Physik, Zeit, Animismus

„Die Welt und wir“ Gerold Prauss, Band 1, ab Seite 899,

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§ 30. Subjektivität und Intersubjektivität

Nach all dem, was wir uns bis hierhin hergeleitet haben, werden Sie wohl kaum in Zweifel sein, daß all dies nur auf Grund von Zeit als objektiver, und das heißt, auf Grund von Zeit als Ausdehnung ent­springen kann: ob ein Ereignis als Bewegung oder als Veränderung in Form von Ausdehnung der objektiven Zeit als solcher selbst, oder in Form von Punkt der subjektiven Zeit ein Urteil in der Wahrneh­mung eines Ereignisses als wahrgenommener Bewegung oder wahrgenommener Veränderung. Denn nur bezüglich Ausdehnung von objektiver Zeit kann Punkt von subjektiver Zeit als Urteil einen Sinn wie NxG annehmen anstatt einen wie Gx. Und eben dazu hat ursprünglich subjektive Zeit als Punkt sich je und je zu objektiver Zeit als Ausdehnung auch überhaupt erst auszudehnen. Doch als vollends hergeleitet gelten kann dies freilich erst, wenn auch verständlich wird, was Ausdehnung von objektiver Zeit als Nur noch-Ausdehnung denn eigentlich bedeuten könnte, weil ja schon von jener zweiten Stufe her der Sinn von Ausdehnung als Nur noch-Ausdehnung an Raum vergeben ist.

 

Und diese Frage fordert denn auch nur noch dringlicher nach ihrer erst einmal zurückgestellten Antwort. Wegen ihrer Schwierigkeit sei sie jedoch zunächst nur vorbereitet mittels der bloß negativen Teilantwort, was dies gerade nicht bedeuten kann.

Dies ist Prädikatenlogik, (Siehe ab Seite 834) wenn die Prädikation z.B. nicht „ist“ bedeutet, wie in „Dies ist rot.“ (das wäre „Gx“) sondern dies als ein Ereignis wahrnimmt, wie z.B. „Dies wird rot.“, was dann eben komplexer „NxG“ heißen muß.

 

Doch wird Ihnen nicht einmal diese leicht fallen, weil Sie dazu gegen eine Überzeugung angehen müssen, wie sie fester kaum noch

17 Vgl. 7. B. bei Freges Begriffsschrift: Kleine Schriften (hg. I. Angelelli), Darmstadt 1967, S. 39 l ff. mit Begriffsschrift, Darmstadt 1964, S. 5-13.

http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/Frege_Seite_5_bis_9.pdf

 

 

vorzustellen ist, weil wir alle sie zunächst einmal wie selbstverständlich hegen. Dafür ziehen Sie am besten nochmals jenen Fall der Ruhe eines Objekts in Betracht, den wir zuletzt als Grenzfall von Ereignis einzubringen hatten, weil es sinnvoll ist, in diesem Fall genauso wie im Fall geradlinig-gleichförmiger Bewegung eines Objekts nach der Ursache dafür zu fragen. Und als bloßer Grenzfall von Ereignis mußte uns der Fall der Ruhe eines Objekts deshalb gelten, weil er anders als der Fall geradlinig-gleichförmiger Bewegung eines Objekts nicht mehr einen Fall von Raumkoordinatenwechsel darstellt.

Diesbezüglich aber könnten Sie, besonders wenn Sie die Physik vor Augen haben, zu bedenken geben wollen, damit liege noch kein Grund vor, diesen Ruhefall als bloßen Grenzfall von Ereignis aufzu­fassen. Denn auch Ruhe eines Objekts sei in vollem Sinn Ereignis, weil ein Objekt auch in diesem Fall, wenngleich nicht Raumkoordinaten, so doch Zeitkoordinaten wechsle. Ja geradezu berufen könn­ten Sie sich auf die Physiker, die insbesondere im Anschluß an die Relativitätstheorie Einsteins ohne jede Scheu vertreten, dal? auch ru­hende Objekte sich bewegen: zwar nicht durch den Raum, doch sehr wohl durch die Zeit1. Auch wenn nur einige sie ausnahmsweise einmal offen zu vertreten pflegen, scheinen alle Physiker von dieser Auffassung doch derart überzeugt zu sein, daß sie trotz deren Folgen, die zumindest einige von ihnen ahnen", diese Auffassung zugrunde legen.

Sie dagegen müßten dadurch förmlich alarmiert sein - jedenfalls nach allem, was Sie sich bisher begreiflich machen konnten, weil Sie danach nicht mehr übersehen könnten, was hier eigentlich geschieht, da dies am kürzesten mit den berühmten Worten zu bezeichnen ist: »Zum Raum wird hier die Zeit«. Dies nämlich führt zwar nicht in Richard Wagners Parsifal', sehr wohl jedoch in jedes Physikers Physik zu einer grundsätzlichen Schwierigkeit, weil der Begriff einer Bewegung eines Objekts, der geradezu der Grundbegriff aller Physik ist, dadurch nur um einen allzu hohen Preis gerettet wird. Bewegung nämlich ist und bleibt notwendig definiert als Raumkoordinaten-

1  Vgl. z.B. L.C. Hpstein, Relativitätstheorie anschaulich dargestellt, 2. Aufl.
Berlin    1988,    S. 101,    S. 231,    S. 235;    ders.,    Epsteins   Physikstimde,
2.
Aufl. 1988, S. 517; G. Kahan, Einsteins ReLitii'itiä'tstheorie. 5. Aufl. Köln
1990, S. 141.

2  Vgl. dazu Anm. 4.

3  Vgl. Erster Akt, Erwählungsszene: »Vom Bade kehrt der König heim ...

 

 

 wechsel eines Objekts, so daß auch der Gegensatz von Ruhe und Bewegung eines Objekts trotz, ja eigentlich gerade wegen der bekannten Relativität von beiden notwendig erhalten bleiben muß. Genau in diesem Sinn jedoch kann Ruhe eines Objekts als Bewegung eines Objekts dann nur unverständlich bleiben und verständlich auch nicht dadurch werden, daß es sich zwar nicht durch Raum, sehr wohl jedoch durch Zeit als zusätzlichen Sonderraum bewege, weil auf diese Art zum Raum gewordene Zeit erst recht nur unverständlich bleiben kann. Denn wörtlich müßte das bedeuten: Jedes ruhende Objekt bewege sich durch Zeit anstatt durch Raum in dem Sinn, daß die Zeit als eindimensionale eine Linie sei, durch die es sich hindurch oder an der es sich entlang bewege.

Daran aber sehen Sie geradezu vor sich, was hier geschieht und was durch jene Kennzeichnung »Zum Raum wird hier die Zeit« noch ziemlich milde charakterisiert ist: Nicht allein zum Raum, sondern zum objektiven Raum und damit letztlich zum Objekt wird hier die Zeit, weil sie auf diese Weise ihrerseits zu etwas Ruhendem wird, relativ zu welchem angeblich sich etwas anderes Ruhendes bewege. Dabei aber wird es auch den Physikern schon um so unheimlicher, als dies innerphysikalisch ohne jede Schwierigkeit ist, weil im Gegenteil sich damit bestens messen oder rechnen läßt: bis hin zur Durchführung von Einsteins Relativitätstheorie. Nur heißt Messen- oder Rechnenkönnen eben nicht auch schon Verstehenkönnen, weil dies vielmehr mit der prinzipiellen Unverständlichkeit von Zeit und dadurch schließlich auch von Raum erkauft wird"1, die sich dabei nicht mehr trennen lassen.

Darum sollten Sie sich stellvertretend für die Physiker darauf besinnen, was mit dieser letztlichen Verdinglichung von Zeit und Raum recht eigentlich geschieht. Indem sie nämlich hier gerade unausweichlich wird, ist sie hier auch im höchsten Maße aufschlußreich. Denn ausgerechnet dadurch, daß Physik in dieser Weise nun aufs Ganze geht, stößt sie auf prinzipielle Grenzen, weil als solches selbst das Ganze für Physik gerade nicht zu haben ist: Zur Welt gehört nicht nur Natur, zur Welt gehören vielmehr auch noch wir, die wir nicht nur Natur sind. Und genau entsprechend gibt es zwar eine

4    Wie die Physiker gelegentlich bekennen, so z.B. H. Fritzsch, Eine Formel verändert die Welt, 2. Aufl. München 1988, passim. Ferner R. Penrose, Computerdenken. Heidelberg 1991, S. 433.  

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Physik solcher Natur, doch nicht auch noch eine Physik dieser Physik, weil nicht auch noch eine Physik von uns, sondern nur noch eine Philosophie dieser Physik, weil auch nur noch eine Philosophie von uns. Physik als solche selbst ist nämlich nur ein Fall von uns als Selbstverwirklichung, als die wir eben nicht auch unsererseits noch etwas Empirisches für Empirie sind, sondern eben nur noch etwas Nichtempirisches für Nichtempirie der Philosophie als Reflexion. Und so ist vor der eigentlichen Ganzheit dieser Welt und uns denn auch die vollständigste Empirie nur eine prinzipielle Halbheit, weil sie immer erst mit Nichtempirie der Philosophie als Reflexion zusammen dieser eigentlichen Ganzheit innewerden kann.

Auf prinzipielle Grenzen trifft aufs Ganze gehende Physik als Empirie sonach nicht zufällig gerade dort, wo sie um jeden Preis ver­sucht, wie alles andere Empirische auch Zeit und Raum nur als Empirisches unter Empirischem noch aufzufassen: als ursprünglich Objektives unter Objektivem. Wie zunächst einmal wir alle jedenfalls will auch der Physiker nichts davon wissen, daß es sich dabei vielleicht um etwas handeln könnte, das wie jeder von uns auch ein jeder Physiker bereits zu allerursprünglichster Wahrnehmung von Wahrgenommenem aus sich heraus als etwas Subjektives beizutragen hat, in dessen Form es wie für uns so auch für ihn dann etwas Objektives überhaupt erst geben kann. Und so verkennt er denn auch schon von vornherein, daß Zeit und Raum als ein ursprünglich vielmehr Sub­jektives etwas Nichtempirisches sein könnten und etwas Empirisches sowohl wie Objektives nur, indem sie nicht bloß Form für Objektives und Empirisches sind, sondern auch noch Form von Objektivem und Empirischem, nämlich sofern sich Objektives und Empirisches in solcher Form auch faktisch, kontingent, tatsächlich einstellt. Denn das kann durchaus nicht immer schon vorweg verbürgt sein, wie die grundsätzliche Irrtumsmöglichkeit bezeugt, die schon für aller-ursprünglichste Wahrnehmung besteht und daher auch für alles, was als Empirie auf Wahrnehmung beruht.

