, sondern in der Tat auch allgemein für jedes Urteil richtig ist, kann dann auch nur in dem bestehen, was Urteile als solche selbst sind: ihrem Wesen nach. Denn ausgeschlossen und auch widersinnig wäre es, quasi-empirisch nachprüfen zu wollen, ob das tatsächlich allgemein für jedes Urteil richtig sei. Gerade dieses Wesen aller Urteile als solcher selbst jedoch wird dabei immer schon vorausgesetzt, wie etwa, daß ein Urteil als ein positives oder als ein negatives möglich sei sowie

6 Vgl. Po/:Y«a 436h 8 - c 1.

7 Vgl.Metaphysik 1005b 19-27.

 

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als ein elementares oder auch als ein komplexes. Läßt die Möglichkeit von Urteilen als widersprüchlichen sich doch auch überhaupt nur unter der Voraussetzung davon verstehen, weil jede Widersprüchlichkeit die explizite Form von »p und nicht p« haben muß, wenn »p« Variable für ein Urteil ist. Nach seinem Wesen aber, das doch alle diese wie auch andere Möglichkeiten für ein Urteil allererst verständlich machen könnte und das deshalb auch nur am elementaren Urteil aufzuklären wäre, wird auf diese Weise gar nicht erst gefragt.

Unübersehbar wird das für Sie daran, daß man nicht einmal nach dem fragt, wonach man von hierher fragen müßte, und vermutlich nur, weil man die Antwort für trivial hält, was jedoch nicht zutrifft: Woran liegt es eigentlich, daß hiernach stets nur ein komplexes, nie auch ein elementares Urteil widersprüchlich sein kann? Das gilt nämlich auch noch für die Negation eines elementaren Urteils, die als negatives Urteil danach gleichfalls ein elementares Urteil sein muß, so daß auch »komplex« nur heißen kann »komplex aus mehr als einem Urteil. Insbesondere dafür aber, daß ein jedes Urteil, das elementar ist, widerspruchsfrei sein muß, kann der Grund allein im Wesen des elementaren Urteils selbst bestehen. Denn zu antworten, das liege daran, daß die Widersprüchlichkeit von Urteilen als solche die Komplexität von Urteilen voraussetze, wäre trivial, nämlich anstatt eine Erklärung vielmehr nur die Wiederholung dieses Tatbestandes, der zu dieser Frage überhaupt erst führt. Erklären läßt sich das, wenn überhaupt, dann auch nur aus dem Wesen, und das heißt: nur aus der inneren Struktur von jedem Urteil als elementarem, das für jedes Urteil als komplexes immer schon vorausgesetzt ist, aber nicht auch umgekehrt. Der Ursprung von elementaren Urteilen liegt aber eben immer wieder in empirischen Prädikationen, deren innere Struktur dann grundsätzlich auch allen anderen, die ihnen nachgebildet sind, zugrunde liegen muß.

Mit dieser Überlegung stoßen Sie denn auch zunächst einmal auf eine weitere Notwendigkeit als eine weitere Gesetzlichkeit, die zwar noch für Intentionalität als Spontaneität gilt, aber nicht auch schon für sie als Freiheit, ein Gesetz, aus dem das ihrer Freiheit dann jedoch unmittelbar hervorgeht. Denn zur inneren Struktur von jedem Urteil als elementar-ursprünglichem einer empirischen Prädikation gehört ja wesentlich das Inhaltlich-Bestimmt-Empiri-


sehe von Sinnesdaten, wie es sich auf zweiter Stufe je und je verteilen muß auf Anschauung und auf Begriff, wenn es zu einem Urteil über einen Ruhefall soll werden können wie »Dies ist ein Tisch« und »Dies ist rot« und »Dies ist rund«. Setzt jedes Urteil wie »Dies wird ein Tisch« und »Dies wird rot« und »Dies wird rund«, obwohl auch selbst elementar, als Urteil über den entsprechenden Bewegungsfall den Ruhefall doch schon voraus. Ein Prädikat wie »... Tisch« und »... rot« und »... rund« ist nämlich überhaupt nur als ein Ruheprädikat auch ein bestimmtes Prädikat.8 Zu jedem Sinnesdatum als dem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen der Anschauung und des Begriffs gehört auf zweiter Stufe dann jedoch auch seinerseits noch wesentlich, daß es seine Bestimmtheit als empirischer Gehalt wie der von »rot« und »rund« und »Tisch« nur hat, indem es dabei jeweils im Verhältnis steht zu seinem Gegenteil und somit insgesamt den Sinn besitzt »rund und nicht nichtrund« und »rot und nicht nichtrot« und »Tisch und nicht Nichttisch«, einerlei, was für den jeweils negativen einzusetzen sei. Denn als empirische Gehalte auf der zweiten Stufe schließen sie sich hier grundsätzlich aus, auch diejenigen, die sich auf der dritten Stufe als die Eigenschaften eines Selbigen gerade nicht ausschließen. Tritt doch solches Selbige auf jener zweiten Stufe auch noch überhaupt nicht auf, so daß verschiedene empirische Gehalte hier dann auch nur zueinander als sich ausschließenden ein Verhältnis bilden können.

So jedoch muß ein Subjekt als ein Bewußtsein in Gestalt von Anschauung und von Begriff zunächst einmal auch ein Bewußtsein von einem bestimmt-empirischen Gehalt in dem Sinn sein, daß es dabei dann auch noch ein Bewußtsein mindestens von einem weiteren bestimmt-empirischen Gehalt sein muß, Gehalten, die sich wechselseitig ausschließen, weil sie für ein Bewußtsein auch nur dadurch überhaupt bestimmt-empirische sein können. Diese aber müssen dann auch noch so gleichberechtigt miteinander sein, daß ein Subjekt zu seinem Übergang von dieser zweiten Stufe her auf jene dritte Stufe hin auch nicht von beiden ausgehen kann. Im Gegenteil: Als ein Bewußtsein davon muß ein Subjekt sich dazu auch jeweils festlegen auf einen einzigen dieser bestimmt-empirischen Gehalte, weil sonst ein elementares Urteil für es gar nicht

8 Vgl. G. Prauss 1999, §12 d.

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möglich werden könnte und mithin auch kein komplexes, das elementare Urteile ja immer schon voraussetzt. Vielmehr müßte ohne sein Sichfestlegen auf einen einzigen von diesen gleichberechtigten Gehalten ein Subjekt als ein Bewußtsein von ihnen zu einem Urteil kommen, das dann seinem Inhalt nach nur noch in so etwas bestehen könnte wie in »Dies ist rot und nichtrot«, was dann mindestens soviel wie etwa »Dies ist rot und rund« bedeuten müßte oder gar auch noch soviel wie etwa »Dies ist rot und blau«. Dann aber könnte es auch nur so etwas sein wie ein komplexes Urteil vor einem elementaren Urteil, wie das jeweilige »und« bezeugt, und damit auch nur etwas in sich Widersinniges. Denn jedes solche Urteil wird, formallogisch zurecht, im Sinn von »Dies ist rot und dies ist rund« bzw. »Dies ist rot und dies ist blau« analysiert und somit als ein schon komplexes Urteil.

Davon aber sollten Sie sich nicht verwirren lassen, so als würde hier im Zirkel hergeleitet, weil das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische auf zweiter Stufe nur unter Benutzung solcher Ausdrücke wie »und« und »nicht« sich charakterisieren läßt, die eigentlich doch erst auf dritter Stufe im Zusammenhang mit einem oder mehr als einem Urteil stehen können. Daß dies dennoch zirkelfrei ist, sehen Sie sofort, wenn Sie im Blick behalten: Solch ein Urteil kann auf dritter Stufe eben keineswegs, wie man zu meinen pflegt, darin bestehen, etwas schon immer Wirkliches erst immer zu bestimmen, sondern umgekehrt nur darin, etwas immer schon Bestimmtes immer erst als etwas Wirkliches, nämlich als etwas Wirklich-Anderes hinzustellen. Ist doch die Bestimmtheit dieses Etwas dafür immer schon notwendige Voraussetzung. Das können Sie an dem Begriff ersehen, der als Begriff von einem durch ihn vorgestellten Gegenstand in jedem Urteil immer schon enthalten sein muß, wie die »Prädikatenlogik« dies denn auch bezeugt. Dieser Begriff jedoch ist trotz seiner Bestimmtheit für sich selber noch nichts »Wahres« oder »Falsches«, weil ein bloßes Aufbaustück des Urteils als des »Wahren« oder »Falschen«. Dennoch kann er als bestimmter nur im Rahmen der Verhältnisse bestehen, die auf zweiter Stufe schon den Sinn von »und« und »nicht« voraussetzen, und gleichfalls ohne dadurch auch schon etwas »Wahres« oder »Falsches« aufzubauen.

Daraus aber geht für Sie hervor: Zumindest darin hängt auch nicht etwa die zweite von der dritten Stufe, sondern umgekehrt


vielmehr die dritte von der zweiten Stufe ab, von der sie mindestens den Sinn des »und« und »nicht«, den die Bestimmtheit des Begriffs schon impliziert, dann auch schon übernimmt und ihn für die entsprechenden Urteile dann auch nur noch expliziert. Nicht zufällig läßt sich auf Grund von diesem »und« und »nicht« auch mindestens schon die gesamte »Aussagenlogik« errichten, ja sogar auch, wenn man die Bedingungen dafür verschärft, indem man fordert, jede »Aussage« dürfe darin nur als elementare eingehen. Und so kann auch keine Rede davon sein, die Herleitung davon sei zirkelhaft. Im Gegenteil ist überhaupt nicht abzusehen, woraus denn die »Aussagenlogik« sonst noch herzuleiten wäre, wenn nicht aus genau der inneren Struktur von »Aussagen« als Urteilen, die hergeleitet wurde. Und all dies erklärt denn auch, weshalb es ausgeschlossen ist, daß ein elementares Urteil widersprüchlich werden kann, weshalb es somit auch notwendig ist, daß ein elementares Urteil widerspruchsfrei werden muß.

Dies nun also die noch weitere Notwendigkeit als die noch weitere Gesetzlichkeit für Spontaneität, die zur Intentionalität soll werden können: Notwendigerweise muß sie sich dabei von zweiter Stufe her zu dritter Stufe hin auf eines von dem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen festlegen, weil sie jeweils nur von einem einzigen davon ausgehen kann, um es auf dritter Stufe ursprünglich-elementar als etwas Wirklich-Anderes hinzustellen. Nicht etwa vermag sie dazu auch genausogut von beidem gleicherweise auszugehen, weil dies von vornherein nicht einmal dazu führen könnte, etwas ursprünglich-elementar als etwas Wirklich-Anderes hinzustellen, und infolgedessen dann erst recht auch nicht komplexerweise. Aber so gewiß diese Notwendigkeit, daß Subjektivität als zur Intentionalität werdende Spontaneität auf eines davon je und je sich festzulegen habe, hergeleitet werden kann, so doch gewiß nicht auch noch die, auf welches davon sie sich dabei festzulegen habe, da ihr auf der zweiten Stufe eben beides jeweils gleicherweise  zu Bewußtsein kommen muß.

Entsprechend nahe liegt es, hieraus schon die Folgerung zu ziehen: Von hierab müsse deshalb Subjektivität als zur Intentionalität werdende Spontaneität auch nicht mehr nur spontan sein, sondern eben auch schon frei sein, nämlich frei, sich zu entscheiden sein, auf welches davon sie sich dabei je und je festlegen wolle, weil sie sich dabei dann auch auf jedes davon je und je festlegen könne.

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Als Intentionalität sei sie von hierher somit auch schon Freiheit der Intentionalität, das heißt, die Freiheit, was sie intendieren wolle, nämlich welches Inhaltlich-Bestimmt-Empirische sie als ein Wirklich-Anderes hinstellen wolle. Nur bedeutet eben, daß eine Notwendigkeit für solche Festlegung nicht hergeleitet werden kann, gerade nicht, daß damit auch die Freiheit solcher Festlegung schon hergeleitet worden ist. Das wäre sie vielmehr erst durch ein hinreichendes Argument dafür, daß sie von hierab schon bestehen muß, und das ergibt sich dann erst aus dem Widerspruchsprinzip als der Gesetzlichkeit dieser Intentionalität, aus dem die Freiheit solcher Festlegung sich folgern läßt.

