Wo sind meine Farben?

Substanz und Eigenschaft bei Gerold Prauss.

 

Es geht um zwei grundsätzlich verschiedene Verständniswelten oder Verständniswege bzw. „Wahrheiten“ aufgrund verschiedener Blickwinkel.

 

Bei der Suche nach meinen Farben, scheint es doch so, daß sie nicht dort draußen am farbigen Objekt sind, nicht dort an der Rose und auch nicht in meinem Farbkasten. Was von dort an Sonnenstrahlen in mein Auge reflektiert wird, sind farblose Photonen bzw. farblose Wellen mit unterschiedlicher Frequenz, aber keine Farbe.

Und im Sehzentrum unseres Hirns ist und bleibt es dunkel, auch wenn ich im hellsten Sonnenlicht stehe und geblendet bin. Also auch im Hirn befindet sich kein Farbkasten.

Wahrscheinlich wird man irgendwann im DNS das Gen finden, das bei Mensch und Tier die Fähigkeit, eine bestimmte Farbe, z.B. Rot sehen zu können, ermöglicht  – oder eine andere Farbe –die Farbe selbst aber, wie ich sie vermutlich übereinstimmend mit anderen Menschen sehen kann, so daß man miteinander übereinstimmend von der realen Existenz der Farbe „Rot“ sprechen kann, befindet sich auch dort nicht.

 

Gerold Prauss erfaßt meine ganze Problematik auf der Unglücksseite 666 in seinem 4. Band 2/2 „Die Welt und wir“ bei der Frage nach der »Relation« der Relate von Substanz und Eigenschaft, wobei dann die Frage nach dem symmetrischen wie zugleich asymmetrischen Verhältnis von Beidem, also von Substanz und Akzidenz, zuerst leicht Verwirrung hervorrufen könnte.

Unsere Herleitung von all dem  (gemeint ist das Verhältnis von Substanz und Akzidenz; von mir eingefügt) zeigt denn auch noch: Jene »Relation« dieser Relate von »Substanz und Akzidens« tritt als die hergeleitete »Kategorie« erst im Objekt als diesem Physischen oder Empirischen auf, wo sie auch erst durch den zweiten Schritt der Reflexion als etwas Herzuleitendes ermittelt wird. Nicht etwa tritt sie auf schon irgendwo im Subjekt, auch nicht als gedanklich oder anschaulich erzeugte, sondern eben erst als eines Objekts inneres Verhältnis zwischen beidem, das im ganzen eine nichtempirische Struktur desselben ist. Die bloße Symmetrie und Gleichursprünglichkeit des Auftretens von beidem ist nach dessen  Herleitung denn letztlich auch kein Grund mehr, beides eigens anzusetzen als »Kategorie« im Subjekt.“

 

Damit schwinden jedenfalls meine Hoffnungen, die Welt der Farben überhaupt aufspüren zu können, bis in weite Ferne, wenn sie denn tatsächlich nur dort im Objektiven des Objekts sein kann, also weder am Objekt noch im Subjekt- es sei denn, ich spreche vom Subjektiven des Objekts.

 

Man sollte in Büchern die Seite 666 überspringen, wie man in Hotels das Zimmer 13 einfach wegläßt oder dafür die Besenkammer nimmt. (Ist nicht ernst gemeint!)

 

Das Verhältnis von Substanz und Akzidenz ist ein symmetrisches, wenn man ganz normal in einem ersten Schritt analytisch vom fertigen, d.h. erkannten wirklichen Objekt ausgeht, wobei es eben keine Substanz ohne Eigenschaften und wie es auch keine Eigenschaften ohne Substanz geben kann.