Daß dies nicht von der Hand zu weisen ist, wird Ihnen aber noch viel deutlicher, weil eben darin zwischen Zeit und Raum auch noch ein aufschlußreicher Unterschied besteht. Kein Zufall nämlich ist es, daß der Physiker mit seiner Auffassung von Zeit und Raum in die­sem Sinne erst mit Zeit in jene Schwierigkeit gerät, die für ihn selbst schon Zeit und in Vereinigung mit ihr auch Raum zum Rätsel wer­den läßt. Im Fall von Raum bleibt nämlich die Verdinglichung desselben zu etwas Empirischem und Objektivem unauffällig, weil zumin­dest von der Wahrnehmung her jegliches Empirische und Objektive diesen Raum gewissermaßen an sich trägt. Von daher kann etwas Empirisches und Objektives eben grundsätzlich nur unter-irgend-einer Form von Raum auftreten: nur als ein Zugleich nach innen und' nach außen, sprich, als ein Beharrliches, das ein Zugleich als Eigenschaft oder als Akzidens an sich als Ding oder Substanz jeweils gerade wechselt oder beibehält, indem es in Bewegung oder Ruhe ist.

Für Zeit dagegen gilt Entsprechendes gerade nicht, und zwar auch dann nicht, wenn sich Objektives und Empirisches in Form von objektivem Raum und objektiver Zeit bewegt, weil es auch dann nicht diese objektive Zeit etwa genauso an sich trägt wie jenen objektiven Raum. Denn objektive Zeit wird dabei nicht etwa wie objektiver Raum als irgendein Zugleich an solchem Objektiven und Empirischen selbst sichtbar: nicht einmal als eindimensionale Linie. Was vielmehr auch dann, wenn es bewegt ist, an Empirischem und Objektivem sichtbar wird, ist immer wieder ausschließlich Zugleich als objektiver Raum, nämlich auch dann, wenn dieses dabei in Ver­größerung oder Verkleinerung begriffen ist, indem es etwa als der Abstand zwischen oder als die Ausdehnung von etwas Objektivem und Empirischem gerade zunimmt oder abnimmt. In Bewegung nämlich ist Zugleich von objektivem Raum in objektiver Zeit als Nacheinander ja nicht etwa so, als ob es dabei gleichsam Fäden zöge, und das heißt, nicht etwa so, als ob auch objektive Zeit als Nacheinander dabei noch wie objektiver Raum als ein Zugleich aufträte und auf diese Weise sichtbar würde.

Doch was nicht einmal im Fall dieser Bewegung gilt, kann dann erst recht auch nicht in jenem Fall der Ruhe gelten, wie Sie nunmehr sehen müßten. Objektive Zeit wie eine Linie und so wie ein Zugleich von objektivem Raum sich vorzustellen, an dem entlang oder durch das hindurch sich ein im Räume ruhendes Objekt bewege, ist danach bei Strafe ihres Sinnverlusts und damit ihrer Unverständlichkeit unmöglich. Was dem Physiker nicht in den Kopf will, weil es ihm nur in den Kopf kann, wenn der Physiker in Personalunion auch noch zum Philosophen wird, ist, daß sich dabei eben nicht ein Objekt - weder ein im Raum bewegtes noch ein im Raum ruhendes - etwa an Zeit als ruhender entlang bewegt, sondern gerade umgekehrt: daß sich entlang an einem im Raum ruhenden sowohl wie an einem im Raum bewegten Objekt vielmehr Zeit bewegt. Und nur weil dies nicht

 

 

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Herleitung von Veränderung und ihres Grundes

sichtbar werden kann, für Physiker indessen sichtbar werden muß, damit es ihnen in den Kopf kann, kehren sie dies einfach um, so daß dies Unsichtbare dadurch sozusagen mit Gewalt zum Sichtbaren gemacht wird.

 

Deshalb kann auch schlechthin keine Rede davon sein, daß gilt: »Zum Raum wird hier die Zeit«. Vielmehr wird sie zu ihm gerade nirgendwo und nirgendwann und nirgendwie. Nur müssen die des öfteren bereits erhobenen Einwände dagegen freilich müßig bleiben, wenn mit ihnen keine Einsichten darüber mit einhergehen, daß es sich bei dieser vielmehr umgekehrt gerade am Objekt entlang bewegten Zeit um überhaupt nichts anderes als jenes am Objekt entlang bewegte Subjekt handelt. Schließlich gibt es auch Physik nicht ohne Physiker, weil auch Bedeutung oder Sinn als Zeichen und so als Koordinate oder Formel nur für den sie je und je Verstehenden, ob nun als Sprechenden bzw. Schreibenden oder als Hörenden bzw. Lesenden. Denn alles andere können Sie getrost den Liebhabern des falschen Mythos überlassen, die vor bloßer Farbverteilung auf Papier, nur weil sie hochkomplex gestaltet ist, schon in Subjektverehrung fallen und auf diese Weise noch bis heute letztlich Animismus treiben.

Kunst verstanden als sei Kunst „Das Geschehen von Wahrheit im Bild“, wie es Heidegger formuliert, - als sei ein Kunstwerk sowohl objektivierte wahre Erkenntnis . (Trotzdem liebe ich diesen Satz: denn nicht nur in der Malerei, sondern mehr noch in Literatur und Dichtung verrät das Kunstwerk mehr über den Künstler, Dichter bzw. Literaten – und selbst über seine Zeit – als ihm bewußt und lieb sein kann.

Mag jedoch die Richtigkeit der damit nun gegebenen negativen Teilantwort für Sie auch offenkundig sein, so hat die positive als die eigentliche Antwort auf die Frage nach dem Ursprung und dem Wesen objektiver Zeit dadurch noch nicht das mindeste von ihrer Schwierigkeit verloren. Denn objektive Zeit bedeutet Zeit als Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung, die nach wie vor bereits von jener zweiten Stufe her als das Zugleich des Raumes auftritt, so daß Ausdehnung in jenem Sinn von Nur noch-Ausdehnung auch ein für alle Mal an Raum vergeben ist. Wenn aber die gesuchte positive Antwort auch nicht gleich aus der gegebenen negativen folgt, so führt Sie letztere doch wenigstens noch einen Schritt in Richtung ersterer, nämlich zur angemessenen Erklärung dafür, daß wir alle immer wieder dazu neigen, uns auch objektive Zeit noch ihrerseits als objektiven Raum, nämlich wie eine Linie vorzustellen.

Denn behalten Sie dabei im Blick, daß Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung nun einmal ganz und gar an Raum vergeben ist, so sehen Sie förmlich vor sich: Überhaupt nur deswegen vermag auf dritter Stufe auch noch Zeit zu Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung sich auszudehnen, weil auf dritter Stufe Raum als

 

Subjektivität und Intersubjektivität

Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung schon immer ausgedehnt ist. Nur auf Grund von ihm, ja eigentlich nur auf dem Grund von solchem Raum als Hintergrund gewissermaßen, nämlich nur, indem sie es vermag, auf Raum als Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung sich gleichsam aufzutragen oder abzubilden und mithin an ihm entlang sich auszudehnen, kann auch Zeit auf dritter Stufe noch als Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung entspringen.

Es handelt sich um die drei Stufen einer Erkenntnis, die sich nicht in einem zeitlichen sondern rein strukturellen Nacheinander aufbauen, - etwa wie bei einer idealen Zahnradkonstruktion oder in einer mathematischen Formel. Siehe

http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/drei_Stufen.htm

 

Eben daher jene für uns alle erst einmal unwiderstehliche Verleitung, uns von diesem objektiven Raum her auch noch diese objektive Zeit als objektiven Raum, nämlich als Linie vorzustellen: eine Verleitung, der wir immer erst durch Reflexion und damit durch Philosophie uns zu erwehren vermögen. Und tatsächlich kann doch keine Rede davon sein, als würde die auf objektiven Raum sich auftragende oder abbildende Zeit zu objektiver so, daß sie auf ihm als Ausdehnung jenes Zugleich auch ihrerseits zur Ausdehnung eines Zugleich noch würde und mithin auch noch als Linie zumindest sichtbar. Wie Sie schon gesehen haben nämlich wird sie dies nicht einmal, wenn in Form von Raum sich irgendein Zugleich bewegt, indem es in Vergrößerung oder Verkleinerung begriffen ist, geschweige wenn es ruht.

Was vielmehr sichtbar wird, ist ausschließlich diese Bewegung selbst, weil Ausdehnung der objektiven Zeit als bloße Form von ihr auch nur mit ihr einherläuft, nämlich ohne etwa außer ihr und damit neben ihr noch eine Zusatzform zu bilden. Und tatsächlich ist Bewegungsablauf seiner Form nach nichts als Zeitablauf und fällt formal sonach mit ihm zusammen. Denn auch nur in Ausdehnung von objektiver Zeit hinein vermag Bewegung eines Objekts überhaupt zum Wahrgenommenen für Wahrnehmung zu werden, wohingegen Ruhe eines Objekts dies auch ohne Ausdehnung von objektiver Zeit vermag. Da Ausdehnung von objektiver Zeit auf dritter Stufe aber durchgehend erfolgt, weil durchgehend erfolgen muß, um auch Bewegung eines Objekts zu ermöglichen, ist Ausdehnung von objektiver Zeit bei Ruhe eines Objekts dann auch überflüssig-zusätzliche Form. Entsprechend sehen Sie spätestens an dieser überflüssig-zusätzlichen Form der Ausdehnung von objektiver Zeit im Fall der Ruhe eines Objekts auch mit letzter Deutlichkeit, daß sie durchaus nicht etwa eine zusätzliche Raumform wie zum Beispiel eine Linie bildet.

Sind Sie darauf nämlich soweit nunmehr aufmerksam geworden,

 

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Herleitung von Veränderung und ihres Grundes

sehen Sie des weiteren, daß Ausdehnung von objektiver Zeit, wenn sie tatsächlich eine solche zusätzliche Raumform würde, gar nicht eine bloße Linie werden könnte, sondern mindest eine Fläche werden müßte. Denn zum Wahrgenommenen für Wahrnehmung wird ein Objekt in Form von dreidimensionalem Raum ja mindest unter einer Fläche, nämlich seiner Oberfläche, wie Sie sich erinnern werden, so daß auch der Abstand von Objekten unter ihren Flächen immer wieder Fläche ist. Bewegung von Objekten unter ihren Flächen, und das heißt zuletzt, Vergrößerung oder Verkleinerung von dieser oder jener Fläche aber müßte dann auch dazu führen, daß solche Flächen nicht bloß gleichsam Fäden zögen, nämlich Linien, sondern ganze Flächen zögen, würde Ausdehnung von objektiver Zeit dabei auch ihrerseits noch eine zusätzliche Raumform und als solche sichtbar.