Denn so gewiß es ausgeschlossen ist, daß ein elementares Urteil widersprüchlich werden kann, und so gewiß es damit auch notwendig ist, daß ein elementares Urteil widerspruchsfrei werden muß, so gilt dies doch für ein komplexes Urteil keineswegs. Und so gewiß unser empirisches »Erkennen« immer wieder in elementaren Urteilen entspringen muß, so muß es doch bei diesen keineswegs auch stehenbleiben. Vielmehr kann es über sie hinaus auch zu komplexen weitergehen, denen die elementaren nur zugrunde liegen, und auf eben diese Weise bilden wir uns denn auch nach und nach unser gesamtes »Alltagswissen« als »Erfahrungsschatz« sowie auch jede »Wissenschaft« und »Theorie«. Dies alles aber kann dann auch zunächst einmal zu Widersprüchen führen, die nachträglich berichtigt werden, und zwar auch zu solchen, die zunächst einmal sich auf das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische von Sinnesdaten gründen. Die Berichtigung von Widersprüchen zwischen solchen Urteilen betrifft dann also in bestimmtem Sinn auch diese Sinnesdaten als das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische, das für sie vorgegeben ist. Infolgedessen heißt das insgesamt: Auf Grund von vorgegebenen Sinnesdaten als dem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen kann es zwar nicht im vorhinein bei den elementaren Urteilen zu Widersprüchen kommen, doch sehr wohl im nachhinein bei den daraus komplexen Urteilen.

Dies aber ist dann gleichbedeutend mit dem folgenden: Als zur Intentionalität werdende Spontaneität muß Subjektivität in solchen Fällen dann sehr wohl sich auch noch festlegen auf eines gegenüber dem je anderen sich ausschließender Sinnesdaten, soll ihr Urteil als ein auf dem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen derselben gründendes nicht widersprüchlich, sondern widerspruchsfrei werden, was


sie im intentionalen Sinn jedoch auch will. Denn im intentionalen Sinn will sie ja etwas Wirklich-Anderes, das sie nur durch ein Urteil, das auch widerspruchsfrei ist, erzielen kann. Und eben dahin geht auch jedesmal die Intention einer Berichtigung, wenn im Gefolge eines Widerspruchs das Gegenteil von dem geurteilt wird, was ursprünglich geurteilt worden ist, weil dieses ursprünglich Geurteilte mit irgendetwas, dessen Preisgabe nicht tunlich scheint, in Widerspruch geraten ist.

Dies Gegenteil zu urteilen, heißt dann jedoch des weiteren, dies ausdrücklich entgegen jenem Inhallich-Bestimmt-Empirischen zu urteilen, das für das ursprüngliche Urteil das Motiv war. Somit heißt das auch, ausdrücklich gegen jenes Inhaltlich-Bestimmt-Empirische sich festzulegen, eben auf das dazu gegenteilige, wodurch auch immer dieses vorgegeben sein mag. Dies bedeutet mithin femer, daß sich Subjektivität genau in diesem Sinn auch auf das eine oder andere festlegen kann, nämlich auch dann noch auf das andere festlegen kann, wenn sie zunächst einmal sich auf das eine der sich ausschließenden Sinnesdaten festgelegt hat. Letztlich also heißt dies, daß sie es grundsätzlich kann. Infolgedessen hätte sie es auch im vorhinein schon können, hätte dafür ein Motiv, wie in Gestalt der Widersprüchlichkeit eines komplexen Urteils, schon im vorhinein bestanden, und nicht erst im nachhinein. Nur kann so ein Motiv für ein elementares Urteil eben nicht bestehen, weil dieses schon im vorhinein als ein elementares jede Widersprüchlichkeit vermeidet, weil vermeiden muß.

Wie jenes aber ist auch dieses Müssen dann von einer Eigenart, die es von jedem Müssen der Notwendigkeit einer Naturgesetzlichkeit von Grund auf unterscheidet. Und gleichwohl ist es auch selbst in vollem Sinn das Müssen der Notwendigkeit einer Gesetzlichkeit. Nur ist es eben das einer spezifischen Gesetzlichkeit der Freiheit von Intentionalität, einer Gesetzlichkeit, deren Notwendigkeit eine bedingte ist im Unterschied zur unbedingten der Naturgesetzlichkeit: Soll eine Intention zu dem Erfolg, zu dem sie kommen will, zu etwas Wirklich-Anderem, auch kommen können, muß sie frei sein. Frei sein nämlich muß sie dann, sich dazu auf das eine oder auf das andre von sich ausschließenden Sinnesdaten festlegen zu können; denn dann kann sie nicht gezwungen sein, sich dazu auf das eine gegenüber dem je andern festlegen zu müssen oder gar auf beide. War nämlich eine Intention dazu

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 gezwungen, müßte sie es auch im Fall der expliziten Widersprüchlichkeit eines komplexen Urteils weiterbleiben, und so müßte sie trotz seiner Widersprüchlichkeit ein solches Urteil aufrechthalten, was jedoch nicht zutrifft. Vielmehr kann sie es sehr wohl zuungunsten des einen oder andern oder gar zuungunsten von beiden seiner Glieder fallenlassen und ersetzen durch ein anderes. Dies aber kann nur durch die grundsätzliche Freiheit jeder solchen Intention den jeweils eigenen Sinnesdaten gegenüber zu erklären sein.

Am bekannten Beispiel vom »gebrochenen Stab im Wasser« können Sie sich das Grundsätzliche daran besonders gut verständlich machen. Ist zunächst nichts anderes vorgegeben als die Sinnesdaten, die nun einmal vorgegeben werden, wenn ein Stab zum einen Teil im Wasser steckt, zum ändern Teil jedoch aus ihm heraus und in die Luft ragt, liegt für Sie zunächst auch überhaupt kein anderes Motiv als zu dem Urteil vor, er sei gebrochen. Angenommen nun, es läge dazu nicht nur ein Motiv durch diese Sinnesdaten, sondern auch ein Zwang durch diese Sinnesdaten für Sie vor. Dann müßten Sie zu diesem Urteil auch gezwungen sein, wenn Sie der weitere Verlauf Ihrer Erfahrung mit dem Stab dazu veranlaßt, über ihn zu urteilen, er sei ungebrochen und sei auch nicht bald gebrochen und bald ungebrochen, weil dies unvereinbar sei mit anderen Erfahrungen, zu deren Preisgabe dies als ein Grund nicht hinreicht. Denn auch dann bleibt es in jener Situation des Stabes bei den Sinnesdaten, die zum Urteil motivieren, er sei gebrochen. Demnach wären Sie auch dann dazu gezwungen, so zu urteilen, nämlich auch, wenn es im Widerspruch zu diesem oder jenem ändern Urteil stünde, - was Sie aber eben überhaupt nicht sind.

Jedoch auch dazu sind Sie nicht gezwungen, daß Sie etwa widerspruchsfrei urteilen m«/&e», weil Sie freilich ungehindert widersprüchlich urteilen müßten, wie sich denn auch nach Belieben widerspruchsfrei oder widersprüchlich urteilen läßt. Denn keine Macht der Welt - sprich: der Natur, und wäre sie auch noch so sehr eine naturgesetzliche Notwendigkeit - kann Sie zum einen oder andern zwingen. Ganz im Gegenteil sind Sie genau in diesem Sinn zu beidem vielmehr frei;. Denn das bedeutet: Dabei sind Sie frei von dem, was innerhalb von Ihnen noch der letzte Ausläufer naturgesetzlicher Notwendigkeit ist, nämlich frei von jenen Sinnes-

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daten als dem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischcn. Und daß Sie frei von ihm sind, heißt, daß Sie auch frei zu diesem oder jenem Urteil sind, zu dem Sie davon frei erst immer aus- und übergehen. Doch auch keine Macht der Welt - sprich: der Natur, und sei sie noch so sehr eine naturgesetzliche Notwendigkeit - vermöchte durchzusetzen, daß der Gegenstand zu einem widersprüchlichen Begriff bzw. Urteil etwas Wirklich-Anderes als Sie sein könnte, wenn Sie dadurch auf Verwirklichung desselben ausgehen, die Verwirklichung von Wirklich-Anderem eben intendieren, nämlich wollen.

Insgesamt heißt dies sonach: Gezwungen sind Sie dabei nur in dem Sinn, daß Sie widerspruchsfrei urteilen wollen, wenn Sie das, was Sie durch Urteilen erzielen wollen, nämlich Wirklich-Anderes, sollen auch erzielen können. Dies jedoch setzt grundsätzlich voraus, daß Sie auch widerspruchsfrei urteilen können, und sonach auch Ihre grundsätzliche Freiheit gegenüber Ihren Sinnesdaten. Dieses Müssen als ein Sollen, das im Widerspruchsprinzip zum Ausdruck kommt, ist somit förmlich der Beweis für dieses Können Ihrer Freiheit in Gestalt Ihrer Absichtlichkeit. Und dabei handelt es sich um ein Müssen, das als Sollen eben ein bedingtes Müssen ist und nicht ein unbedingtes, wie das der Naturgesetzlichkeit, für das der Ausdruck »Sollen« ohne jeden Sinn sein würde. Daher ist das Widerspruchsprinzip tatsächlich ein spezifisches Absichtlichkeitsgesetz, weil es im Grunde auch nur eine innere Notwendigkeit für jegliche Absichtlichkeit zum Ausdruck bringt. Es wäre nämlich gleichfalls ohne jeden Sinn, würden Sie etwa sagen, widerspruchsfrei urteilen müßten Sie nur dann, wenn Sie durch Urteilen etwas Wirklich-Anderes erzielen wollten, doch wenn nicht dann müßten Sie auch nicht so urteilen. Denn genau das ist es ja, was Sie schon immer wollen, wenn Sie etwas ursprünglich beabsichtichten oder intendieren, nämlich etwas ursprünglich als Wirklich-Anderes hinzustellen, um es genauso ursprünglich als Wirklich-Anderes herzustellen, will sagen: zu verwirklichen. Dies nicht zu wollen, wäre somit gleichbedeutend damit, dies auch nicht zu intendieren oder zu beabsichtigen. Insgesamt bedeutet das mithin: Weil Sie es wollen,  müssen  Sie - im Sinn von sollen Sie - es widerspruchsfrei wollen.

9 Mit Recht wird dieses deshalb immer wieder das Prinzip vom Widerspruch als »zu vermeidendem« genannt.

 

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Deshalb handelt es sich dabei zwar um eine durch das »wenn« im »weil« zum Ausdruck kommende Bedingtheit, doch auch nur um eine innere Bedingtheit jeder Absicht oder Intention*". Dadurch ist diese als ein Wollen eben etwas grundsätzlich Verschiedenes von allen bloßen »Wünschen« oder »Trieben« als dem »Fühlen« von »Bedürfnis« auf der ersten Stufe, ja sogar auch noch von allen Sinnesdaten auf der zweiten Stufe. Mögen sie auch noch so sehr dazu veranlassen, ja mögen sie als »Wünsche« oder »Triebe« von der ersten Stufe her auch förmlich dazu treiben, — nichts von all dem ist als solches selbst schon eine Absicht oder Intention. Als das, was etwas Wirklich-Anderes will, tritt eine Absicht oder Intention vielmehr ursprünglich immer erst als Urteil auf. Als dieses aber untersteht sie eben auch schon immer diesem Widerspruchsprinzip als innerer Gesetzlichkeit, aus der die grundsätzliche Freiheit jeder Absicht oder Intention von  allen solchen bloßen Vorgegebenheiten und zu etwas ihnen gegenüber Grundverschiedenem hervorgeht. Sie ergibt sich somit als die grundsätzliche Möglichkeit für ein Subjekt, frei über solche bloßen Vorgegebenheiten zu verfugen, um sich selbst als Absicht oder Intention des Urteils dahin zu gestalten, daß es dadurch »wahr«, nämlich erfolgreich werden kann. Und dadurch ist es eben gegenüber jedem bloßen Vorgegebenen etwas von Grund auf Anderes und Neues. Demgemäß erweist sich Freiheit letztlich auch als Grund der Möglichkeit für »Wahrheit«, und das heißt: für Wirklichkeit des Wirklich-Anderen, das ein Subjekt als den Erfolg für sich als Absicht oder Intention durch Urteilen erzielt. Entsprechend ist das Widerspruchsprinzip als ein Absichtlichkeitsgesetz denn auch geradezu ein Wirklichkeitsgesetz.