 

Siehe Seite: 673:

„Als ein asymmetrisches Verhältnis läßt es sich sodann zunächst mit jenem Fall vergleichen, in dem nicht auf Teile eines Physischen oder Empirischen, sondern auf Eigenschaften von ihm reflektiert wird. Hier gilt nämlich gleichfalls asymmetrisch, daß nur dieses Physische oder Empirische die Eigenschaften habe, und nicht etwa umgekehrt genausogut, es hätten auch die Eigenschaften dieses Physische oder Empirische.“

 

Dies sieht in einem weiteren Schritt solcher Frage jedoch genau umgekehrt aus, die sich als asymmetrisches Verhältnis allerdings erst bezüglich der Art und Weise einer Synthese von Beidem stellt, wonach die Substanz eine Eigenschaft haben kann, ja haben muß, nicht aber die Eigenschaft eine Substanz. Wie hängt also beides zusammen?

 

Denn neben allen Eigenschaften eines Objekts, die zusammen nur die Summe aller Eigenschaften aber damit noch kein Ganzes, eben noch nicht dieses Objekt ergeben, ist die Substanz nicht einfach ein noch zusätzliches Teil oder gar eine zusätzliche Eigenschaft, die ein Ding durch einfaches Hinzufügen zu einem Objekt komplettieren könnte. Es wäre also nicht sinnvoll zu behaupten, daß die Substanz nur ein Teil des Objektes sei und die Eigenschaft ein weiteres Teil; denn jedes Teil eines Objektes ist nur dann real und wirklich, wenn es wiederum aus Substanz und Akzidenz besteht.

 

Und damit sind wir bereits mitten in der Konfusion verschiedener Vorstellungen aufgrund verschiedener Blickwinkel, an der auch der gute Kant schließlich scheiterte, weil er dies nicht durchschaute.

 

Wie es besser nicht möglich ist, formuliert dies Gerold Prauss ebenda auf Seite 664:

Als synthetisches kann diese Reflexion das Haben solcher Eigenschaften vielmehr nur in einem zweiten Schritt ermitteln. Das vermag sie nämlich erst, indem sie weiter fragt, was denn in der Gestalt von einem jeden Physischen oder Empirischen noch mit im Spiel sein muß, so daß mit ihm zusammen eine jede solche Eigenschaft als etwas Nichtempirisches ein jedes solche Physische oder Empirische dann allererst ergeben kann. Und das ist eben eine Frage, die entscheidend weiter geht. - - -

Seite 665

Doch selbst Kant sieht nicht, daß mit dem Unterschied dieses Verhältnisses als eines analytischen und als eines synthetischen ein weiterer Unterschied einhergeht. Muß es danach doch als jenes analytische ein asymmetrisches Verhältnis sein, dagegen kann es als dieses synthetische nur ein symmetrisches Verhältnis sein.

http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/644-695.htm

 

Um die weitreichenden unterschiedlichen Folgen dieser unterschiedlichen Blickwinkel vereinfacht zu umschreiben, will ich mal sagen, daß von diesem realen Objekt ausgehend die empirischen Wissenschaften horizontal in dieser „Realität“ oder „Wirklichkeit“ bleiben und dabei die Substanz als Materie weiter analysieren in allen ihren möglichen Teilen und Teilchen und Strings mit den je verschiedenen Eigenschaften und Naturgesetzen,

während vertikal gefragt werden muß, wie es durch das Verhältnis von Substanz und Eigenschaft überhaupt zu so etwas wie „Objekt“, „Materie“, „Realität“ und „Wirklichkeit“ d.h. Außenwelt kommen kann.

 

Hierbei ergibt sich allerdings, daß zwar der Ausgangspunkt beider Blickwinkel vom realen Objekt ausgeht, der heute bereits erahnbare Berührungspunkt beider Erkenntniswege und Erkenntnisse dagegen keineswegs dieser Ausgangspunkt ist, sondern in der dynamischen Struktur unseres Selbstbewußtseins liegt, die sich jeder empirischen Erkenntnis verschließt, weil eben diese dynamische Struktur erst die Voraussetzung ist zu einer empirischen Erkenntnis eines realen Objekts wie auch dieses Objekts selbst.

 

Und diese Feststellung selbst ergibt dazu noch einen dritten Blickwinkel, eben den, der hier diese Sicht auf die genannten beiden Blickwinkel ermöglicht.

 

Aber auch hier sehe ich Schwarz für meine Farben