Daß dies vielmehr offensichtlich ausbleibt, macht im Gegenteil für Sie auch offensichtlich deutlich, daß sie dies gerade nicht wird: weder Linie noch gar Fläche. Denn was dabei ursprünglich-empirisch sichtbar für uns wird, ist eben wie beim ruhenden auch beim bewegten Objekt immer wieder nichts als Ausdehnung von objektivem Raum - wenngleich sie dabei freilich in Bewegung als Vergrößerung oder Verkleinerung begriffen ist - und Ausdehnung von objektiver Zeit gerade nur als das, was erstere ermöglichend begleitet. Und so lautet die Erklärung dafür, daß wir alle immer wieder dazu neigen, uns auch Ausdehnung von objektiver Zeit wie Ausdehnung von objektivem Raum noch vorzustellen, wie folgt. Daß wir uns immer erst auf Grund der immer schon erfolgten Ausdehnung von Raum auch Zeit als Ausdehnung noch ursprünglich-empirisch vorstellen können, eben immer erst als Form dieser Bewegung eines in Vergrößerung oder Verkleinerung begriffenen Raums, verleitet uns dazu, daß wir uns diesen Raum, an dem entlang sie dabei abläuft, statt der Zeit vorstellen.

http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/Zeitmodell.htm

 

Nur ist das eben wörtlich gar nicht möglich: Zwar vermag uns dabei immer nur der Raum, der dabei immer nur der Weg solcher Bewegung ist, zum Gegenstand zu werden, so daß er uns stellvertre­tend auch die Zeit solcher Bewegung gegenständlich machen muß. Doch ebenso gewiß ist, daß er sie uns überhaupt nur gegenständlich machen kann, soweit wir selbst vermögend sind, von ihm als sol­chem, nämlich als Zugleich gerade abzusehen und nur noch hinzuse­hen auf das an ihm entlang bloß ablaufende Nacheinander. - Dies zu unterlassen nämlich führt am Ende unausweichlich dazu, solchen Raum in voller Wörtlichkeit für solche Zeit zu nehmen, wonach selbst ein im Raum ruhendes Objekt sich wie durch Raum auch noch durch Zeit hindurch bewegt, womit sich Empirie auf Kosten der Verständlichkeit von Zeit und Raum ihre Erfolge sichert. - Dies zu tun dagegen führt am Ende, und zwar ohne diese Empirie als solche auch nur im geringsten anzutasten, nämlich zusätzlich zu ihr auch noch in jene Nichtempirie der Philosophie als Reflexion auf sie.

Denn vollständig und angemessen angestellt, führt solche Refle­xion auch noch Verständlichkeit von Zeit und dann von Raum her­bei, indem sie nämlich auch noch darauf reflektiert, wodurch es ein bewegtes oder ruhendes Objekt als Wahrgenommenes für Wahrneh­mung dann überhaupt erst geben kann: durch ein Subjekt, das Wahr­nehmung von Wahrgenommenem nur werden kann, indem es sich zu Zeit und dann zu Raum ganz aus sich selbst heraus verwirklicht, weil es nur in form von beiden sich die durchgängige Möglichkeit dafür eröffnen kann. Erst diese bis ins Letzte durchgeführte Refle­xion ergibt denn auch zum Negativen, wonach Ausdehnung von objektiver Zeit gerade nicht als zusätzliche Ausdehnung von objekti­vem Raum ergeht, zuletzt das Positive, worauf sie recht eigentlich hinauszulaufen hat. Nur aus der inneren Struktur von Subjektivität als Thema solcher Reflexion wird Ihnen nämlich ferner klar, daß Ausdehnung von objektiver Zeit als zusätzliche Ausdehnung von objektivem Raum auch gar nicht zu ergehen vermag, weil objektive Zeit trotz ihrer Ausdehnung entlang der Ausdehnung von objekti­vem Raum im Sinne solchen Raumes selber etwas Objektives über­haupt nicht sein kann1. Objektiver nämlich ist er ja nur als objekti­vierter subjektiver Raum, der als Zugleich nach innen immer schon auf zweiter Stufe auftritt und auf dritter nur noch als Zugleich nach außen hingestellt wird: eben als ein wirklich-anderes, nämlich beharrliches Objekt der Außenwelt, das als Substanz bzw. Ding dann ein Zugleich nach innen als die objektive Eigenschaft bzw. als das objektive Akzidens an sich gerade wechselt oder beibehält.

Genau in dieser Hinsicht aber kann sich objektive Zeit, auch wenn sie ebenso wie objektiver Raum als Ausdehnung auftritt, gerade nicht wie solcher objektive Raum am Objekt selbst gewissermaßen

5 Vgl. z.B.  R. Scxl/H.K. Schmidt,  Raum Zeit Relativität, 3. Aufl. Braunschwcig 1991, S. 184ff.

 

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niederschlagen, weil sie ja in keinem Sinne ein Zugleich ist - nicht auf zweiter Stufe eins nach innen noch auf dritter eins nach innen und nach außen -, sondern eben Nacheinander. Dieser Niederschlag geht nämlich nur zurück auf die Verzweifachung von Raum als dem Zu­gleich nach innen zum Zugleich auch noch nach außen, die ein wirk­lich-anderes Objekt der Außenwelt gerade als das innere Verhältnis von Substanz zu Akzidens oder von Ding zu Eigenschaft formal begründet und erklärt. In dieser Weise aber kann sich eben keines­wegs auch Zeit als Nacheinander noch am Objekt selber niederschla­gen, weil durchaus nicht wie Zugleich als Raum auch Zeit als Nach­einander schon von zweiter Stufe her dafür verfügbar ist und damit auch nicht ihrerseits dann durch entsprechende Verzweifachung zum zeitlich-zusätzlichen Akzidens oder zur zeitlich-zusätzlichen Eigen­schaft an Ding oder Substanz noch werden kann.

Daß so, wie ein bewegtes Objekt seine Raumkoordinaten wech­selt, auch ein ruhendes Objekt zumindest seine Zeitkoordinaten wechsle, muß entsprechend unverständlich bleiben, weil auch nicht ersichtlich werden kann, als was denn seine Zeitkoordinaten an ihm selbst noch wechseln könnten. Und dies um so weniger, als am bewegten Objekt seine Zeitkoordinaten auch noch zusätzlich zu sei­nen Raumkoordinaten wechseln müßten, - es sei denn, daß man weiterhin vermeint: »Zum Raum wird hier die Zeit«. Denn Raum­koordinaten hat ein Objekt grundsätzlich durch irgendein Zugleich von Raum als Ausdehnung an sich bzw. zwischen sich und anderen Objekten, gleichviel, ob es solche grundsätzliche Raumform nun gerade wechselt oder beibehält.

Im Gegenteil tritt jenes Nacheinander Zeit bereits auf zweiter Stufe diesem Raumzugleich gerade gegenüber, und das heißt, ihm als der Nur noch Ausdehnung von Anschauung vielmehr entgegen als der Nur noch-Punkt eines Begriffs. Deswegen nimmt bereits von zweiter Stufe her jene Verzweifachung, worin der Schritt zur dritten Stufe hin auf jeden Fall bestehen muß, im Fall von solcher Zeit auch eine völlig andere Form an als im Fall von solchem Raum. Im Fall des letzteren als Nur noch-Ausdehnung von Anschauung führt dieser Schritt zu jener Ausdehnung in Ausdehnung eines Zugleich nach innen und nach außen und mithin zum Grundverhältnis von Substanz mit Akzidens oder von Ding mit Eigenschaft als Einheit des Objekts. Im Fall der ersteren als Nur noch-Punkt eines Begriffs dagegen hat jene Verzweifachung gerade jenen Punkt in Punkt des Urteils zum Ergebnis, das als Grundverhältnis von »Subjekt« und »Prädikat« nur Zeichen für das Grundverhältnis von Substanz und Akzidens ist und gerade nicht auch selbst ein Objekt in diesem Verhältnis, sondern ihm als Einheit des Objekts gerade gegenüber vielmehr Einheit des Subjekts.

Genau in diesem Sinne hatten Sie sich denn auch klarzumachen: Subjektiver Raum mit subjektivem Inhalt, wie wir sie auf zweiter Stufe nur durch Reflexion ermittelt haben, gehen auf dritter gänzlich über aufs erdeutete Objekt als objektiven Raum mit objektivem Inhalt, nämlich gänzlich in es ein und in ihm auf, indem sie in Substanz mit Akzidens oder in Ding mit Eigenschaft hier auch durch Deutung selbst »verwandelt« werden, wie Kant treffend sagt1'. Das heißt jedoch: Es wäre gänzlich sinnlos, davon auszugehen, als blieben dabei subjektiver Raum mit subjektivem Inhalt zusätzlich zu dieser Objektivität auch noch als eigene Wirklichkeit aufseiten jener Subjektivität zurück; denn da sie dabei vielmehr umgekehrt gerade dieser Objek­tivität zugrunde liegen, würden sie auf solche Weise unsinnig verdoppelt. Sinnvoll lassen sie als solche selbst sich eben nur durch Reflexion gewinnen, die als Nichtempirie aber prinzipiell nicht gleichzeitig mit solcher Empirie erfolgen kann, sondern nur abwechselnd mit ihr.

Zurück bleibt dabei vielmehr nichts als subjektive Zeit mit subjektivem Inhalt, eben Subjektivität, wie sie von erster bis zu dritter Stufe sich zu immer wieder neuem Punkt gestaltet, und das heißt: ausschließlich zeithaft. Denn bereits auf erster Stufe ist sie Nacheinander ja gerade darin, daß sie immer wieder neuer Punkt ist, nämlich Punkt, wie er als ständig mit sich selbiger sowohl wie zu sich anderer gerade durchwegs Punkt und Ausdehnung ineinem ist: genau nach unserem Modell dafür.

http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/Zeitmodell.htm

Als Nacheinander solchen Punktes aber liegt sich Subjektivität auf zweiter Stufe dann auch immer schon zu­grunde. Und so gilt zwar, daß sie hier auch noch zu Punkt und Ausdehnung gesondert wird, wobei sie trotzdem beides nach wie vor vereinigt ist; hier nämlich hat sie Ausdehnung nicht mehr bloß in sich, sondern auch noch außer sich und damit als die Nur noch-Ausdeh­nung des Raumes auch noch an sich ebenso wie vor sich, so daß sie durch ihre Zuordnung zu solcher Nur noch-Ausdehnung von Raum

6 Vgl. oben § 25, S. 783 ff.

 

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auch umgekehrt als Zeit sodann zum Nur noch-Punkt wird. Doch es gilt auch, daß sie hier sogar als dieser dann ein immer wieder neuer Nur noch-Punkt von Zeit ist wie ja auch als Nur noch-Ausdehnung von Raum hier eine immer wieder neue. Und so wird sie auch auf dritter Stufe - wo sich Subjektivität zu solchem Nur noch-Punkt nicht mehr bloß bildet, wie auf zweiter, sondern sich als solchen Nur noch-Punkt dann schon verwendet - rückbezüglich in sich selbst zu jenem Punkt in Punkt desgleichen nur als immer wieder neuem: eben zeithaft.