Hier aber müssen Sie beachten: Diese unsere Freiheit ist die Freiheit unseres Intendierens, so daß sie das Intendieren immer schon voraussetzt. Ihm als solchem, nämlich als etwas Formalem gegenüber können wir sonach nicht frei sein, weil dies sonst

10 Daher unterscheidet sich das Widerspruchsprinzip auch grundsätzlich von jeder Klugheitsregel. Denn bedingt ist diese stets aposteriori und empirisch, nämlich äußerlich und inhaltlich, wodurch sie dann von Fall zu Fall auch eine andere ist. Das Widerspruchsprinzip dagegen ist nur durch das Wesen einer Absicht oder Intention als solcher selbst bedingt, nämlich formal und innerlich und damit apriori ebenso wie nichtempinsch, so daß es in jedem Fall dasselbe ist.


unendlichem Regreß erläge". Frei sein können wir dann aber auch dem Inhaltlichen gegenüber nicht in dem Sinn, daß wir frei verfügen könnten, welches Inhaltliche ins Formale dieses Intendierens jeweils eingehen möge. Vielmehr haben wir das Inhaltliche, das mit dem Formalen dieses Intendierens immer schon mitauftritt, als das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische von Sinnesdaten jeweils einfach hinzunehmen. Frei sein können wir dann vielmehr immer erst dem gegenüber, was wir, die wir dabei grundsätzlich Verwirklichung von Wirklich-Anderem intendieren, als Wirklich-Anderes hinstellen wollen oder auch nicht hinstellen wollen: einerlei, was uns dabei an Inhaltlich-Bestimmt-Empirischem von erster und von zweiter Stufe her schon immer vorgegeben sein mag. Nur dies Wirklich-Andere, das Objekt oder »die Sache«, ist es also, in Bezug worauf wir »frei« sind, »wie« wir es »beurteilen wollen«.

Daran sehen Sie, daß jene Formulierung Kants an jener Stelle immer noch so klingt, als wäre vorgegeben und sonach auch hinzunehmen das Objekt oder »die Sache«, sprich: das Wirklich-Andere. Entsprechend klingt das so, als ob wir »frei« nur darin seien, »wie« wir es »beurteilen wollen«, was dann auch nur heißen könnte, »wie« wir es »bestimmen wollen«, was jedoch unhaltbar ist. Bestimmung nämlich tritt durch Bildung von Begriff und Anschauung eines bestimmten Gegenstandes immer schon von zweiter Stufe her ins Spiel, so daß das Urteilen auf dritter Stufe auch tatsächlich nur noch dahin gehen kann, einen immer schon bestimmten Gegenstand als etwas Wirklich-Anderes hinzustellen. Und so gilt umgekehrt gerade: frei sind wir ausschließlich in Bezug auf dieses Wirklich-Andere, nämlich was wir als ein Wirklich-Anderes hinstellen wollen. Frei sind wir mithin auch nicht etwa bezüglich dieses Wie, das die Entsprechung zu Kants »Wie« ist. Denn mit beidem als dem eigentlichen Vorgegebenen und Hinzunehmenden kann nur das Sinnesdatum als das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische gemeint sein, das wir jeweils einfach haben und an Stelle dessen wir kein anderes jeweils haben können. Vielmehr sind wir frei nur darin, ob wir dieses oder jenes Inhaltlich-Bestimmt-Empirische von vorgegebenen Sinnesdaten als ein Wirklich-Anderes hinstellen wollen.

11 Ganz entsprechend, wie ja Intendieren selbst auch nicht entspringen kann durch Intendieren, weil es sonst unendlichem Regreß erläge.

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Doch sind wir auch nur darin frei, so sind wir darin auch grundsätzlich frei, und das reicht aus als Nachweis derjenigen Freiheit, um die es seit jeher und noch immer geht. Denn damit ist die grundsätzliche Willens- oder Handlungsfreiheit nachgewiesen, nämlich die absichtlicher oder intentionaler Fremdverwirklichung von Wirklich-Anderem der Außenwelt: Erwiesen ist auf solche Weise nämlich, daß in eben dieser Freiheit schon die ursprüngliche Praxis des »Erkennens« gründet und mithin erst recht auch noch die abgeleitete des »Handelns«. Diese Art von Nachweis unserer Freiheit aber kann am allerwenigsten von den Dogmatikem des Empirismus und Materialismus angezweifelt werden, weil gerade sie für den Zusammenhang von Empirie das Widerspruchsprinzip in Anspruch nehmen müssen. Dieses aber setzt die Möglichkeit einer Berichtigung von Widersprüchlichkeit voraus. Und damit setzt es auch die grundsätzliche Freiheit gegenüber der Naturgesetzlichkeit bereits von Sinnesdaten innerhalb des jeweiligen Subjekts selbst voraus, und so erst recht auch noch die Freiheit gegenüber der Naturgesetzlichkeit von Wirklich-Anderem außerhalb des jeweiligen Subjekts selbst: Ist ein Subjekt nicht einmal durch die Sinnesdaten, die in seiner eigenen Innenwelt bestehen, zu seinem Urteilen als seinem ursprünglichen Intendieren gezwungen, dann erst recht nicht durch das Wirklich-Andere der Außenwelt als den Erfolg zu diesem Urteil des »Erkennens«, wenn ein Subjekt auch noch darüber hinaus zum Intendieren als dem abgeleiteten des »Handelns« übergeht. Und Widersprüche zu vermeiden oder zu berichtigen, ist denn auch das, was jeder Empirist oder Materialist versuchen muß, und ständig auch versucht, weil er mit Empirie erfolgreich sein will.

Wie wir alle nämlich wissen oder mindest wissen sollten, können wir uns innerhalb von Empirie doch auch nie etwa ihrer »Wahrheit«, wenn sie »wahr« ist, sondern stets nur ihrer »Falschheit«, wenn sie »falsch« ist, sicher sein: selbst dies jedoch auch immer nur in solchen Fällen, in denen diese »Falschheit« sich durch Widersprüchlichkeit bemerkbar macht. Das Widerspruchsprinzip ist somit auch das einzige Gesetz, das durchwegs dieser Empirie zugrunde liegen muß. Infolgedessen gilt uns Empirie, wenn sie gestützt auf Sinnesdaten einen in sich stimmigen, will sagen: einen in sich widerspruchsfreien Zusammenhang ergibt, im Alltag wie in Theorie und Wissenschaft als »Wahrheit«, womit eigentlich jedoch


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gemeint ist: Wirklichkeit als ein naturgesetzlicher Zusammenhang von Dingen und Ereignissen der Außenwelt. Denn eigentlich sind wir in Empirie allein bei diesen Dingen und Ereignissen als solchen, nicht etwa bei unserem Urteilen als solchem, das in Empirie doch auch nur unser Intendieren ist, durch das wir diese Dinge und Ereignisse als unsere Erfolge, eben als etwas Empirisches, erzielen. Bei ihnen aber sind wir nicht nur, sondern bleiben  wir auch durchwegs, jedenfalls solange wir durch unser Intendieren auch erfolgreich sind. Zum Thema nämlich werden uns in Empirie nur diese Dinge und Ereignisse als solche, und nicht etwa unser Urteilen als solches, jedenfalls solange es nicht widersprüchlich wird.

Selbst dann jedoch sind wir, weil wir zunächst einmal allein bei ihnen sind, zunächst einmal auch überzeugt, der Grund für die Unhaltbarkeit von Widersprüchlichkeit bestehe auch allein auf Seiten dieser Dinge und Ereignisse: als ein Gesetz des Seienden und somit als Naturgesetz, wie jene ersten Formulierungen des Widerspruchsprinzips bei Platon und bei Aristoteles dies zeigen. Aber nicht nur als Naturgesetz auf Seiten dieser Dinge und Ereignisse, bei denen wir zunächst einmal ausschließlich sind, kann dieses Widerspruchsprinzip sich nicht erklären lassen. Unerklärlich bleiben muß es auch auf Seiten unseres Urteilens über Dinge und Ereignisse der Außenwelt, solange dieses Widerspruchsprinzip bloß als Gesetz für die Formale Logik gilt: Ein Urteil nämlich faßt sie wegen ihrer Abstraktion sowohl von dem, woher es als ein Urteil kommt, wie auch, wohin es als ein Urteil geht, bloß als ein »wahres« oder »falsches« auf. Erklärlich werden kann das Widerspruchsprinzip daher nur für Philosophie als Reflexion, der Urteile in voller Konkretion mit dem, woher sie kommen und wohin sie gehen, auch als Intentionen von Subjekten gelten.

Denn als solche Intentionen sind sie eben nicht bloß auf sich selbst bezogen und entsprechend bloß »wahr« oder »falsch«; sie sind vielmehr recht eigentlich auf Anderes als sich selbst bezogen, so daß sie recht eigentlich erfolgreich sind oder erfolglos, nämlich Intentionen der Verwirklichung von Dingen und Ereignissen als Wirklich-Anderem der Außenwelt. Und nur Philosophie als Reflexion erschließt die volle Konkretion dieses Gcsamtzusammenhangs, von dem Formale Logik wegen ihrer Abstraktionen überhaupt nichts wissen kann. Und auch nur in der Konkretion dieses Gesamtzusammenhangs gewinnt das Widerspruchsprinzip als ei-

 

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gentümliche Gesetzlichkeit dann innerhalb von Reflexion auch erstmals seine angemessene Stellung innerhalb von einer angemessenen Systematik und durch sie seine Erklärung, während es bis heute außerhalb derselben unerklärlich in der Luft hängt.12 . Hat es doch gerade darin seine Eigentümlichkeit, daß seine Stellung innerhalb von dieser Systematik eine Zwischenstellung ist, das heißt, gerade zwischen Urteilen einerseits und Seiendem als Wirklich-Anderem anderseits. Entsprechend ist das Widerspruchsprinzip auch weder nur eine Gesetzlichkeit des Wirklich-Anderen oder Seienden als solchen, noch auch nur eine Gesetzlichkeit des Urteilens als solchen, sondern die Gesetzlichkeit gerade des Zusammenhangs von beidem: Soll ein Urteilen als ein ursprüngliches Intendieren von etwas Wirklich-Anderem dieses nicht nur intendieren, sondern auch erzielen können, muß es solches Wirklich-Andere nicht nur intendieren, sondern schon von vornherein auch noch auf eine ganz bestimmte Weise , nämlich  widerspruchsfrei  intendieren.

Noch genauer geht daraus für Sie hervor: Es handelt sich bei der Gesetzlichkeit des Widerspruchsprinzips, die sich als diese Forderung für solches Intendieren stellt, dann in der Tat um ein spezifisches Absichtlichkeits- oder Intentionalitätsgesetz. Denn auch nur mit dem Wesen jeder Absicht oder Intention als solchem selbst hängt es zusammen, daß es Sinn hat, eine solche Forderung an Intendieren überhaupt zu stellen. Nur dadurch nämlich hat dies Sinn, daß Intendieren, auch wenn es stets Intendieren von Erfolg ist, keineswegs auch stets Erzielen von Erfolg ist, weil es dem zum Trotz auch stets zu Mißerfolg führen kann, und das gehört zum Wesen jeder Absicht oder Intention. Nur daher ist es denn auch sinnvoll, für das Intendieren von Erfolg etwas zu fordern, das zwar für das Intendieren als Erzielen von Erfolg notwendig ist (wenngleich nicht hinreichend), für bloßes Intendieren von Erfolg als solches aber keineswegs. Und in der Tat liegt nicht etwa in solchem Intendieren von Erfolg auch schon die Widerspruchsfreiheit von solchem Intendieren von Erfolg. Das heißt: Nicht etwa, weil sie

12 So hält zum Beispiel Aristoteles das Widerspruchsprinzip für unableitbar (vgl Metaphysik 1 005 a 19 - b 35), und das scheint man noch bis heute stillschweigend zu übernehmen. Meines Wissens hat man jedenfalls bis heute noch nicht einmal den Versuch gemacht, es abzuleiten. Jüngstes Beispiel dafür ist N. Offenberger 2000.


analytisch in ihm läge, ist die Widerspruchsfreiheit für Intendieren von Erfolg notwendig. Möglich ist vielmehr gerade seiner Freiheit wegen freilich ohne weiteres auch Widersprüchlichkeit von solchem Intendieren von Erfolg, was Ihnen Ihre Möglichkeit erweist, beliebig widerspruchsfrei oder widersprüchlich urteilen zu können ebenso wie nach Belieben auch elementar oder komplex.