Daß infolgedessen nichts als subjektive Zeit dabei zurückbleibt, heißt dann aber weiter, daß auch nichts als objektive Zeit dabei aufs Objekt übergeht: indem sich nämlich Zeit als subjektive dann auf dritter Stufe auch noch gleichsam überträgt auf Raum als objektiven, um an ihm entlang sonach auch ihrerseits noch Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung zu werden und auf diese Art mit ihm vereint sonach auch ihrerseits noch Form des Objekts selbst. Nur wird es eben nicht so ohne weiteres verständlich, was im Fall von Zeit als subjektiver eine Ausdehnung zu Nur noch-Ausdehnung von Zeit als objektiver überhaupt bedeuten kann: nicht einmal dann, ja eigentlich gerade wenn sie in Vereinigung mit Aus­dehnung als Nur noch-Ausdehnung von objektivem Raum erfolgen soll.

Denn diesem liegt ja Ausdehnung als Nur noch-Ausdehnung von subjektivem Raum bereits von zweiter Stufe her zugrunde, die jedoch gerade als Erzeugung des genauen Gegenteils zur Zeit der ersten Stufe vor sich geht. Entsprechend ist die Möglichkeit für Aus­dehnung als Nur noch-Ausdehnung durch die von subjektivem Raum nicht nur bereits erschöpft, wie Sie schon wissen, sondern bleibt durch ihre Gegenteiligkeit zu Zeit als Möglichkeit für Zeit zunächst einmal auch unbegreiflich. Und tatsächlich tritt ja, wie Sie sich bereits verdeutlicht haben, Zeit in keinem Fall wie Raum als Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung eines Zugleich auf: auch nicht dann, wenn sie wie er zum objektiven auch noch selbst zur objektiven wird, sondern auch dann gerade nur als Ausdehnung im Sinn der Nur noch-Ausdehnung von Nacheinander. (Also nicht eine Ausdehnung von irgend etwas)

Daß dies nicht bedeuten könne, wie durch Raum bewege sich ein ruhendes Objekt durch Zeit, daß dies vielmehr bedeuten müsse, umgekehrt bewege Zeit gerade sich an einem ruhenden Objekt ent­lang und werde nur aus diesem Grund an einem seinerseits bewegten Objekt als Bewegung auch noch sichtbar, wird dann nämlich abermals zum Rätsel Zeit und bleibt es trotz der Lösung jenes ersten. Jedenfalls solange nicht des weiteren verständlich wird, wie Zeit als solche selbst, das heißt, als subjektive selbst auch noch zu objektiver werden kann, will sagen, wie es Zeit als solche selbst auch noch vermag, zu Ausdehnung als Nur noch-Ausdehnung sich auszudeh­nen, nämlich ohne selbst »zum Raum« zu werden. Und tatsächlich wird sie dadurch nicht zu dieser raum-spezifischen, sondern zu Aus­dehnung als Nur noch-Ausdehnung von einer Eigentümlichkeit, ja Einzigartigkeit, wie sie als zeit-spezifische in ihrer Schwierigkeit kaum überbietbar ist.

Denn daß sie dies vermögen muß, steht fest, weil objektive Zeit als Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung ja ohne Zweifel auftritt, nämlich so gewiß Bewegung eines Objekts je und je den sichtbaren Beleg dafür erbringt. (Das Praussche Geländer!). Doch wie sie das vermögen kann, läuft dann im Zuge unserer Deduktion von Systematik in der Tat auf eine Möglichkeit hinaus, die sich als einzige noch übrigbleibende sogar als eine derart eigentümliche und einzigartige ergibt, daß sie mit allen ihren Folgen auf den ersten Blick wie eine schlechthin abenteuerliche auf Sie wirken wird.

Denn war nicht jene subjektive Zeit als Punkt und Ausdehnung ineinem, nämlich als ein ständig mit sich selbiger wie zu sich anderer Punkt schon geisterhaft genug, als daß sie derart geisterhaft nicht nur als Innenwelt eines Subjekts, sondern auch noch als Außenwelt eines Objekts für ein Subjekt auftreten könnte und mithin geradezu leib­haftig geisterhaft? Und doch bleibt Ihnen, wollen Sie nur immer folgerichtig weiterdenken, keine andere Wahl, als sich auf dieses Abenteuer einzulassen; denn so abenteuerlich dadurch das Objekt selbst auf Sie auch wirken mag, - der eigentliche Abenteurer ist dabei das Subjekt selbst, weil es zu objektiver Zeit womöglich noch viel geisterhafter als zu subjektiver wird. Gemäß der Möglichkeit, die dafür dann als einzige noch übrigbleiben kann, muß ein Subjekt nämlich geradezu das Abenteuerlichste an Spagat vollführen, um aus sich selbst als subjektiver Zeit heraus auch noch zu objektiver Zeit zu werden.

Denn zum einen hat es, um auch noch zu Zeit als Ausdehnung im Sinn von Nur noch-Ausdehnung sich auszudehnen, bloß die eine Möglichkeit: Von seiner dritten Stufe her hat ein Subjekt dazu auf seine erste Stufe hin zurück- und damit sich als Zeit bis auf den

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Herleitung von Veränderung und ihres Grundes

Grund zu gehen, da es als Zeit auch überhaupt nur dort den Grund hat, nämlich nur von dort her ursprüngliche Zeit als Ausdehnung von Punkt ist, weil es dann auf zweiter wie auf dritter eben Nur noch-Punkt bzw. solcher Punkt in Punkt ist, wenn auch immer wieder neuer. Und zum andern hat es, um sich selbst als diese subjektive Zeit der Ausdehnung von Punkt auf erster Stufe dann auf dritter auch zur Ausdehnung im Sinn der Nur noch-Ausdehnung von ob­jektiver Zeit noch zu objektivieren, auch bloß die eine Möglichkeit: Den Ausdehnungsanteil an sich als dieser subjektiven Zeit hat ein Subjekt auf dritter Stufe von sich her sodann auf Anderes als sich hin zu übertragen.

Denn der Punktanteil an sich als dieser subjektiven Zeit kann dafür ja auf keinen Fall in Frage kommen. - Schon allein, weil er gerade das ist, was von erster Stufe her auf zweiter dann vielmehr zum Nur noch-Punkt wird, zum Begriff, und so auf dritter dann zum Punkt in Punkt des Urteils. - Doch erst recht, weil er als dieser Nur noch-Punkt bzw. Punkt in Punkt gerade das ist, was dabei zurück­bleibt, nämlich das Subjekt als dasjenige, was dabei sich selbst als Ausdehnung von subjektiver Zeit zu Ausdehnung von objektiver macht. Denn durch und für sich selbst gerade stellt es Ausdehnung von subjektiver Zeit und somit sich dabei als Ausdehnung von objek­tiver vor und damit sich als Zeit von Anderem als sich für sich: was denn auch nur auf Grund von Raum als jenem Hintergrund dafür erfolgen kann. Und dies führt dazu, daß dadurch ein Subjekt als ein Objekt ebenso wie auch ein Objekt als ein Subjekt vorgestellt wird, weil auf diese Weise ein Subjekt sich selbst bis dahingehend förmlich grätscht, daß es sich selbst in ein Objekt geradezu hineingrätscht. Und daß ein Subjekt auch nur als jener Ausdehnungsanteil an sich als subjektiver Zeit es überhaupt vermögen kann, sich selbst im Zuge solcher Grätsche ins Objekt zu übertragen, während ein Subjekt als jener Punktanteil an sich als subjektiver Zeit dabei zurückzubleiben hat, erklärt mithin, daß ebenso wie objektiver Raum auch objektive Zeit gerade ohne jeden Punkt auftritt, was bisher bloß als unerklärtes Faktum hingenommen werden konnte.

Nur daß Zeit, um auch noch ihrerseits als objektive, nämlich auch noch ihrerseits als Ausdehnung im Sinn der Nur noch-Ausdehnung, sprich, auch noch ihrerseits von Punkt gesondert aufzutreten, eben notwendig einer Vereinigung mit objektivem Raum bedarf. Denn keineswegs liegt objektiver Zeit als der objektivierten subjektiven

Subjektivität und Intersubjektiviläl

diese subjektive etwa ebenso wie objektivem Raum als dem objekti­vierten subjektiven dieser subjektive immer schon als Ausdehnung im Sinn der Nur noch-Ausdehnung zugrunde, sondern immer nur als Ausdehnung mit Punkt ineinem. Und so gilt, daß ebenso wie subjektiver Raum auch objektive Zeit aus subjektiver Zeit heraus zu Ausdehnung von Punkt gesondert und mithin zu Nur noch-Ausdeh­nung dann immer erst noch werden muß. Doch mit dem prinzipiel­len Unterschied, daß objektive Zeit gerade nicht wie subjektiver Raum dies immer schon auf zweiter, sondern immer erst auf dritter Stufe werden kann. Und so vermag sie eben immer erst mit immer schon als Nur noch-Ausdehnung erzeugtem Raum ineinem auch noch selbst zu Ausdehnung als Nur noch-Ausdehnung sich auszu­dehnen.

Genau in dieser Hinsicht der Notwendigkeit einer Vereinigung von objektiver Zeit mit objektivem Raum jedoch vermögen wir uns nicht nur das Intuitive jener Bilder von Spagat und Grätsche in das Diskursive von Begriffen einzulösen, sondern schließlich auch das Nichtgeheuer-Geisterhafte dessen, was sie uns vermitteln, noch zu bannen. Unserem Modell gemäß wirkt jene subjektive Zeit auf erster Stufe nämlich geisterhaft gerade dadurch, daß sie immer wieder nur als absolute oder innere Bewegung auftritt, weil sie schlechterdings substratlos bleibt. Denn dies bedeutet, daß es für intentio recta als »natürliches Bewußtsein« auf die Frage, was denn eigentlich da in Bewegung sei und was denn eigentlich da vor sich gehe, eine Ant­wort prinzipiell nicht geben kann.

Vielmehr ist eine Antwort darauf prinzipiell nur für intentio obli-qua als ein »unnatürliches Bewußtsein« möglich, das als Reflexion von Subjektivität auf sich in Gang nur kommt, indem sich Subjektivi­tät jenes Modell für sich erstellt. Und dieses geht gerade dahin, absolute oder innere aus relativer oder äußerer Bewegung zu gewin­nen, nämlich jegliches Substrat, sprich, jegliches Zugleich von Raum, das sie zu relativer oder äußerer ja überhaupt erst macht, so restlos aus ihr auszutilgen, daß als Rest von ihr nur Nacheinander Zeit als absolute oder innere Bewegung noch zurückbleibt. Und als das, als was dies Nacheinander Zeit dabei noch übrigbleibt - nämlich als Ausdehnung von Punkt, der ständig mit sich selbiger genausosehr wie zu sich anderer ist -, bleibt es auch nur um so geisterhafter, als bei dieser nur noch absoluten oder inneren gerade nicht mehr wie bei jener relativen oder äußeren Bewegung etwas gegen etwas sich


 


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bewegt, sondern nur etwas, eben eines und nicht etwa mehr als eines, das infolgedessen auch als dieses eine mit sich selbiges genausosehr wie zu sich anderes ist. (!!!!!)

Deswegen kann auch immer erst und immer nur in solcher Refle­xion auf sich begriffene Subjektivität dann wissen, was denn eigent­lich da in Bewegung ist und was denn eigentlich da vor sich geht. Wogegen Subjektivität, die als intentio recta und »natürliches Be­wußtsein« reflexionslos nur auf Objektivität sich richtet, hier vor einem Rätsel stehen muß, das sich in seiner Rätselhaftigkeit auch nur vollenden kann, wenn solche Subjektivität zuletzt auch Reflexion oder intentio obliqua noch als bloße rückgewendete intentio recta meint vollziehen zu können. Jene Geisterhaftigkeit von subjektiver nämlich überträgt sich voll und ganz auch noch auf objektive Zeit, wenn ein Subjekt den Ausdehnungsanteil an sich als subjektiver Zeit mit sich als objektivem Raum vereinigt, um in jedem Fall auf dritter Stufe ein Objekt sich zu ermöglichen.

Intentione recta = Denkrichtung gerade auf das Objekt

Intentione obliqua = Denkrichtung seitwärts

Intentio reflectiva (Prauss Seite 21) = Denkrichtung auf sich zurück

Denn durch Vereinigung von diesem Ausdehnungsanteil an sub­jektiver Zeit mit objektivem Raum wird subjektive Zeit zwar selbst auch noch zu objektiver Zeit, und nulldimensionale subjektive Zeit mithin auch noch zu eindimensionaler objektiver Zeit; doch keines­wegs in dem Sinn, daß sie dadurch etwa auch zu eindimensionalem objektivem Raum als Linie noch würde, wie Sie wissen. Diese Eindimensionalität von objektiver ist und bleibt vielmehr genau wie jene Nulldimensionalität von subjektiver Zeit, aus der sie allererst hervor­geht, eine gänzlich zeit-spezifische, weil objektive Zeit aus subjektiver ja nur dadurch überhaupt hervorgeht, daß sie objektivem Raum entlanggeht und zu Ausdehnung mithin auch immer nur entlang der Ausdehnung von objektivem Raum sich ausdehnt. Trotzdem näm-

7 Bis in Einzelheiten unseres Modells hinein läßt sich verfolgen, daß es keineswegs noch einen Rest von Raum enthalt. Nicht nur hat auszuschei­den, daß es noch ein restliches Zugleich enthielte, weil es ja in gar nichts anderem besteht als darin, dieses ohne Rest auf Punkt zurückzuführen. Vielmehr muß des weiteren entfallen, daß die Bewegung, die es zum Ergebnis hat, in irgendeinem Sinn Bewegung gegen etwas wäre. Nicht im mindesten gilt nämlich, daß sie etwa einen Hintergrund besitzen müßte, weil sie etwa nur vor ihm oder nur gegen ihn entstehen könnte. Wie denn auch nichts von der Kreide, die bei jener Zeichnung des Modells sich auf die Tafel aufträgt (vgl. oben Teil l, S. 365, Anm. 5), dabei etwa, gegen diese Tafel sich bewegen müßte, um als Zeichnung des Modells besondere Bewegung vorstellen zu können: Nur das Kreide-Stück in meiner Hand bewegt sich dabei gegen diese Tafel, das jedoch als solches auch gerade nicht zur Zeichnung des Modells gehört.

 

Subjektivität und Intersubjektivität

lich handelt es sich dabei nach wie vor ja nur um Übertragung jenes Ausdehnungsanteils an subjektiver Zeit als Ausdehnung von Punkt auf objektiven Raum, auf dem dann dieser Ausdehnungsanteil vor jenem Punktanteil, der dadurch je und je zum Punkt von Gegenwart wird, je und je auch noch zur Ausdehnung von Zukunft und Vergan­genheit wird. Nur entsteht eben genau so weit, wie objektiver Raum als ein Zugleich dafür schon zur Verfügung steht, der Schein, als ob auch Ausdehnung der Zukunft und Vergangenheit von objektiver Zeit dabei wie objektiver Raum als ein Zugleich noch gegenwärtig wäre, nämlich sozusagen »links von« oder »rechts von« Gegenwart. Wogegen Ausdehnung von Nacheinander objektiver Zeit als Zu­kunft und Vergangenheit dabei in Wahrheit vielmehr als die reine Geisterhaftigkeit mitgegenwärtig ist, als die sie fortlaufend dem Schein ihres Zugleich zuwiderläuft und damit lebhaft, doch vergeb­lich gegen ihn sich wehrt, indem sie sozusagen unter ihm lebendig eben abläuft.

Denn wie geisterhaft sie trotzdem ist und bleibt, das sehen Sie geradezu vor sich, wenn Ihnen deutlich ist und bleibt: Daß solche Ausdehnung von objektiver Zeit aus subjektiver Zeit, wie herge­leitet, immer schon im vorhinein erfolgen muß, bedeutet dann, daß solche Ausdehnung von objektiver Zeit auch jedes ruhende Objekt im vorhinein schon immer mitumgeben muß. Nur läßt es als ein ruhendes Objekt dann diese seine Mitumgebung auch gerade leer, so daß sie keineswegs etwa wie seine räumliche Um­gebung dann als seine zeitliche Umgebung auch noch sichtbar werden kann. Was sichtbar wird, ist vielmehr immer wieder nichts als etwas gegen etwas, nämlich nichts als objektiver Raum, will sagen: irgendein Objekt; und zwar auch dann, wenn dieses Etwas gegen Etwas sich bewegt anstatt zu ruhen und damit als Ereignis seine zeitliche Umgebung ausfüllt anstatt leerläßt. Denn auch das, was dabei als Veränderung oder Bewegung sichtbar wird, ist nichts als Übergang von objektivem Raum zu objektivem Raum in objektivem Raum, den objektive Zeit bloß unsichtbar und darin eben geisterhaft begleitet, weil sie sich, wenn auch an ihm entlang,

 


 


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Herleilung von Veränderung und ihres (Irimdes

so doch auch nur mit ihm einher und so auch nur spezifisch zeithaft ausdehnt*1.

 

Daß auf Grund von all dem ein Objekt für ein Subjekt von Grund auf als ein geisterhaftes Objekt in Erscheinung treten muß, kann Sie dann aber nicht mehr wundern, wenn ein Subjekt jenen Ausdehnungsanteil an sich als subjektiver Zeit auf sich als objektiven Raum zu übertragen hat, da es allein in Form von diesem objektiven Raum mit dieser durch ihn auch noch objektiven Zeit ineinem ein Objekt gewinnen kann. Denn solche notwendige Übertragung geht dann dahin, daß ein Subjekt überhaupt nichts anderes als sich selbst auf ein Objekt hin überträgt, weil übertragen muß, nämlich sich selbst als Subjekt, wenn auch eben nur als jenen Ausdehnungsanteil an sich als jener subjektiven Zeit. Infolgedessen kann ihm ein Objekt in Form von so erzeugter objektiver Zeit dann auch nur als ein objekti­ves Subjekt überhaupt erscheinen, sprich, unreflektiert-ursprünglich nur in dem Sinn: Dort ist etwas, das bewegt ist, auch wenn dies nicht sichtbar wird, und damit eben geisterhaft bewegt, nämlich auch dann schon, wenn es im Raum ruht, und so erst recht auch dann noch, wenn es sich im Raum bewegt; und dies muß ein Objekt sein, das ein objektives Subjekt ist, das immer in Bewegung ist, nämlich in innerer Bewegung ist, auch wenn es nicht in äußerer Bewegung ist. Genau in diesem Sinn ist jene Zeitkoordinate, nämlich jene Linie von Zeit als Raum, durch den hindurch sich angeblich auch noch ein im Raum ruhendes Objekt bewege, letztlich auch nur Darstellung dieser Bewe­gung eines Ruhenden als eines geisterhaft Bewegten. Denn »zum Raum wird hier die Zeit« für jenen Physiker ja nur, weil sie es ursprünglich-unreflektiert bereits von vornherein für jedes solche

*

8 Weshalb für Sie auch alles darauf ankommt, nach wie vor hier jeden Empi­rismus zu vermeiden, nämlich an der Einsicht festzuhalten: Ausdehnung von objektiver Zeit kann nur die Sache eines einheitlichen Extendierens sein und nicht etwa die eines zweiheitlichen »Retcnierens« und auch »Pro-tenierens«, weil ein jedes davon ersteres bereits voraussetzt. Und so ist als je und je ursprünglich ausgedehnte diese objektive Zeit denn je und je genauso ursprünglich auch als vergangene und als zukünftige schon immer gegenwärtige, weil auch nur je und je in Form von solcher objektiver Zeit sich je und je ein gegenwärtiges Ereignis als ein Wahrgenommenes für Wahrnehmung gewinnen läßt. Und weil all dies ihm immer schon zu­grunde liegen muß, kann jenes »Rctenieren« und auch »Profanieren« gegen­über diesem Extendieren dann auch immer erst ein Fall von Empirie sein, nämlich der Erinnerung an oder der Entartung von dergleichen.

 

Subjektivität und Intersubjektivität

Subjekt werden muß, ob nun mit oder ohne solche Darstellung, da es zunächst einmal zu gar nichts anderem als zu intentio recta als »natürlichem Bewußtsein« werden kann.

Davon nämlich, daß das eigentlich Bewegte dabei nur das Subjekt selbst als jene subjektive Zeit ist, deren Ausdehnungsanteil es dabei bloß auf objektiven Raum hin überträgt, hat dieses Subjekt als inten­tio recta oder als »natürliches Bewußtsein« dabei eben noch nicht die geringste Selbsterkenntnis. Und zwar deshalb nicht, weil dieses Sub­jekt von sich selbst als subjektiver Zeit und subjektivem Raum dabei nur jenes Selbstbewußtsein hat, das keineswegs schon Selbsterkennt­nis ist, weil es zum Selbstbewußtsein von sich vollständig gerade wird, indem es gleichermaßen vollständig zum Fremdbewußtsein der Er­kenntnis eines Anderen als sich wird: eines Objekts.