Zu solchem Intendieren von Erfolg kommt Widerspruchsfreiheit vielmehr, wenn überhaupt, dann auch synthetisch nur und ist mithin auch nur synthetisch notwendig, nicht etwa analythisch notwendig: jedoch wenn auch nicht analytisch, sondern nur synthetisch, so doch jedenfalls notwendig. Und gerade daran wird für Sie denn auch die Eigentümlichkeit, ja Einzigartigkeit ersichtlich, die das Widerspruchsprinzip als ein Absichtlichkeitsgesetz besitzt. Ist das Synthetische dieser Notwendigkeit von Widerspruchsfreiheit - durch dieses Widerspruchsprinzip zur Forderung erhoben — doch auch nur um so bemerkenswerter, als es ausschließlich aus der Intentionalität von Subjektivität als solcher selbst hervorgeht und gleichwohl nicht analytisch ist, wie Sie aus diesem Grund zunächst einmal erwarten könnten. Denn synthetisch ist diese Notwendigkeit durchaus nicht dadurch, daß sie zur Intentionalität der Subjektivität etwa in irgendeinem Sinn von außerhalb hinzukäme, das heißt: nicht so, als würde sie wie eine Forderung von außerhalb an sie herangetragen und so auch als eine Forderung von außerhalb ihr auferlegt. Diese Notwendigkeit kommt vielmehr in der Tat allein von innerhalb zu ihr hinzu, so daß sie an Intentionalität der Subjektivität auch nur von innerhalb als eine Forderung herangetragen und ihr auferlegt wird, doch gleichwohl synthetisch. Und dies eben weil Intentionalität als solche selbst von vornherein schon Wirklich-Anderes als sich erzielen will und eben daher dann auch nur erzielen kann, wenn sie es auch von vornherein schon  widerspruchsfrei  intendiert.

Der Grund für dieses Widerspruchsprinzip als eine Forderung nach Widerspruchsfreiheit von Intendieren liegt somit auch ausschließlich innerhalb von diesem Intendieren als solchem selbst 13. Die Form von einem Sollen und mithin die Form von einer Forderung nimmt es für solches Intendieren überhaupt nur deshalb an,

13 Vgl. oben S. 562 mit Anm. K).

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weil dieses als ein Wollen eben Freiheit eines Wollens ist. Indem es als ein freiheitliches Wollen ebenso aus sich heraus- wie über sich hinausgeht, nämlich aus auf etwas Wirklich-Anderes als sich geht, auferlegt es sich denn auch aus sich heraus synthetisch noch das Sollen, das im Widerspruchsprinzip als Forderung zum Ausdruck kommt. Dies aber eben so gerade, daß es dieser Forderung des Widerspruchsprinzips nicht etwa einfach folgen  muß, wie wenn sie die Notwendigkeit einer Naturgesetzlichkeit sein würde. Vielmehr so gerade, daß es diese Forderung befolgen  kann oder auch nicht, das heißt, dagegen auch verstoßen  kann, weil deren Notwendigkeit eben auch nur aus ihm selbst als dieser Freiheit dieses Wollens herstammt. Überhaupt nur darin gründet die Besonderheit einer Gesetzlichkeit, die sich befolgen, gegen die sich aber auch verstoßen läßt, was bei Naturgesetzlichkeit unmöglich ist: daß nämlich erstere eine Gesetzlichkeit aus Freiheit eines Wollens ist. Entsprechend ist auch der Gesamtgrund für all das zuletzt nichts anderes als die Willensfreiheit. Diese muß danach von vornherein schon jeglicher Intentionalität zugrunde liegen, auch schon der ursprünglichsten von angeblicher bloßer »Theorie« oder »Erkenntnis«, die in Wirklichkeit jedoch schon eigentliche, eben ursprüngliche Praxis ist. Und ausgehend von dieser Willensfreiheit ist all das dann letztlich auch nur eine Forderung von solchem Wollen und an solches Wollen, nämlich nur die Forderung von einem willensfreien Subjekt an sich selbst als  willensfreies Subjekt.

Daraus aber folgt dann noch des weiteren: Die Stellung einer solchen Forderung gewinnt all das nur dadurch, daß ein Subjekt auch sich selbst z» dieser Forderung als einer von sich selbst und an sich selbst  gestaltet, was nur möglich ist, wenn es dazu auch von sich selbst als diesem Subjekt auf sich selbst als dieses Subjekt reflektiert. Denn erst, wenn ein Subjekt nicht Intention bloß ist, sondern sich selbst als Intention auch noch thematisiert, erkennt, vergegenständlicht, wird dieses Subjekt auch noch zu dem Bewußtsein dieses Widerspruchsprinzips als einer Forderung, die dann aus ihm als Intention wie auch an es als Intention ergeht. Im ganzen nämlich muß ein Subjekt dazu dieses Widerspruchsprinzip als Forderung nicht nur erheben, sondern als erhobene auch zur Kenntnis nehmen. Schlechterdings unmöglich ist es nämlich, etwas zu befolgen oder gegen etwas zu verstoßen, das man gar nicht kennt, weil dies zum Sinn von beidem wesentlich dazugehört.


Entsprechend ist auch wesentlich, zu unterscheiden zwischen einem Subjekt, das nur faktisch widerspruchsfrei oder widersprüchlich urteilt - ohne damit etwas zu befolgen oder gegen etwas zu verstoßen, weil es dieses Widerspruchsgesetz als Forderung noch gar nicht kennt - und einem Subjekt, das in Kenntnis dieser Forderung des Widerspruchsgesetzes widerspruchsfrei oder widersprüchlich urteilt. Demgemäß ist dazu, daß so etwas wie ein Widerspruchsgesetz als Forderung tatsächlich auftritt, so daß dann auch solches Urteilen ihr gegenüber als Befolgen oder als Verstoßen auftritt, auch ein Mindestmaß an Reflexion dieses Subjekts von sich auf sich erforderlich. Und die muß denn auch wesentlich zu diesem Widerspruchsgesetz als Forderung noch mit hinzugehören.

Eine explizite Formulierung dieses Widerspruchsprinzips geht deshalb, wann und wo und wie auch immer sie erfolgen mag, im Grunde als die Reflexion von einem solchen Subjekt auf sich selbst vonstatten. Demzufolge ist sie auch gerade eine Weise, wie ein solches Subjekt nicht nur mit dem Wirklich-Anderen bekannt wird - bei dem es zunächst einmal ausschließlich ist, indem sein Urteil faktisch widerspruchsfrei und erfolgreich wird —, sondern auch zusätzlich noch mit sich selbst bekannt wird. Nur vermag es mit all dem, was ihm auf diese Art zum ersten Mal bekannt wird, nämlich mit sich selbst nicht auch sogleich schon etwas anzufangen, eben weil es ja zunächst einmal allein mit solchem Wirklich-Anderen als sich selbst bekannt ist. Es verlegt daher sich selbst als dieses Widerspruchsprinzip zunächst einmal auch ganz in dieses Wirklich-Andere hinein, so daß es dann aus ihm heraus auch dieses Widerspruchsprinzip bloß als Gesetz des Seienden betrachtet, wie etwa in der Gestalt des Subjekts Platon oder Aristoteles. Entsprechend müßte dieses Widerspruchsprinzip Naturgesetz sein, womit aber eben unvereinbar ist, daß ersteres ein Sollen ist, was bei Naturgesetzen sinnlos ist. Desgleichen müßte unverständlich bleiben, als ein angebliches Subjekt schreibe die Natur das Widerspruchsprinzip dem eigentlichen Subjekt zur Befolgung vor, weil dies absurder Animismus wäre. So jedoch bleibt es als eigentümliche Gesetzlichkeit auch dann noch unerklärlich, wenn es ausschließlich als ein Gesetz für Urteile im Rahmen der Formalen Logik aufgefaßt wird. Denn durch deren Abstraktionen werden diese Urteile desgleichen bloß wie etwas Wirklich-Anderes als ein

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Subjekt behandelt, dem das Widerspruchsprinzip von daher platonistisch-anim istisch zur Befolgung vorgeschrieben würde.

Grundsätzlichen Wandel schärft allein die Einsicht: Tritt erst einmal eine explizite Formulierung dieses Widerspruchsprinzips hervor, so handelt es sich dabei auch bereits in vollem Sinn um Reflexion eines Subjekts auf sich, wenngleich um solche, die dabei als Reflexion eines Subjekts auf sich für dieses Subjekt selbst noch undurchschaut bleibt. Denn geblendet durch das Wirklich-Andere als sich selbst, muß dieses Subjekt für sich selbst erst einmal blind sein und kann somit sehend  für sich selbst erst immer werden. Und im Fall des Widerspruchsprinzips gelingt das eben auch noch nicht einmal dem Subjekt Kant 14. Was ihm dadurch entgeht, ist denn auch nichts geringeres, als daß es sich bereits bei der Gesetzlichkeit des Widerspruchsprinzips im vollen Sinn um eine Selbstgesetzgebung des jeweiligen Subjekts selber handelt, die entsprechend auch in vollem Sinn synthetisch-apriorische Autonomie ist. Und das ist sie eben als spezifische Gesetzlichkeit der Freiheit, da sie als Gesetzgebung für Freiheit eben auch von Freiheit ausgeht, so daß dieses Widerspruchsprinzip mithin die »ratio cognoscendi« für die Freiheit als die »ratio essendi« für das Widerspruchsprinzip ist 15.  Denn das heißt: Es ist das Widerspruchsprinzip der hinreichende Grund  für die Erkenntnis (für den Nachweis) dieser Freiheit als des hinreichenden Grundes für das Sein (für das Bestehen) des Widerspruchsprinzips.

Der systematische Zusammenhang von beidem - der schon Kant für den Beweis der Willensfreiheit vorschwebt, nämlich daß er sich allein an Hand des Nachweises einer Gesetzlichkeit für diese Willensfreiheit könne führen lassen - wird auf diese Weise förmlich hieb- und stichfest. Nur muß Kant, da er das Widerspruchsprinzip als so eine Gesetzlichkeit noch nicht durchschaut, statt seiner das Moralgesetz dazu heranziehen. Dieses aber kann er dafür nur als »Faktum der Vernunft« ansetzen, so daß es als Unding eines »Faktums a priori« seinerseits unabgeleitet und mithin dogmatisch bleiben muß, weshalb dann auch die Willensfreiheit nicht als abgeleitet gelten kann: Zumal dieses Moralgesetz, da es ein viel spezielleres Gesetz mit einem viel spezielleren Gehalt ist als das

14 Vgl.. z.B. A . 150f.  B 189f. l

15. Vgl. Bd.5, S. 4, Anmerkung.


Widerspruchsprinzip, auch einer viel spezielleren Ableitung bedürfte.