Dazu vollständig wird ein Subjekt jedoch gerade dadurch, daß es nicht nur sich als jenen subjektiven Raum zu objektivem, sondern auf Grund dessen auch noch sich als jene subjektive Zeit zu objektiver selbst objektiviert, wodurch es folglich als ein Selbstbewußtsein von sich selbst als innerer Bewegung jener subjektiven Zeit dann dieser objektiven auch zugrunde liegt. Und so ist das in solcher objektiver Zeit für ein Subjekt erscheinende Objekt auf Grund von solchem objektiven Raum dann zwar ein Anderes, auf Grund von dadurch auch noch objektiver Zeit jedoch ein Anderes gerade als ein anderes Subjekt und damit als ein objektives Subjekt. Denn als grundsätzlich in objektiver Zeit bewegtes kann ein Objekt - einerlei, ob es in objektivem Raum nun ruhen oder gleichfalls sich bewegen mag - für ein Subjekt aus sich als Selbstbewußtsein innerer Bewegung subjekti­ver Zeit heraus nur wie ein anderer Fall von sich erscheinen: nur wie andere innere Bewegung und sonach als objektive Zeit und damit objektives Subjekt, dem es selbst als subjektives Subjekt seines voll­ständig zum Fremd- gewordenen Selbstbewußtseins der Erkenntnis von ihm eben gegenübersteht9.

Kein Wunder also, daß ein solches Abenteurertum dann überall und immerfort zunächst einmal auf Geisterhaftes, ja auf Geister stößt. Entsprechend sollten Sie auch beides, mag es Ihnen seiner Herleitung nach auf den ersten Blick auch noch so ungeheuerlich

9 Mit subjektiver Subjektivität, die sich auf solche Weise wie von selbst ergibt, ist somit die gemeint, die jeweils ich für mich bin oder Sie für sieh sind, nämlich je als Selbstbewußtsein.


 


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/ lerleitung von Veränderung und ihres (irundes

erscheinen, deshalb nicht sogleich als unglaubwürdig abtun. Diese Herleitung ist nämlich wieder einmal nichts geringeres als die Erklä­rung für ein bisher unerklärtes Faktum, die wir ernstzunehmen haben, weil sie grundlegend für uns ist. Denn nach allem, was wir bisher wissen, gilt nicht nur phylogenetisch, sondern auch ontogenetisch und sonach in aufschlußreicher Weise übereinstimmend: Ob als phylogenetisch frühes oder als ontogenetisch junges, - jedes Subjekt nimmt zunächst einmal von jedem Objekt innerhalb eines magischen Weltbilds Kenntnis, oder, jedes Subjekt treibt zunächst einmal mit jedem Objekt Animismus.

Dies jedoch heißt überhaupt nichts anderes, als daß jedem Subjekt jedes Objekt auch zunächst einmal als objektives oder anderes Sub­jekt erscheint, was bisher um so rätselhafter ist und bleibt, als doch durchaus nicht jedes Objekt auch tatsächlich, faktisch, kontingent, will sagen, auch empirisch solch ein Subjekt ist. Vor einem Rätsel stehen hier denn auch gerade überzeugte Empiristen, weil die Lö­sung dieses Rätsels eben nur ein nichtempirischer Apriorismus sein kann, den sie desto weniger wahrhaben wollen, da er noch viel grundsätzlicher gelten muß, als sie für möglich halten können. Denn aus jenen Gründen, die wir hergeleitet haben, kann nur gelten: Wann und wo auch immer in Phylogenese oder in Ontogenese erstmals ein Subjekt sich bilden mag, - als solches selbst tritt ein Subjekt dabei von vornherein gerade so auf, daß es ein Objekt für sich von vornher­ein schon immer für ein anderes und damit für ein objektives Subjekt' hält. Weil, als ein Subjekt aufzutreten, und, ein Objekt als ein Subjekt aufzufassen, unserer Herleitung nach ursprünglich und notwendig dasselbe ist, tritt ein Subjekt an ein Objekt heran und so als ein Subjekt hervor gerade dadurch, daß es immer schon mit Animismus oder mit magischem Weltbild gleichsam vorprescht.

Daraus nämlich können Sie sich weiterhin erklären, daß es für ein solches Subjekt dann auch in der Tat zum Drama werden muß, als Subjekt nicht nur anzufangen, sondern auch noch aufzuwachsen, nämlich auch noch fortzufahren damit, jegliches Objekt zunächst einmal als anderes oder als objektives Subjekt anzusehen: phyloge­netisch ebenso wie auch ontogenetisch. Denn je danach, ob ihm solch ein Objekt auch tatsächlich, faktisch, kontingent, will sagen, auch empirisch als ein objektives oder anderes Subjekt begegnet, und wenn ja, wie ihm ein solches Subjekt dann begegnet, wird dies Drama zur Tragödie oder zur Groteske oder zur Komödie oder zur

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Subjektivität und Intersithjektii'itäl

Idylle und so weiter, wie aus eigenster Erfahrung jeder von uns zur Genüge weiß, soweit er sich zurückerinnern kann.

Das ursprüngliche Drama nämlich ist und bleibt hier immer schon das so hervor- wie auch herantretende einzelne Subjekt als solches, und das heißt, als jenes Selbst- wie Fremdverhältnis eines Intendie­rens von etwas für sich, von solchem also, das dann etwas für es nur sein kann, wenn es auch etwas Anderes als es ist, mithin ein Objekt für es. Und mag dann phylo- wie ontogenetisch solches Intendieren zunächst einmal auch noch so »primitiv« beginnen oder weitergehen, - als grundsätzliches Subjekt hält es ein Objekt zunächst einmal desgleichen für ein Subjekt und sonach desgleichen für ein Intendie­ren, wenn auch nur für ein entsprechend »primitives«, so daß sich das Drama solchen Intendierens auch von vornherein schon immer min­destens als Drama zwischen zweien abspielt.1"

Aber wohlgemerkt: genausosehr, wie immer schon von vornher­ein, zunächst einmal auch immer nur von vornherein, will sagen, ohne daß bloß dadurch etwa diese zwei sich auch bereits empirisch voneinander unterscheiden würden und sonach bloß dadurch etwa auch empirisch immer schon entschieden wäre, daß es sich dabei auch faktisch, kontingent, tatsächlich um das Gegenüber von Objekt als Subjekt für ein Subjekt handelt. Denn als solches ist dies Gegen­über vielmehr umgekehrt gerade dasjenige, was sich immer erst tatsächlich, faktisch, kontingent ergibt, - oder auch nicht, was sich in diesem Sinn empirisch aber eben nur ergeben kann, soweit es nicht­empirisch immer schon zugrunde liegt, so daß es dann auch immer erst Aposteriorität auf Grund von Apriorität ist. Denn genausogut kann sich auf Grund derselben Apriorität auch eine gänzlich andere Aposteriorität ergeben, nämlich daß es sich dabei tatsächlich, fak­tisch, kontingent und so empirisch zwar durchaus um etwas Anderes und damit um ein Objekt handelt, doch gerade nicht um ein Objekt als objektives oder anderes Subjekt für ein Subjekt, sondern als bloßes Objekt.

Auch als solches aber wird es für ein Subjekt dann zunächst einmal zum Subjekt und mithin zum Partner für es als das Drama jenes Intendierens, der es dann jedoch zunächst einmal gerade zur Tragö­die für ein Subjekt als den ursprünglichen Partner dieses Dramas werden läßt. Denn einem Subjekt wird ein solches Objekt dann zu

K) Vgl. hier schon unten S. 935, Anm. 19.

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/ farleitung von Veränderung und ihres (irundes

einem Partner, der ihm so begegnet, daß er seinem Intendieren nicht nur nicht entgegenkommt, sondern geradezu entgegentritt: weil die­ses Subjekt eben umgekehrt als Intendieren immer schon mit An­sprüchen an ihn herantritt und mithin auch deren absichtslose Nicht­erfüllung durch ihn dann nur als absichtliche Versagung von Erfül­lung durch ihn noch erleiden kann, so daß es sich als Drama der Absichtlichkeit seine Tragödie selber zuziehen muß.

Alle diese auffälligen und beachtenswerten Fakten aber werden Sie sich schlechterdings nicht anders zu erklären vermögen als aus jener Tiefendimension von Subjektivität, wie wir sie uns bis hierhin herge­leitet haben. Denn hervor tritt Subjektivität aus ihr heraus danach nur so, daß Subjektivität zum Fremd- werdenden Selbstverhältnis wird, das heißt: zum Fremd- werdenden Selbstbewußtsein der zur Fremd-  werdenden  Selbstverwirklichung, wodurch  sie insgesamt mithin gerade zur Intentionalität werdenden  Spontaneität wird. Kann sie dazu nämlich vollständig nur dadurch werden, daß sie sich zuletzt auch noch als subjektive Zeit zu objektiver Zeit objektiviert, weil sie nur dadurch sich in jedem Fall ein Objekt zu ermöglichen vermag, so kann sie eben darum auch ein jedes solche Objekt nur als etwas ansehen, das in seiner objektiven Zeit genau wie sie in ihrer subjektiven Zeit bewegt ist, nämlich als Intentionalität und damit seinerseits als Subjektivität, wenn freilich auch noch ohne Reflexion auf sie. Schon jedes im Raum ruhende Objekt muß dann, weil es sich in der Zeit bewegt, für solche Subjektivität auch seinerseits als solche Subjektivität erscheinen, und erst recht dann jedes, das sich nicht nur in der Zeit, sondern sogar auch noch im Raum bewegt, weil es dann nicht mehr nur latent, sondern sogar auch manifest für solche Sub­jektivität noch als Intentionalität erscheinen muß. Denn schlechter­dings undenkbar müßte Ihnen bleiben, daß es auch nur auf die »primitivste« Weise zur Erfahrung oder zum Erlebnis von etwas wie »Dieses hier und jetzt bereitet Lust« bzw. »Dieses hier und jetzt bereitet Unlust« für ein Subjekt kommen könnte, ohne daß es dabei als zum Fremd- gewordenes Selbstbewußtsein der empirischen Er­kenntnis eines Objekts für es immer schon zugrunde läge: folglich als ein ursprüngliches Zeit- und Raumbewußtsein im genannten Sinn, gleichviel, wann es phylogenetisch erstmals aufgetreten sein oder ontogenetisch erstmals aufzutreten pflegen mag.

Nur müssen Sie beachten: Dieses ursprüngliche Zeit- und Raum­bewußtsein bildet dabei eben Selbst- als Fremdbewußtsein der empi-

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Subjektivität und Intersubjeklwität

rischen Erkenntnis eines Objekts für ein Subjekt, das als Selbstbewußtsein dabei also auch gerade nicht etwa schon Selbsterkenntnis oder Selbstvergegenständlichung von sich ist. Deshalb kann dabei auch Zeit als solche selbst und Raum als solcher selbst noch über­haupt nicht Thema werden: nicht einmal als objektive Zeit bzw. objektiver Raum, geschweige denn als subjektive oder subjektiver, sondern eben nur in Form von objektiver Zeit und objektivem Raum ein Objekt für ein Subjekt als ein Fremd- gewordenes Selbstbewußt­sein der empirischen Erkenntnis von ihm. Thema werden können Zeit und Raum deswegen grundsätzlich nur durch den Austritt sol­cher Subjektivität aus diesem bloß »natürlichen Bewußtsein« der intentio recta und den Eintritt in das zusätzliche »unnatürliche Be­wußtsein« der intentio obliqua als der Reflexion auf jene; und zwar auch, wenn diese Reflexion zunächst einmal mißlingt, weil Subjekti­vität zunächst einmal intentio obliqua als bloß rückgewendete inten­tio recta vornimmt und auf diese Art zunächst einmal die fälschliche Verdinglichung von Zeit und Raum.