Davon aber ist das Widerspruchsprinzip als ein synthetisch-apriorisches Gesetz dieser Vernunft gerade grundverschieden. Läßt es sich doch auch durchaus nicht nur dogmatisch als das Unding eines »Faktums« einführen, welches zwar ein »apriorisches« sein soll, doch ohne daß es auch als solches systematisch abgeleitet ist, wie das Moralgesetz dieser Vernunft 16. Vielmehr ist die synthetisch-apriorische Gesetzlichkeit des Widerspruchsprinzips als Sollen für das Wollen, nämlich für das Intendieren von Wirklich-Anderem, gerade systematisch abgeleitet aus dem Wollen, und sonach aus beidem miteinander eben auch das Können dieses Wollens abgeleitet als die Freiheit dieses Wollens. Deshalb steht die Willensfreiheit als Voraussetzung für die speziellere Ableitung des spezielleren Moralgesetzes als eines spezielleren Sollens für das Wollen nunmehr auch schon abgeleitet zur Verfügung. Daher müßte das Moralgesetz auch nicht mehr als ein bloßes »Faktum a priori der Vernunft« die bloß dogmatische Voraussetzung für eine angebliche Ableitung der Willensfreiheit bilden. Vielmehr könnte das Moralgesetz dann umgekehrt gerade seinerseits als das Ergebnis einer eigentlichen Ableitung aus dieser Willensfreiheit selbst entspringen, da sie ihrerseits schon abgeleitet ist aus einer eigenen Gesetzlichkeit, die gleichfalls ihrerseits schon abgeleitet ist, ein Ableitungsgefüge, wie es Kant ursprünglich vorschwebt 17. Nur ist diese eigene Gesetzlichkeit der Willensfreiheit eben nicht sogleich die des Moralgesetzes, sondern die synthetisch-systematisch erst einmal schlechthin zugrunde liegende Gesetzlichkeit des Widerspruchsprinzips. Und diese läßt sich eben aus dem Wollen der Intentionalität als solchem selbst erst einmal herleiten, wohin jedoch selbst Kant nicht vordringt.

Legen Sie für diesen gleicherweise systematischen wie problematischen Gesamtzusammenhang noch einmal jene Kurzformeln zugrunde, können Sie an Hand von ihnen sich in einem Zug das alles klar vor Augen stellen. Wie bereits gesagt, läßt sich das ursprünglich von Kant Geplante damit kurz zum Ausdruck brin-

16 Ein »Faktum« ist es allenfalls historisch, wie seit Aristoteles und Platon überliefert, aber keineswegs auch systematisch.

17 Vgl. nochmals oben Anm. 3.

 

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gen durch  »Du sollst, denn Du kannst«: die Ableitung dieses Moralgesetzes (Sollen) durch Voraussetzung der Willensfreiheit (Können). Da er aber - was dafür zunächst einmal erforderlich gewesen wäre - eine Ableitung für letztere als solche selbst nicht finden konnte, zog er sich auf jene bloße Umkehrung davon zurück »Du kannst, denn Du sollst«: die angebliche Ableitung der Willensfreiheit (Können) durch Voraussetzung dieses unabgeleiteten Moralgesetzes (Sollen). Danach nämlich läßt sich das nunmehr gewonnene Ergebnis, sprich: die Herleitung der Willensfreiheit durch die Herleitung des Widerspruchsgesetzes aus dem Intendieren als dem Wollen, dementsprechend kurz zum Ausdruck bringen als »Dukannst, denn du sollst, weil du willst«: die Herleitung von Können (Freiheit) durch die Herleitung von Sollen (Widerspruchsgesetz) aus Wollen (Intendieren).

Letzter Grund für beides Hergeleitete und somit auch für die Synthetik dieser seiner Systematik ist sonach allein das Intendieren, das ein Intendieren von Erfolg, das heißt, von Wirklich-Anderem als sich selbst ist. Nur auf Grund von solchem Intendieren als dem ganz speziellen Wollen dieses Wirklich-Anderen läßt sich zunächst das Widerspruchsprinzip als die Gesetzlichkeit für solches Wollen und sodann die Freiheit dieses Wollens herleiten. Infolgedessen muß aus diesem Grund von Willensfreiheit der Intentionalität als Subjektivität heraus dann umgekehrt diese Gesetzlichkeit derselben auch gerade die synthetische Autonomie derselben sein, die letztlich auch nur durch die Reflexion eines Subjekts von sich auf sich hervorgehen kann.

Entsprechend muß auch jeglicher Versuch, diese Gesetzlichkeit des Widerspruchsprinzips in irgendeinem Sinn als Heteronomie zu deuten, scheitern: und zwar nicht nur in dem Sinn einer Gesetzlichkeit von diesem oder jenem Wirklich-Anderen als einem Subjekt, der es als einem Naturgesetz oder zumindest wie einem Naturgesetz dann einfach folgen  müßte. Scheitern muß das vielmehr auch noch in dem Sinn: Nicht einmal dann, wenn es tatsächlich etwas Wirklich-Anderes wäre wie ein anderes Subjekt, das dieses Widerspruchsgesetz an ein Subjekt heranträgt, ginge dabei etwa Heteronomie des einen durch das andere vor sich, so daß dieses jenes zwingen könnte und mithin auch jenes diesem  folgen müßte, wie einem Naturgesetz. Auch dabei kann es sich vielmehr nur darum handeln, daß dieses Subjekt dieses Gesetz befolgen oder


gegen es verstoßen kann, und zwar allein aus sich heraus, auch wenn zunächst einmal ein anderes Subjekt mit diesem Widerspruchsprinzip an es herantritt. Kann dies doch auch überhaupt nur in dem Sinn geschehen, daß an das eine Subjekt durch das andere Subjekt ein Appell ergeht, es möge ersteres die Reflexion, die letzteres bereits vollzogen hat, auch seinerseits vollziehen, damit es das durch sie entspringende Gesetz auch seinerseits befolge und dadurch auch seinerseits als Intendieren erfolgreich werden könne. Denn auch dabei ist und bleibt ein Subjekt frei, es zu befolgen oder gegen es auch zu verstoßen.

Inwieweit das Intendieren eines Subjekts zum Erfolg gelangen kann, hängt darum wesentlich auch davon ab, ob es durch Reflexion auf die Notwendigkeit der Widerspruchsfreiheit für den Erfolg von seinem Intendieren das Widerspruchsprinzip bereits erstellt hat oder nicht und damit als Prinzip bereits im Blick hat oder nicht. Denn daß ein Subjekt solches Intendieren als Urteilen in diesem Sinn noch ganz unreflektiert statt reflektiert vollzieht, bedeutet im Vergleich, daß solches Intendieren als Urteilen letztlich auch noch ganz naturwüchsig erfolgt, indem es auch nur faktisch widerspruchsfrei oder widersprüchlich ausfällt, nämlich ohne dabei auch schon etwas eigens zu befolgen oder gegen etwas eigens zu verstoßen. Und das kann nicht ohne Folgen bleiben. Jedenfalls ist ein Subjekt, solange das in diesem Sinn noch reflexionslos und mithin auch nur naturwüchsig verläuft, bei seinem Intendieren dann von dessen erster Stufe her in denkbar höchstem Maß auch seinen eigenen »Bedürfnissen« als »Trieben« oder »Wünschen« ausgesetzt, von denen her es dieses Widerspruchsprinzip noch überhaupt nicht geben kann. Infolge davon wird dieses Subjekt zu einem Intendieren geführt, das dann in denkbar höchstem Maß auch in sich widersprüchlich sein kann: im »Erkennen« als dem ursprünglichen Intendieren ebenso wie auch im »Handeln« als dem abgeleiteten, weil ihm zwar der »Primärvorgang« zugrunde liegt, doch nicht auch das »Realitätsprinzip« entgegensteht. Denn daran ist nun einmal nicht zu rütteln, daß der Gegenstand zu einem widersprüchlichen Begriff bzw. Urteil weder  für das ursprüngliche Intendieren als »Erkennen« etwas Wirklich-Anderes  sein kann noch  auch für das abgeleitete des »Handelns« etwas Wirklich-Anderes werden kann. Doch eben darüber setzt ein unreflektiert-natur-wüchsiges Subjekt sich dann auch in denkbar höchstem Maß

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hinweg: Indem es im »Erkennen« wie im »Handeln« wunsch- und triebgeleitet Wirklich-Anderes will, das nach dem Widerspruchsgesetz als einem Wirklichkeitsgesetz (»Realitätsprinzip«) unmöglich ist, verfällt ein solches Subjekt dem bekannten »Wunschdenken« und »Wunschhandeln«, mit dem es dann in denkbar höchstem Maß auch scheitern muß18.

Ob es nun aber ganz von sich aus, wie zum Beispiel nach »Versuch und Fehlschlag«, schon in Reflexion auf sich tritt und durch sie das Widerspruchsprinzip als ein Bewußtsein davon hat, oder dazu erst angeleitet durch ein anderes Subjekt, - in jedem Fall ist es doch letztlich seine eigene Autonomie für seine eigene Freiheit, was ein Subjekt da bewußt vollzieht. Liegt doch auch überhaupt nur darin, daß es sich dabei grundsätzlich um Autonomie der eigenen Freiheit handelt und gerade nicht um Heteronomie einer Notwendigkeit, der Grund dafür, daß durch Bewußtwerden davon als Reflexion darauf es einem Subjekt möglich ist, von seiner eigenen Autonomie der Freiheit auch mehr oder weniger Gebrauch zu machen, was sonst unerklärlich bleiben müßte. Hierin nämlich kann es große Unterschiede geben: so zum Beispiel zwischen dem Bewußtsein der Beachtung dieses Widerspruchsprinzips im Alltag und in den Wissenschaften, wenn sie etwa Widersprüchlichkeit gezielt herbeiführen, um mit ihrer Hilfe »indirekt« einen Beweis zu führen, wie die »reductio ad absurdum« in Formaler Logik und Mathematik. Kann ein Subjekt in solcher Reflexion sonach mehr oder minder weit gediehen sein, so kann das eine Subjekt eben auch dem andern gegenüber darin schon vorausgegangen oder darin noch zurückgeblieben sein, ihm also auch dazu verhelfen, darin weiter fortzuschreiten.

Und in solcher Reflexion am weitesten ist dann das Subjekt fortgeschritten, dem auch noch bewußt wird, daß von Anbeginn der Reflexion auf dieses Widerspruchsprinzip, durch die es überhaupt erst als Gesetz entspringt, auch letztlich schon Philosophie

18 Wie von selbst ergibt sich Ihnen so für diese aufschlußreichen Grundbegriffe Freuds die Stellung innerhalb von einer Systematik, die Freud selbst zu konstruieren nicht einmal versucht hat. Deshalb ist es auch kein Zufall, daß er »Triebe« oder »Wünsche« immer wieder falschlich schon als »Intentionen« auffaßt, nämlich als angeblich »unbewußte« Intentionen, was im folgenden sich gleichfalls systematisch klären und von daher kritisieren lassen wird. Vgl. unten §§ 22-24.


Nachweis unserer Willensfreiheit durch das Widerspruchsprinzip

im Gange ist. Wenn nämlich solche Reflexion zuletzt bereits als Reflexion des Subjekts auf sich selbst erfolgt, dann auch bereits als Selbsterkenntnis dieses Subjekts von sich selbst, wodurch es als das grundsätzliche Selbstverhältnis der Intentionalität auch für sich selbst bereits zum Gegenstand wird. Einzig darauf ist denn auch zurückzuführen, daß dieses Widerspruchsgesetz, da es ja kein Naturgesetz und so auch kein empirisches Gesetz sein kann, ein nichtempirisches Gesetz sein muß, was durchwegs unbestritten ist. Als dieses aber kann es eben auch nur aus dem selber nicht-empirischen Subjekt heraus verständlich sein und hergeleitet werden. Denn entspringen kann es dann auch nur als ein Gesetz, das jedes nichtempirische Subjekt aus sich als willensfreiem Intendieren von Erfolg heraus synthetisch-autonom sich zur Befolgung auferlegen muß, sobald es als ein solches Subjekt nicht nur einfach auftritt, sondern darüber hinaus auch noch in Reflexion auf sich als dieses Subjekt tritt, die es auch noch zur Selbsterkenntnis von sich führt.