Nur wenn Sie dies beachten nämlich werden Sie dann auch verste­
hen, daß es gerade nicht mehr einfach nur intentio recta, sondern
schon mißlingende intentio obliqua ist, wenn ein Subjekt ein ruhen­
des Objekt zum ersten Mal als ruhendes erkennt. Denn dies erreicht
ein Subjekt erst, wenn es entdeckt: Was sich in diesem Fall bewegt,
ist keineswegs das Objekt als ein objektives Subjekt, sondern ist die
Zeit als solche selbst, die »kommt und geht«, nämlich »wie ein bewegtes Objekt«, nur daß diese Auffassung eben bereits verfehlt ist.
An ihr festzuhalten, muß ein solches Subjekt denn auch früher oder
später dahin führen, aus ihr fortzuschließen, daß im Fall eines beweg­
ten Objekts dann recht eigentlich auch zwei Objekte sich bewegen
müßten, und mithin Philosophie als Reflexion auf dieses Widersin­
nige erst recht in Gang zu setzen,
ob geschichtlich überliefert oder
nicht.                                                        

Doch so weit auch immer ein Subjekt mit ihr erst einmal fehlgehen mag, - mit seiner grundsätzlichen Einsicht, daß im Fall des ruhenden Objekts bewegt nicht das Objekt als objektives Subjekt ist, sondern die Zeit als solche, sieht es ohne Zweifel richtig. Und so schließt es denn auch alle weitere geschichtlich aufgebotene Philosophie als Re­flexion auf das entsprechend Sinnvolle an dieses grundsätzliche Wis­sen an und schreitet daraus endlich auch zur Einsicht in die Zeit als Subjektivität noch fort. Mit diesem grundsätzlichen Wissen nämlich

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/ lerleitung von Veränderung und ihres GmnJes

ist ein, wenn auch noch so frühes oder junges Subjekt gegenüber jedem Physiker bei weitem aufgeklarter, weil bei weitem philosophisch-reflektierter. Denn genau so weit, wie dieser dem Prinzip »Zum Raum wird hier die Zeit« entsprechend wider besseres Wissen ruhende Objekte als bewegte auffaßt, hält er letztlich nur auf seine Weise immer noch das magische Weltbild des Animismus aufrecht.

Dieser nämlich bleibt in jener - letztlich falschen - Darstellung durch jene Zeitkoordinate, und das heißt, durch jene Linie von Zeit als Raum gerade implizit und wird erst explizit, wenn solche Darstel­lung zurückgenommen wird. Dann nämlich könnte auch der aufs Objekt beschränkte Physiker nur noch vertreten, daß es sich dabei um eine unsichtbare, geisterhafte, innere Bewegung eines Objekts handle, die als Newtons »absolute« objektive Zeit sogar noch Eigenständigkeit als Sonderobjekt hätte.

Und so werden Sie denn spätestens an ihm auch nicht mehr über­sehen, wie weit gerade durchgeführte Empirie auf diese Weise in ein unauflösliches Dilemma zwischen Empirie und Nichtempirie der Phi­losophie als Reflexion gerät, nämlich bis zum Verlust der eigent­lichen Aufklärung von uns durch uns, weil eine Theorie des Ganzen eben nur unter Miteinbringung von uns als Nichtempirischem zum Naturalen als Empirischem gelingen kann, kurz: nur im Sinn von Welt und uns. Denn dieser eigentlichen Aufklärung von uns durch uns gemäß, die prinzipiell nicht Angelegenheit der Empirie, sondern ausschließlich der Nichtempirie als Reflexion auf Empirie und damit der Philosophie sein kann, sind wir gerade nicht nur einfach etwas Naturales unter anderem Naturalen. Angebliche Aufklärung, die sich und uns dergleichen einzureden trachtet, war und ist und bleibt auch weiter vielmehr das Verhängnisvollste, was der Mensch an Irrtum über sich gebracht hat und noch immer bringt. Verglichen damit steht uns eigentliche Aufklärung als Wahrheit über uns denn auch erst noch bevor, wenn anders sie desgleichen nur als eine Angelegen­heit des Wissens und nicht etwa bloß des Glaubens in Betracht kommt, weil sie sich als unsere nichtempirische Erkenntnis von uns selbst als jenem Nichtempirischen der Subjektivität nur mittels zurei­chender Argumentation erstellen kann, die uns noch immer aufgege­ben ist.

Und zur Erfüllung dieser Aufgabe gelangen werden wir auch nur, indem wir weiterhin an jene argumentative Herleitung uns halten, die unzweifelhaft ergibt: Aus seinem tiefsten Grund, nämlich aus sich

Subjektivität und Inlcrsubjcktivität

als subjektiver Zeit heraus, kann jedes Subjekt jedes Objekt ursprünglich auch nur als objektives, nämlich anderes Subjekt ansehen, - als ursprünglicher Geisterseher also auch nur ursprünglich Geistersehen mit ihm treiben. Mag es aber phylo- wie ontogenetisch sich auch noch so anfänglich gestalten, - selbst als anfänglichstes führt dies ursprüngliche Geistersehen ein Subjekt als ursprünglich Geisterseher zum Objekt als etwas Geisterhaftem und mithin etwas Magisch-Animistischem nur dann, wenn solch ein Objekt sich als solch ein Subjekt, als das es schon immer a priori angesehen wird nicht auch a posteriori einstellt, nämlich wenn es einem Subjekt, das es nichtempirisch als ein objektives oder anderes Subjekt ansieht nicht auch empirisch als ein objektives oder anderes Subjekt begegnet: Nur in solchen Fällen, wo ein Subjekt fortfährt, ein Objekt als objektives oder anderes Subjekt anzusehen, obwohl es keineswegs gleich einem wirklich-anderen Subjekt mit ihm in Kommunikation oder Interaktion tritt, wird ein Objekt etwas Geisterhaftes für Subjekt als den Magier oder Animisten zu ihm.

Denn in allen andern Fällen, wo ein Objekt als ein objektives oder anderes Subjekt, als das es a priori oder nichtempirisch durch Subjekt angesehen wird, sich auch a posteriori und empirisch für Subjekt einstellt, nämlich auch tatsächlich, faktisch, kontingent mit ihm kommuniziert oder interagiert, wird ein Objekt für ein Subjekt dabei auch schlechterdings nicht etwas Geisterhaftes, ist es für vielmehr etwas Geisthaftes, kurzum: ein Geist. Und den hat Subjekt dabei auch schlechterdings nicht etwa als ein Magier oder Animist vor sich, sondern auch seinerseits gerade als ein Geist. Nur kann es eben ein Objekt als etwas Anderes für sich auch dann, wenn dieses Objekt objektives Subjekt oder objektiver Geist ist, immer erst a posteriori vor sich haben, so daß etwas Anderes dadurch auch immer erst a posteriori Geist für Geist und Subjekt für Subjekt sein kann, wogegen ein Subjekt oder ein Geist je für sich selbst, nämlich als Selbstbewußtsein von sich selbst als subjektivem Subjekt oder subjektivem Geist vielmehr schon immer a priori Subjekt oder Geist sein muß". Und daran ändert sich auch dadurch nichts, daß solch Subjekt oder solch ein Geist als Intention schon immer a priori darauf ausgehen muß, Erfolg und damit ein Objekt als etwas anderes für sich gerade zu erzielen als ein objektives oder anderes Subjekt

11 Vgl. dazu oben S. 917, Anm. 9.


 


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l lerleitimg von Veränderung und ihres (Grundes

für sich und so als objektiven oder andern Geist für sich und so zuletzt als objektive oder andere Intention für sich.

Im Rahmen unserer Deduktion von Systematik finden dadurch denn auch zwei Probleme gleich auf einmal ihre Lösung, welche überdies den inneren Zusammenhang derselben aufdeckt: Was denn kann es für ein solches Subjekt eigentlich bedeuten, ein empirisches Objekt bzw. ein empirisches Subjekt für sich als die empirische Er­kenntnis von ihm zu gewinnen? Immer erst empirisch lernen nämlich müssen wir danach durchaus nicht etwa, daß ein Objekt oder etwas Anderes für uns auch einmal als ein objektives oder anderes Subjekt für uns auftreten kann. Denn dies ist vielmehr umgekehrt gerade dasjenige, was wir, um ein Objekt überhaupt erzielen zu können, einem Objekt für uns auch schon immer aus uns selbst heraus zu­grunde legen müssen, so daß es bezüglich dieses Grundsätzlichen am Objekt für uns dann überhaupt nichts Neues mehr zu lernen geben kann. Entsprechend gilt vielmehr genau das Umgekehrte: Immer erst empirisch lernen müssen wir danach gerade, daß ein Objekt oder etwas Anderes für uns auch einmal als ein objektives oder anderes Objekt für uns auftreten kann und damit als ein bloßes Objekt sozusagen auch ein objektives Objekt für uns ist, da wir ihm derlei keineswegs schon immer aus uns selbst heraus zugrunde legen können. Denn auf keine Art vermögen wir uns von dergleichen etwa aus uns selbst heraus schon immer eine Vorstellung zu machen, eben weil wir nicht nur subjektiven Raum, sondern auch subjektive Zeit dabei aus uns heraus schon immer zu objektivieren haben. Und so ist denn auch von aller bitteren Erfahrung, die wir in Gestalt empiri­scher Erkenntnis machen müssen, letztere die bitterste und darum späteste: Ein objektives Objekt ist als prinzipielle Unbekümmertheit um ein Subjekt, ja Gleichgültigkeit gegen ein Subjekt die Regungslosigkeit schlechthin, ob nun als Ruhe oder als Bewegung, weil es eben nach Naturgesetzlichkeit und nicht nach Geistgesetzlichkeit in Ruhe oder in Bewegung ist. Selbst allerspäteste Erfahrung davon aber ist noch immer nicht als diese allerbitterste gemacht, was sich denn auch sogar an heutiger als vorerst spätester Physik noch immer zeigt, wie Sie gesehen haben.

Und warum?