Für unsere Synthetik einer Systematik aber zieht das dann auch wesentliche Unterschiede nach sich, die es wegen ihrer grundsätzlichen Wichtigkeit auch eigens aufzuzeigen gilt. Als erster, grundlegender Unterschied ergibt sich daraus nämlich: Ab sofort betreffen unsere Herleitungen nicht mehr das Subjekt, das zwar schon Selbstbewußtsein von sich ist, doch ohne daß es damit auch schon Selbsterkenntnis von sich ist, wie bei den Herleitungen jener dreistufigen inneren Struktur von jedem Subjekt. Denn bis einschließlich des Urteils als der ersten Hälfte jener dritten Stufe ist ein Subjekt zwar von all dem, was auf diesen seinen Stufen auftritt, auch ein Vollbewußtsein, das jedoch als Selbstbewußtsein dieses Subjekts von sich selbst auch nur ein nichtthematisierendes Bewußtsein von all dem ist. Nicht etwa ist es schon ein thematisierendes Bewußtsein von all dem und so auch nicht etwa schon Selbsterkenntnis dieses Subjekts von sich selbst. Ja nicht einmal dasjenige, was dieses Subjekt auf der dritten Stufe durch sein Urteil dann sehr wohl thematisiert und so erkennt, ist irgendetwas von all dem und somit etwa dieses Subjekt selbst, sondern vermittels von all dem nur etwas Anderes als es selbst, das es dadurch als etwas Wirklich-Anderes hinstellt.

Ein thematisierendes als ein erkennendes Bewußtsein von all dem gewinnen bei den Herleitungen dieser dreistufigen inneren

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Struktur von jedem Subjekt vielmehr nur wir selbst, die Herleitenden. Deren jeder oder jede aber ist durch Reflexion von sich auf sich als dieses in sich dreistufige Subjekt dann auch nicht mehr bloßes Selbstbewußtsein von all dem und so von sich, ist darüber hinaus vielmehr gerade auch noch Selbsterkenntnis von all dem und so von sich. Selbst wir jedoch, die wir dabei als philosophisch Reflektierende die all das Herleitenden sind, thematisieren oder erkennen all das nicht etwa in dem Sinn, in dem dieses in sich dreistufige Subjekt durch sein Urteil auf der dritten Stufe etwas Anderes als sich selbst thematisiert oder erkennt. Das tut es nämlich nur in dem Sinn, daß es dieses Andere, das es dabei als Gegenstand vermittels von Begriff und Anschauung schon immer vorstellt, immer erst als Wirklich-Anderes hinstellt und dadurch, wenn es damit erfolgreich ist, auch immer erst als Wirklich-Anderes herstellt und sonach verwirklicht. Wir dagegen, die wir all das philosophisch reflektieren und dadurch herleiten, thematisieren oder erkennen all das im Vergleich mit diesem in sich dreistufigen Subjekt vielmehr im gerade umgekehrten Sinn. Wir nämlich tun das nur in dem Sinn, daß wir all das, was dabei wie dieses Subjekt insgesamt durch dessen Selbstverwirklichung mit dessen Selbstbewußtsein davon ja schon immer wirklich ist, dann immer erst vergegenständlichen, was dieses Subjekt selbst dabei noch nicht vermag. Kann es im Zuge seiner bloßen Selbstverwirklichung mit seinem bloßen Selbstbewußtsein davon doch zunächst einmal nur Anderes als sich selbst zum Gegenstand erheben, weil es auch nur dadurch überhaupt vermag, es oder ihn als Wirklich-Anderes hinzustellen   oder  herzustellen,  sprich:  nur  durch  intentionale Fremdverwirklichung aus Selbstverwirklichung zum Urteil.

Darüber jedoch geht dieses in sich dreistufige Subjekt selbst schon auf der dritten Stufe seines Urteilens hinaus, sobald es aus sich selbst als diesem Urteilen heraus und für sich selbst als dieses Urteilen zurück sich auch das Widerspruchsprinzip noch zur Befolgung auferlegt. Denn eben dazu, und infolgedessen eben dabei, kommt es aus sich selbst als diesem Urteilen heraus dann auch noch auf sich selbst als dieses Urteilen zurück. Denn sich als dieses reflektierend und mithin thematisierend wie erkennend kommt es auch noch auf sich selbst als dieses Urteilen z» spreche». Das bedeutet deshalb auch auf Seiten dieses in sich dreistufigen Subjekts selbst schon einen Umbruch, der entscheidend ist. Betreffen


ihm zufolge doch auch unsere Herleitungen von Strukturen des Subjekts durch unsere Reflexion darauf dann das Subjekt als das sich reflektierende und dadurch sich schon thematisierende und erkennende.

Versteht sich das doch keineswegs von selbst. Denn keineswegs gehört es etwa notwendig zu jenem in sich dreistufigen intendierenden Subjekt noch mit hinzu, daß es sich auch als solches selbst noch reflektiert, thematisiert und so erkennt, weil dies vielmehr, wenn überhaupt, dann auch nur faktisch noch hinzukommt und mithin auch nur synthetisch-zufällig sein kann und nicht etwa synthetisch-notwendig. Kann ein Subjekt doch voll und ganz ein intendierendes Subjekt sein, ohne daß es dazu etwa auch ein sich als intendierendes noch reflektierendes, thematisierendes und so erkennendes sein müßte, nämlich so, daß es als intendierendes ein bloß naturwüchsig-unreflektiertcs bleibt. Und in der Tat folgt daraus, daß ein intendierendes Subjekt, wie jeweils wir, auch noch auf sich als solches reflektiert, durchaus nicht, daß auch noch ein anderes solches intendierendes Subjekt dies tut. Indem wir aber nunmehr eben auf ein Subjekt reflektieren, das nicht nur intendiert, das vielmehr für sein Intendieren sich auch das Widerspruchsprinzip noch zur Befolgung auferlegt, so reflektieren wir damit eben auf ein Subjekt, das dadurch auch seinerseits schon auf sich reflektiert. Und das gleichviel, ob ihm das auch schon klar ist oder nicht, wie bei Verlegung dieses Widerspruchsgesetzes in das Seiende als Wirklich-Anderes durch die Subjekte Platon oder Aristoteles. Denn wird das Widerspruchsprinzip als solches selbst auch nur entdeckt, womit es grundsätzlich thematisch, gegenständlich und erkannt wird, tritt im Grunde auch schon Reflexion auf und im Ansatz denn auch schon Philosophie. Infolgedessen tritt durch unsere Reflexion darauf als unsere Philosophie davon dann Reflexion oder Philosophie auch schon sich selber gegenüber. Es erfolgt auf diese Weise nämlich auch schon Reflexion auf Reflexion, die so sich ihrer selbst als Reflexion auch schon bewußt wird. Es erfolgt sonach Philosophie, die selbstkritisch sich auf sich selbst bezieht und so in eigener Sache weiterkommt, indem sie es vermag, das Widerspruchsgesetz auf seinen eigentlichen Grund zurückzuführen wie auch aus ihm herzuleiten.

Dieser erste, grundlegende Unterschied ergibt indes noch weitere, die zwischen den Strukturen des Subjekts, das noch nicht

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reflektiert und das schon reflektiert, bestehen. Zeigt doch die Synthetik einer Systematik dieses Subjekts, die wir herzuleiten suchen, aus dem Blickpunkt dieses Unterschiedes dann auch ihre eigene wesentliche Unterschiedlichkeit, die nichts geringeres als den Sinn ihrer Notwendigkeit betrifft. Das könnte Ihnen auch schon aufgefallen sein, weil Sie vielleicht verwundert waren, daß inmitten der Notwendigkeit dieser Synthetik eine Zufälligkeit stehen soll. Denn wie gesagt, sei es synthetisch-zufällig, wenn jenes intendierende Subjekt auch ein auf sich als intendierendes noch reflektierendes ist, wie zum Beispiel, wenn es sich als intendierendem auch jenes Widerspruchsgesetz noch zur Befolgung auferlegt. Doch hatten wir uns nicht schon vordem hergeleitet, diese Auferlegung sei vielmehr synthetisch-notwendig? Genau an dieser Stelle gilt es darum, einen weiteren wesentlichen Unterschied hervorzuheben. Denn synthetisch-notwendig, das ist sie, dabei bleibt es, doch das ist sie eben auch nur unter der Voraussetzung, daß ein Subjekt in Reflexion von sich auf sich tritt, die als solche selbst gerade nicht notwendig ist, in keinem Sinn: Nur dann, wenn ein Subjekt von sich als intendierendem auf sich als intendierendes auch reflektiert, ergibt sich für es selbst als intendierendes dann auch   synthetisch-notwendig   noch   dieses   Widerspruchsgesetz; denn auch nur dann ergibt es sich für so ein Subjekt als die Forderung, sein Intendieren nicht einfach nur zu vollziehen, sondern es auch noch auf eine ganz bestimmte Weise, eben widerspruchsfrei zu vollziehen, soll es dasjenige, was es intendiere, dadurch auch erzielen können.

Dieses Herleitungsergebnis aber ist nicht nur für ein Subjekt als einzelnes, sondern auch für den Umgang einzelner Subjekte miteinander von Bedeutung. Liefert es doch die Erklärung für ein Faktum, das sonst unerklärlich bleiben müßte. Denn ein Faktum ist es, daß ein Subjekt, das sich dieses Widerspruchsgesetz von sich aus noch nicht auferlegt hat, weil es faktisch solche Reflexion noch nicht so weit vollzogen hat, von einem anderen Subjekt dazu nur angeleitet werden kann, wenn es zu solcher Reflexion grundsätzlich in der Lage ist, was beispielsweise bei Subjekten, die wir Tiere nennen, nicht der Fall ist. Nur durch solche grundsätzliche Reflektiertheit seines Intendieren: läßt ein Subjekt die ursprüngliche Naturwüchsigkeit seines Intendierens hinter sich, indem es dadurch eine Grenze für sein Intendieren kennenlernt und anerkennt.

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Und diese grundsätzliche Reflektiertheit wird sich auch für alle weiteren Gesetze als die Vorbedingung, die erfüllt sein muß, ergeben, insbesondere auch für das Moralgesetz, wenn es sich dabei um die Grenzen einer Absicht oder Intention soll handeln können.

Von Bedeutung ist die Vorbedingung dieser Reflektiertheit dann jedoch vor allem auch für uns, die wir als philosophisch darauf Reflektierende die entsprechenden Strukturen von Subjekten herzuleiten suchen. Die Notwendigkeit dieser synthetisch-systematischen Strukturen ist dann nämlich je nach dem, ob das betreffende Subjekt ein noch nicht reflektiertes oder ein schon reflektiertes ist, eine von Grund auf unterschiedliche. Zwar handelt es sich dabei durchwegs um Strukturen jener Selbstverwirklichung des Subjekts, so daß die Gesetzlichkeit derselben auch gerade die einer Autonomie derselben sein muß. Doch synthetisch-systematisch notwendig sind sie gleichwohl in grundsätzlich verschiedenem Sinn. Denn die noch diesseits seiner Reflektiertheit liegende Struktur jener drei Stufen seiner Selbstverwirklichung ist notwendig in dem Sinn, daß sie gar nicht anders sein kann für ein Subjekt, das auf dritter Stufe in sich vollständig zum Intendieren wird. Aus diesem Grund kann solche Selbstverwirklichung auch noch in keinem Sinn etwa die Freiheit solcher Selbstverwirklichung bedeuten, und mithin auch die Autonomie derselben noch in keinem Sinn etwa Autonomie der Freiheit, sondern nur der Spontaneität, die im Vergleich zur Spontaneität als Freiheit noch Notwendigkeit ist. Doch genausowenig wie die Spontaneität und Freiheit'^ unterscheidet Kant auch die y4»^o»omiß der Freiheit nicht von der AMfOMomzg der bloßen Spontaneität im Sinn der bloßen Notwendigkeit, wenn er die Gesetzlichkeit jener »Kategorien«, »Schemata« und »Grundsätze« der dreistufig-spontanen Selbstverwirklichung von Subjektivität schon als »Autonomie« betrachtet 20.

Eine solche Unterscheidung aber ist für ein Subjekt erforderlich, weil zwischen den noch diesseits und schon jenseits seiner Reflektiertheit liegenden Strukturen in der Tat ein wesentlicher Unterschied besteht. Denn so gewiß es sich bei beiden um Strukturen seiner Selbstverwirklichung mit seinem Selbstbewußtsein davon

19 Vgl. ohenS.548ff.

20 Vgl. z.B. Bd. 5, S. 196, Bd. 20, S. 225.

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handelt, so doch auch in einem grundverschiedenen Sinn. Geht diese   Selbstverwirklichung   mit   Selbstbewußtsein   davon   doch durch solche Reflexion auf sich auch noch entscheidend weiter, nämlich auch noch über in die Selbsterkenntnis davon. Und durch das, wozu sie sich dabei verwirklicht, wie etwa zum Widerspruchsgesetz für sich, ist diese reflektierte Selbstverwirklichung dann auch als Selbstverwirklichung  von so besonderer Art, daß zwischen ihr und jener noch unreflektierten auch ein grundsätzlicher Unterschied besteht. Denn in dem Sinn von Selbstverwirklichung als jener noch unreflektierten handelt es bei dieser reflektierten sich recht eigentlich auch überhaupt nicht mehr um Selbstverwirklichung. Ist es doch überhaupt nicht absehbar, wie Selbstverwirklichung von Subjektivität auch noch zu etwas anderem als zur Intentionalität führen könnte. Führen kann sie nämlich auch nur zum »Erkennen« als dem ursprünglichen Intendieren und zum »Handeln« als dem daraus abgeleiteten, was aber eben gar nicht über jene dritte Stufe ihrer Selbstverwirklichung hinausführt, sondern nur zu jener inneren Verdopplung dieser dritten Stufe selbst 21. In deren Sinn wird solchem Intendieren durch diese Selbstverwirklichung zur Reflexion auf es denn auch kein weiteres solches Intendieren hinzugefügt, zumal ja unverständlich bleiben müßte, wie ein Subjekt, welches als ein Intendieren ein schon vollständiges ist, ein noch vollständigeres werden könnte: Um so mehr, als beispielsweise dieses Widerspruchsgesetz, das dadurch aufgestellt wird, doch auch diesem in sich vollständigen Intendieren als solchem selbst gerade zur Befolgung auferlegt wird, und zwar ohne jede Metaphorik auch dem »Handeln«, weil ihm ja das Urteil des »Erkennens« wesentlich zugrunde liegt 22.

Entsprechend gilt auch umgekehrt: Daß solche Selbstverwirklichung zu in sich vollständigem Intendieren erfolgt, bleibt gänzlich unberührt davon, wie solche Selbstverwirklichung zu in sich vollständigem Intendieren erfolgt, das heißt, ob beispielsweise widerspruchsfrei oder widersprüchlich. Denn ein widersprüchliches »Erkennen« oder »Handeln« ist nicht weniger ein in sich vollständiges Intendieren als ein widerspruchsfreies. Infolgedessen ist es auch kein solches Daß derselben, sondern nur ein Wie derselben, was

 

21  Vgl. oben 'Vgl.S.517ff

22 Vgl. oben <13, S. 520


durch reflektierte Selbstverwirklichung über unreflektierte Selbstverwirklichung hinaus noch zusätzlich zu ihr hinzukommt. Und synthetisch-notwendig zu ihr hinzu kommt dieses reflektierte Wie dann auch nur noch als Müssen in Gestalt von Sollen, nämlich nur noch als Notwendigkeit im Sinn von Nötigung derselben als der grundsätzlichen Freiheit, und nicht etwa in dem Sinn der Notwendigkeit von Naturgesetzlichkeit. Mit letzterem vergleichbar ist vielmehr der Sinn, in dem dann jenes noch unreflektierte Daß der Selbstverwirklichung von Subjektivität trotz ihrer Spontaneität synthetisch-notwendig ist. Frei ist diese nämlich niemals schon in ihrem Daß, ist diese vielmehr immer erst in ihrem Wie, das dieses Daß als in sich vollständiges Intendieren oder Wollen immer schon synthetisch-notwendig voraussetzt.

Deshalb gilt es auch noch zwischen der Gesetzlichkeit, nach der sich dieses Daß vollzieht, und der Gesetzlichkeit, nach der sich dieses Wie vollzieht, zu unterscheiden. Beide nämlich sind zwar Autonomie, doch erst letztere eine Autonomie der Freiheit, erstere dagegen noch eine Autonomie der Notwendigkeit, was Sie höchstens auf den ersten Blick befremden dürfte: Alle diese Unterscheidungen, die Kant nicht mehr getroffen hat, sind nötig, um in der synthetisch-systematischen Entfaltung von Strukturen des Subjekts noch weiter fortzuschreiten, weil es auch kein Zufall ist, daß Kant hier stehenblieb. So hat er unter jenem »Wie« des Urteilens, worin wir »frei« sind, nur das Inhaltlich-Bestimmt-Empirische des Urteilens verstanden. Im Zusammenhang mit ihm jedoch fällt unter dieses »Wie« und damit unter seine »Freiheit« auch noch das Formale dieses Urteilens, worauf sich jenes Widerspruchsgesetz bezieht, und so im ganzen auch noch das Formale nebst dem Inhaltlich-Bestimmt-Empirischen des »Handelns«. Seinem reflektierten „Wie“ nach tritt infolgedessen Intendieren insgesamt als Freiheit auf, doch seinem noch unreflektierten „Daß“ nach eben keineswegs.

Erst dies ergibt dann die Begründung dafür, weshalb Kant mit Recht auch das Moralgesetz — doch ohne daß er dies begründete — als ein Gesetz betrachtet, welches immer nur dem Wie des Handelns, niemals auch dem Daß des Handelns gilt. Beginnen doch die Formulierungen dieses Gesetzes, das nach Kant ein »Kategorischer Imperativ« ist, ausnahmslos mit »Handle so, daß...«. Und die Sinnbetonung, die dabei ausschließlich auf dem »... so,...« liegt,

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bringt zum Ausdruck: Was dadurch befohlen wird, ist auch in diesem Fall nur ein bestimmtes Wie des Handelns, nicht etwa ein Daß des Handelns, das auch hier vielmehr vorausgesetzt ist. Kann das doch auch gar nicht anders sein, weil niemals schon im Daß des Handelns, sondern immer erst im Wie des Handelns, das dies Daß des Handelns immer schon voraussetzt, auch die Freiheit dieses Handelns liegen kann. Für Kant jedoch ist dies, genausowenig wie bei jenem Urteil des »Erkennens«, auch bei diesem »Handeln« noch nicht klar.

Zuletzt sind aber alle diese notwendigen  Unterscheidungen auch unerläßlich, um die Art der Herleitung von all dem angemessen zu beurteilen. Ihr gemäß kann ein Gesetz für eine Absicht oder Intention als eine Grenze für sie nur bei grundsätzlicher Reflektiertheit dieser Absicht oder Intention entspringen und daher auch immer erst ihr Wie und niemals schon ihr Daß betreffen. Daran aber zeigt sich Ihnen nochmals klar, daß diese Herleitung auch erst aus Wollen als dem auf der dritten Stufe vollständigen  Intendieren heraus erfolgt, weil auch nur so erfolgen kann. Und nicht etwa erfolgt sie schon aus so etwas wie jenem »Wünschen« auf der ersten Stufe als noch unvollständigem heraus, das als noch unvollständiges doch auch noch überhaupt kein Intendieren und somit letztlich auch noch überhaupt kein Wollen ist. Dies eigens zu betonen, ist nicht überflüssig, da der Unterschied dazwischen alles andere als selbstverständlich ist. Und dies obwohl gerade er entscheidend dafür ist, weil jenes Sollen ja aus diesem Wollen hergeleitet wird, aus dem auch noch das Können dieses Wollens und mithin die Freiheit dieses Wollens folgt. Kann diese Herleitung doch eine zirkelfreie auch nur sein, wenn jenes Sollen nicht einfach in diesem Wollen schon vorausgesetzt ist, so daß es aus diesem Wollen dann auch nur wieder herausgeholt wird. Und tatsächlich wäre es auch ohne jeden Sinn, nämlich allein schon sprachwidrig, ein Wollen als  ein Sollen zu bezeichnen23.

Denn ein Wollen ist mit einem Sollen keineswegs einfach identisch, sondern durchaus different zu ihm, weil dieses Wollen dieses Sollen auch bloß hat, nicht ist, indem es als ein Wollen dieses Sollen

23 Auch diesen wesentlichen Unterschied mißachtet Kant, wenn er vom Sollen des Moralgesctzes beispielsweise sagt: »Dieses Sollen tsZ eigentlich ein Wollen...« (Bd. 4, S. 449, Z. 16f., kursiv von mir).


eben zum Gesetz hat. Nur ist diese Differenz erneut bloß eine innerhalb einer Identität, hier nämlich der Identität des nunmehr auch noch auf sich reflektierenden Subjekts, durch dessen Reflexion auf sich als dieses Wollen dann synthetisch-notwendig ein Sollen, eben ein Gesetz für es als dieses Wollen allererst entspringt. Und darin liegt auch abermals ein eigentümliches, ja einzigartiges Verhältnis zwischen beidem, so daß dieses Sollen in Bezug auf dieses Wollen auch gerade von synthetischer Notwendigkeit ist und nicht etwa bloß von analytischer. Daß also dieses Sollen hier auf keinen Fall aus etwas hergeleitet wird, das selbst auch nur in irgendeinem Sinn schon Sollen wäre, könnte Sie jedoch sehr leicht bedenklich machen.

Denn was wäre selbstverständlicher, so meint man, als daß so etwas wie Sollen etwas gänzlich Unableitbares sein müsse, weil es doch gerade dann, wenn seine Ableitung nicht zirkelhaft sein soll, auch nur aus etwas ableitbar sein könne, das nicht seinerseits in irgendeinem Sinn schon Sollen ist? Dann aber könnte dafür auch nur noch ein bloßes Sein in Frage kommen, meint man weiter, so daß dies auch zu dem »Fehlschluß« führen müßte, der genauso selbstverständlich als »naturalistischer« zu gelten pflegt. Denn auch nur zu versuchen, daraus, daß es dieses oder jenes gebe, abzuleiten, daß es deshalb dieses oder jenes andere geben so//e, sei unmöglich, weil aus einem bloßen Sein ein Sollen eben schlechterdings nicht folgen könne 24. Um so wichtiger jedoch für Sie, daß Ihnen weiter klar vor Augen steht, was unter jenem Wollen zu verstehen ist, aus dem wir jenes Sollen hergeleitet haben. Denn das haben wir, und zwar obwohl, ja eigentlich gerade weil in diesem Wollen dieses Sollen nicht bereits enthalten ist, da auch nur deshalb das Verhältnis zwischen beidem und mithin auch unsere Herleitung des einen für das andere überhaupt synthetisch ist statt analytisch.

Kann doch unter diesem Wollen keineswegs ein bloßes Sein verstanden werden, nämlich keineswegs in dem Sinn, der dabei genauso selbstverständlich schon vorausgesetzt wird, wonach unter bloßem Sein in irgendeinem Sinn bloß naturales Sein verstanden wird, was jene Kennzeichnung für jenen »Fehlschluß« als »naturalistischen« auch klar zum Ausdruck bringt. Denn mit der gleichen Selbstverständlichkeit versteht man dabei unter solchem

24 Vgl. z.B. K.-H. Ilting 1972, S. l? 3 ff.

 

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Sein von vornherein nur etwas Wirklich-Anderes als ein Subjekt, gleichviel, ob etwas empiristisch Wirklich-Anderes der Außenwelt oder ob etwas platonistisch Wirklich-Anderes in einer angeblichen Über- oder Hinterwelt. Doch keineswegs ist ein Subjekt etwa Natur in dem Sinn, in dem sie Naturnotwendigkeit einer Naturgesetzlichkeit der Heteronomie durch Wirklich-Anderes ist, sondern eben Freiheit und Autonomie, was auch recht eigentlich Natur als Freiheit und Autonomie bedeutet. Und das ist sie eben als Natur von der Struktur jener drei Stufen, die auf dritter Stufe jeweils als ein in sich vollständiges Intendieren hervortritt, das bloß deshalb, weil es damit Freiheit und Autonomie von Wollen ist, nicht weniger naturentstanden ist.

Das heißt jedoch zugleich: Naturentstanden ist ein solches Wollen deshalb auch nicht einfach so wie jenes bloße »Wünschen« auf der ersten Stufe, das dem Wollen als dem Intendieren auf der dritten Stufe zwar zugrunde liegt, bloß deshalb aber nicht auch selbst schon Wollen oder Intendieren ist. Denn dazu fehlt ihm vielmehr noch die in sich vollständige dreistufige innere Struktur desselben, so daß es dazwischen grundsätzlich zu unterscheiden gilt. Nur so läßt sich denn auch die Tatsache erklären, die sonst unerklärlich bleiben müßte, nämlich daß wir keineswegs etwa schon darin frei sind, welche »Wünsche« oder »Triebe« usw. in uns auftreten, sondern erst darin, welches Wollen oder Intendieren wir auf solche »Wünsche« oder »Triebe« gründen. Im Vergleich zur Freiheit dieses Wollens oder Intendierens unterliegen vielmehr auch noch diese »Wünsche« oder »Triebe« der Notwendigkeit. Daß auch schon diese »Triebe« oder »Wünsche« nur in Form von Spontaneität auftreten, ändert daran nämlich überhaupt nichts. Ist doch jene bloße Spontaneität als solche auch noch keine Freiheit, weil als solche auch noch nicht Intentionalität. Denn beides wird sie eben erst, indem sie sich zur Spontaneität von jener dreistufigen inneren Struktur der in sich vollständigen Subjektivität verwirklicht. Und mit einem bloßen Sein im Sinn eines bloß naturalen Seins vergleichbar wäre dabei allenfalls ein solches »Wünschen«, keinenfalls ein solches Wollen. Ist doch die Natur auch keineswegs in jedem Fall, wenn durch sie etwas wirklich wird, ein Wollen oder Intendieren.

Doch allein aus solchem Wollen als dem Intendieren haben wir das Sollen hergeleitet. Und so liegt in einer solchen Herleitung

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denn auch nicht jener »Fehlschluß«, weil sie nicht im mindesten »naturalistisch« ist. Der eigentliche Fehler ist vielmehr, daß man sie dafür hält, weil man von der Natur als der Struktur des Wollens oder Intendierens überhaupt nichts weiß. Und wissen kann man so auch davon nichts, wie zwingend aus Natur als solchem Wollen jenes Sollen als Gesetz für sie tatsächlich folgt und daraus dann genauso zwingend auch noch jenes Können als die Freiheit dieses Wollens. Deshalb ist der eigentliche Fehler eben wieder einmal nur das Fehlen jeder Einsicht in die innere Struktur von Subjektivität als der Intentionalität, das dazu führt, dies Wollen mit dem Wünschen zu verwechseln und auf diese Weise letztlich jedes davon zu verkennen und dadurch auch solche Subjektivität im ganzen.

Das sehen Sie nirgends deutlicher als daran, daß aus diesem Grund auch umgekehrt die Eigenart von so etwas wie Wünschen, das als solches noch kein Wollen, weil als solches noch kein Intendieren ist, verkannt wird. Denn man zeigt sich immer wieder überzeugt, daß Subjektivität durchaus nicht ihrem Wesen nach Intentionalität sei. Trete doch auf Seiten dieser Subjektivität durchaus nicht nur Intentionalität, sondern auch solches auf, das keineswegs Intentionalität sei, wie zum Beispiel »Stimmungen« oder »Gefühle«, die als solche keine Intentionen eines Subjekts seien 25. Deutlicher als dadurch aber kann man seine Unbekanntschaft mit dem Subjekt kaum noch zeigen, weil man dabei offensichtlich außerstande bleibt, zu merken, wie absurd das ist. Genauso nämlich könnte man zum Beispiel geltend machen, Buchen seien keine Bäume, denn an einer Buche sei durchaus nicht alles Baum, weil eine Buche auch noch Wurzeln oder Äste habe, und die seien klarerweise keine Bäume. Zweifellos sind nicht erst so etwas wie jene Sinnesdaten auf der zweiten Stufe, sondern auch schon so etwas wie jene Stimmungen, Gefühle, Wünsche oder Triebe auf der ersten Stufe für sich selbst noch keine Intentionen, aber eben nur in dem Sinn, in dem Wurzeln oder Äste eines Baumes auch noch keine Bäume sind. Was man hier ahnungslos und darum stillschweigend zu unterstellen pflegt, ist nämlich, daß es so etwas wie Sinnesdaten, Stimmungen, Gefühle, Triebe oder Wünsche

25 Unter vielen Beispielen nur ein besonders krasses: J. Searle 199 l, S. 15-19,5.54-58.

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geben könne, ohne daß es sie im Rahmen eines Intendierens geben müsse, was man nachzuweisen aber nicht einmal versucht, so daß man auch nicht merken kann, welche Beweislast man hier trägt. Gehört all dieses Unterstellte doch auch nur in jenes Gruselkabinett der Subjektivität als jener Rumpelkammer, die durch dies Gerümpel nur noch grausiger entstellt wird.

Damit meint man nämlich nicht etwa, es könnten niedrigere Stufen der Entwicklung bei den Tier-Subjekten darin liegen, daß die dritte oder auch die zweite der drei Stufen, die wir von uns kennen, noch nicht ausgebildet wären. Ist das doch auch durchaus denkbar, wenngleich schwerlich nachweisbar, weder empirisch noch gar nichtempirisch mittels Reflexion von uns auf uns. Denn grundsätzlich ist das Verhältnis zwischen diesen Stufen ja von erster Stufe her zu dritter Stufe hin synthetisch und nicht etwa analytisch, wie von dritter Stufe her zu erster Stufe hin. Man meint damit vielmehr durchaus Subjekte, wie wir selbst sie sind und wie sie jedem oder jeder von uns auch primär nur durch die jeweilige Reflexion von sich auf sich bekannt sein können. Gänzlich ausgeschlossen aber ist es, nachzuweisen, daß im Fall von uns, wo diese dritte Stufe jeweils ausgebildet ist, es jene zweite ohne diese dritte geben könnte oder jene erste ohne diese zweite wie auch ohne diese dritte. Denn das müßte wegen ihrer analytischen Verhältnisse in dieser Richtung einen Widerspruch herbeiführen. Mangels jeder Einsicht in diese Verhältnisse kann diese Meinung daher auch nur zu dogmatischer Verselbständigung und Verdinglichung von diesen Stufen gegeneinander führen, und so auch nur zu weiterem Gerümpel in der Rumpelkammer.

Nach unserer Entrümpelung jedoch erweist sich Subjektivität statt als ein Sammelsurium von allerlei Verselbständigt-Verdinglichtem vielmehr als eine Ganzheit. Und so ist sie zwar nicht als ein Baum, doch sehr wohl wie ein Baum, das heißt der Ganzheit nach, in sich gegliedert ebenso wie in sich einheitlich. Tritt sie doch auch nur auf, indem sich die Natur zu der Struktur jener drei Stufen bildet, eben zur Intentionalität, so daß es diese auch nur im Zusammenhang mit jeder der drei Stufen geben kann und jede der drei Stufen auch nur im Zusammenhang mit ihr.

Gerade die Naturwüchsigkeit der Intentionalität von Subjektivität, kurzum: gerade die Natur ist es infolgedessen, aus der jenes Sollen als Gesetz für sie als dieses Wollen sich ergibt, sobald sie sich

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als diese Subjektivität auch noch zur Reflexion auf sich als solche Subjektivität erhebt. Dies zu verkennen, zieht jedoch noch weitere Verwirrungen nach sich als die bisher schon aufgezeigten. Denn aus diesem Grund ist schon seit jeher und bis heute die Erörterung von so etwas wie Grenzen einer Absicht oder Intention im ganzen eine einzige Verworrenheit. Von Grund auf unklar nämlich bleibt dabei, was man denn eigentlich der Sprache und der Sache nach unter »Natur ...» versteht, wenn man vertritt, daß solche Grenzen auch schon als »Naturrecht« im »Naturzustand« von Subjektivität bestehen. Geht es doch dabei, im Vergleich zum bloßen Widerspruchsgesetz, dann auch noch um Gesetze von grundsätzlich anderer Art, wie etwa um »Gesetz« oder um »Recht« im Sinn von »überpositivem« oder »positivem« einerseits, und anderseits auch noch um so etwas wie das »Moralgesetz«. Sie nämlich sind grundsätzlich andere Gesetze als das Widerspruchsprinzip, und zwar vor allem dadurch, daß in ihrem Fall auch wesentlich noch Subjekt und Subjekt sich gegenüberstehen, nicht wie im Fall des bloßen Widerspruchsprinzips nur Subjekt und Objekt im Sinn des Wirklich-Anderen. Denn jener Unterschied von Wirklich-Anderem im Sinn von anderem Subjekt und Wirklich-Anderem als bloßem Objekt ist im Fall des Widerspruchsgesetzes noch in keiner Weise wesentlich.

Ein angemessenes Verständnis der Gesetze, die für das Verhältnis von Subjekt und Subjekt gelten, nämlich als die Grenzen einer Absicht oder Intention bezüglich einer ändern Absicht oder Intention, setzt dann jedoch erst recht ein angemessenes Verständnis des Subjekts als solchen selbst voraus. Da es bisher jedoch gerade daran durchwegs fehlt, wird Ihnen nicht verwunderlich erscheinen, daß erst recht auch die Gesetzlichkeit von dieser Art bisher noch immer systematisch in der Luft hängt. Doch bei aller Andersartigkeit dieser Gesetze wird in ihrem Fall genauso wie im Fall des Widerspruchsprinzips zunächst einmal entscheidend sein, daß die Natur als solche selbst es ist, was die Struktur von einem Subjekt annimmt, daß mithin auch die Natur als solche selbst es ist, was in Gestalt von einem Subjekt dann auch die Struktur der Reflexion dieses Subjekts von sich auf sich noch annimmt. Dies Gemeinsame von ihnen ist es nämlich, wovon jede Art Gesetz für dieses Subjekt, nämlich jede Art von Sollen für das Intendieren als das freiheitliche Wollen dieses Subjekts abhängt: nicht nur das des Widerspruchs-

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Prinzips. Entsprechend werden Sie an dieser ersten, grundlegenden Einsicht in Gesetze als die Grenzen einer Absicht oder Intention als solcher auch noch weiter festzuhalten haben.


§ 15. Wir als Tier und Mensch, und unser Animismus

Worauf es nunmehr für uns ankommt, ist sonach, in einem ersten Durchgang1 zu verstehen: Wie tritt für ein Subjekt etwas Wirklich-Anderes nicht einfach nur als anderes Objekt auf, sondern auch als anderes Subjekt? Und das heißt letztlich: Wie kommt es in unserer Welt denn eigentlich zu so etwas wie Intersubjektivität? Denn daß es dazu kommt, besagt noch nichts darüber, wie es dazu kommt. Ja desto weniger es fraglich sein kann, daß es dazu kommt, je fraglicher muß werden, wie es dazu kommt. Denn keine Frage kann es sein, daß ein Subjekt nur in Gestalt von einem Körper auftritt, der wie alle ändern Körper ein empirisches Objekt ist. Demgemäß vermag auch ein Subjekt als etwas Wirklich-Anderes für ein Subjekt nur dadurch aufzutreten, daß für letzteres das Wirklich-Andere von einem Körper auftritt, also ein empirisches Objekt. Verglichen damit aber ist und bleibt ein Subjekt etwas Nichtempirisches, so daß es dabei auftritt weder als etwas Empirisches noch auch nur wie etwas Empirisches, sondern bloß durch etwas Empirisches.

In solchem Sinn jedoch hat dieses »durch« es in sich, nämlich in dem Doppelsinn »vermittelt-durch« genauso wie auch »durch-hindurch«. Denn so ist ja, mit einem Wort umfassend, nichts geringeres bezeichnet als das schwierige Verhältnis zwischen etwas Nichtempirischem wie diesem Subjekt und etwas Empirischem wie diesem seinem Körper, in Gestalt von dem es auftritt. Und weil dieses schwierige Verhältnis noch bis heute nicht geklärt ist, läßt sich auch das gleichermaßen schwierige Verhältnis, das als Intersubjektivität bezeichnet wird, bis heute noch nicht klären.

Deshalb wird Sie nicht verwundern, daß auch über solche Grenzen einer Absicht, wie sie in Gestalt von Recht oder Moral bestehen, noch bis heute keine Klarheit herrscht. Denn diese hängen auch entscheidend davon ab, wie Intersubjektivität als ein Verhältnis zwischen einem nichtempirischen Subjekt und einem andern nichtempirischen Subjekt denn überhaupt zustande kommt. Und


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l Weiterführendes dazu dann in den §§21 ff.

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