Nur weil die Ahnungslosigkeit und damit die Verlegenheit bezüg­lich Zeit noch immer fortbesteht: Zum wahrhaft objektiven Objekt wäre man erst durchgedrungen, wenn man eingesehen hätte, daß ein

 

Subjektivität und Intersub/ektii'ität

ruhendes Objekt sich schlechterdings nicht mehr bewegt12, weil es in seinem Fall nur Zeit als Subjekt noch bewegt. Erst dadurch also: daß man damit nach der einen Seite bis zum wahrhaft subjektiv Subjekt vorgestoßen wäre, wäre man auch nach der ändern Seite bis zum wahrhaft objektiven Objekt vorgedrungen, was dem Physiker als dem Empiriker jedoch verwehrt bleibt, weil es vorbehalten dem Philosophen als dem Nichtempiriker der Reflexion. Nur eine Zusammenarbeit zwischen ihnen kann denn auch nach beiden diesen Seiten voll zu jenem Ganzen führen, zu Welt und uns, indes ein Physiker für sich allein nach jeder dieser Seiten dann auf halbem Weg zu diesem Ganzen stecken bleiben muß, wie dies an seiner Auffassung des ruhenden Objektes offenkundig wird. Statt als das schlechhin objektive, eben schlechthin unbewegte Objekt, faßt er es vielmehr noch immer magisch-animistisch als ein subjektives Objekt oder (was sich aber gleichbleibt) als ein objektives Subjekt auf, das sich, auch wenn es im Raum ruht, bewege, nämlich in der Zeit als objektiver, die er aber eben als objektivierte subjektive nicht mehr einzusehen vermag. Und so verhält es sich denn ganz wie ein tatsächlich subjektives Objekt oder objektives Subjekt, das sich in der Tat auch dann noch, wenn es seinem Körper oder Leib nach ruht, bewegt, nur eben bloß als subjektive Zeit des Intendiercns, welche zur objektiven Zeit des Intendierten denn auch bloß objektiviert indem es sie auf objektiven Raum des Intendierten überträgt.

Da dies dann aber wechselseitig gelten muß, vom subjektiven Subjekt ebenso wie auch vom objektiven Subjekt oder subjektiven Objekt, muß aus diesem seinem tiefsten Grund heraus auch jedes davon jedes Andere als sich dann immer schon als anderes Subjekt oder anderen Geist und so als objektives Subjekt oder objektiven Geist für sich zugrunde legen. Und genau in diesem Sinn muß denn auch keines davon etwa immer erst empirisch lernen, daß ein Objekt oder etwas Anderes für es auch einmal als ein anderes oder objektives Subjekt oder als ein anderer oder objektiver Geist für es auftreten kann, weil es gerade umgekehrt aus seinem tiefsten Grund heraus

12 Und mindestens bezüglich seiner selbst ist jedes physikalische Objekt Ruhe, was von Physikern jedoch nur ausnahmsweise einmal ausgespr dien wird. Vgl. etwa L.W. Lpstein, Relativitätstheorie anschaulid-j darj. stellt, 2. Aufl. Basel 1988, S. 103; ders., E/istc-ms Physikstunc 2. Aufl. 1989, S. 525.


 


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genau in diesem Sinn schon immer auf ein Objekt als ein Subjekt auszugehen hat. Immer erst empirisch lernen muß dann jedes davon vielmehr nur, wie ein Objekt tatsächlich, faktisch, kontingent als solch ein Subjekt oder solch ein Geist auftritt, will sagen: wie es sich tatsächlich, faktisch, kontingent als Subjekt oder Geist verhält. Als solche selbst muß Subjektivität infolgedessen a priori immer schon auf Intersubjektivität ausgehen, nämlich recht eigentlich auf Inter –Sub-jektivität und nicht etwa auf Interobjektivität, die sie vielmehr gerade umgekehrt dann immer erst a posteriori hinzunehmen hat.

Im Zuge unserer Deduktion von Systematik aber wird auf diese Weise nachweisbar, daß es kein Wunder ist, wenn das Problem der Intersubjektivität, wie es bisher, falls überhaupt, gestellt zu werden pflegt, bisher auch ohne Lösung bleiben muß: Wie es für ein Subjekt ein anderes Subjekt denn überhaupt soll geben können, da empi­risch-wahrnehmbar für ein Subjekt doch immer nur ein Objekt ist, wogegen ein Subjekt für ein Subjekt gerade nicht empirisch-wahr­nehmbar ist, und zwar einerlei, ob nun es selbst oder ein anderes als es selbst - dergleichen als Problem auch nur zu stellen, heißt nämlich schon, die Sache auf den Kopf zu stellen. Und ganz danach ist denn auch nichts absurd genug, als daß man ihm nicht aufsäße, um hier zu »Lösungen« zu kommen: ob nun positiv, wie beispielsweise Husserl,'' oder negativ, wie mittlerweile überwiegend üblich, wonach so etwas wie ein Subjekt als eine eigene nichtempirische wie auch nicht-naturale Wirklichkeit zu leugnen sei. Denn darüber, ob etwas wirk­lich ist, entscheide doch unzweifelhaft, ob etwas natural-empirisch wirklich, nämlich wahrnehmbar ist: jene grundverfehlte Aufklärung im Sinn von Empirismus als Naturalismus und Physikalismus. Nur daß dies Absurde bloß die Kehrseite zu jenem ist, weil beides bloß auf jenem selbstgemachten Scheinproblem, nämlich auf jener fälschlichen Voraussetzung beruht: Es trete etwas Anderes für ein Subjekt zunächst einmal als bloßes natural-empirisches Objekt auf, so daß problematisch werden muß, wie etwas Anderes für ein Subjekt denn jemals auch noch als ein anderes Subjekt und damit auch noch als etwas Nichtnaturales oder Nichtempirisches auftreten könne. Wo­hingegen doch in Wahrheit das gerade Umgekehrte gilt, was sich

13 Was primär und sekundär hier an Absurdität sich abspielt, geht für Sie hervor aus M. Kozlowski, Die Aporieti der Intersubjektivität, Würzburg 1991.

Subjektivität und Intersubjektiviläl

denn auch an jenem Animismus in Phylogenese und Ontogenese zeigt, daß nämlich etwas Anderes für ein Subjekt zunächst einmal nur als ein anderes Subjekt auftreten kann und so als etwas Nichtem­pirisches oder Nichtnaturales. Eben daher kann sich immer erst auf Grund von ihm als immer schon Zugrundeliegendem dann auch noch etwas Naturales und Empirisches für ein Subjekt ergeben: sei es als ein objektives Subjekt oder subjektives Objekt, nämlich als ein ande­res Subjekt, sei es zuletzt auch nur als bloßes oder objektives Objekt, was indes noch immer nicht begriffen ist, wie Sie jetzt sehen müßten.

Und warum?

Nur weil die Ahnungslosigkeit und damit die Verlegenheit bezüg­lich Zeit noch immer nicht behoben ist: Bis heute unbegriffene Zeit ist überhaupt nichts anderes als bis heute unbegriffene Subjektivität, im Fall der objektiven ganz genauso wie im Fall der subjektiven, weil doch objektive Zeit im Grunde nichts als objektive Subjektivität ist, wie auch subjektive Zeit im Grunde nichts als subjektive Subjektivi­tät, die sich zu objektiver eben zu objektivieren hat, um ein Objekt als etwas Anderes für sich gewinnen überhaupt zu können. Und objektiviert sie somit zum Objekt zuletzt nichts anderes als sich, die subjektive Zeit als subjektive Subjektivität und subjektiven Geist, so kann sie zum Objekt zunächst auch überhaupt nichts anderes als subjektive Zeit gewinnen, nämlich objektive Subjektivität als objekti­ven Geist. Dies aber auch nur so, daß solchem Objektiven eben objektiver Raum zugrunde liegt, weil subjektive Zeit sich überhaupt nur dadurch, daß sie sich auf Ausdehnung von objektivem Raum hin übertragen läßt, auch selbst zu Ausdehnung von objektiver Zeit objektivieren läßt.

So aber ist es dann auch stets nur objektiver Raum, was gegen objektiven Raum durch objektive Zeit hindurch in demnach äußerer Bewegung oder Ruhe ist. Infolgedessen wird dabei gerade nicht empirisch-wahrnehmbar, ob dabei dann tatsächlich, faktisch, kontin­gent auch subjektive Zeit noch innerhalb von objektiver, nämlich innere Bewegung innerhalb von äußerer Bewegung oder Ruhe mit im Spiel ist, eben Intention, die für ein Subjekt ja genausowenig wie an einem solchen Anderen als sich auch nicht an sich empirisch-wahr­nehmbar wird.

Und so bleibt in jedem Fall, wo ein Subjekt dies vielmehr nichtempirisch-a priori aus sich selbst heraus schon immer Unterstellte am Objekt empirisch und a posteriori immer erst zurückzunehmen hat,


 


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\\erleitungvon Veränderung und ihres Grundes

dann auch tatsächlich, faktisch, kontingent bloß objektive Zeit des bloßen objektiven Objekts noch zurück, so daß es dabei auch zu bloßer Interobjektivität bloßer Zweisamkeit zwischen Subjekt und Objekt kommt. Dagegen tritt in jedem Fall, wo ein Subjekt dies nichtempirisch-a priori aus sich selbst heraus schon immer Unter­stellte am Objekt empirisch und a posteriori keineswegs zurückzu­nehmen hat, sondern gerade aufrechtzuerhalten in der Lage ist, dann auch tatsächlich, faktisch, kontingent in objektiver Zeit vielmehr noch subjektive Zeit als Objekt für ein Subjekt auf und damit eben als ein anderes Subjekt für es, indem es mit ihm in Kommunikation oder Interaktion tritt, so daß sich für es auch einstellt, worauf es schon immer ausgeht: Intersubjektivität als Intersubjektiuität und damit Zweisamkeit zwischen Subjekt und Subjekt.

Auf der Grundlage von ihr jedoch wird jene bloße Interobjektivitat als bloße Zweisamkeit zwischen Subjekt und Objekt auch noch zur begründeten, nämlich zur Drei- und Mehrsamkeit von intersubjektiver Interobjektivität, sofern sich ein Subjekt mit anderen Subjekten in empirischer Erkenntnis solcher Objektivität auf sie zu einigen vermag bis hin zur Wissenschaft von ihr: zuletzt mit Einstein auf die radikale Relativität von objektiver Zeit, - wenn auch noch immer nicht ganz ohne jeden Überrest von magisch-animistischem Objekt als subjekti­vem Objekt oder objektivem Subjekt innerhalb von objektiver Zeit. Zu ihr vermag ein jedes Subjekt eben immer wieder nur aus sich als subjektiver Zeit heraus zu kommen und mithin zu einem nur noch objektiven Objekt innerhalb von ihr auch nur noch mittels zusätzli­cher nichtempirischer Erkenntnis der Philosophie als Reflexion auf sich als subjektives Subjekt.

Und so ist denn auch ein jeder Fall, wo Subjektivität zu dieser Intersubjektivität gelangt, dann immer wieder nur ein solcher Fall, in welchem Subjektivität als jener ursprüngliche Geisterseher sozusa­gen Recht bekommt mit ihrem ursprünglichen Geistersehen, indem sie dabei objektiven oder anderen Geist als objektive oder andere Subjektivität auch faktisch, kontingent, tatsächlich vor sich hat. Und zugespitzt bedeutet das: Ein jeder Fall, in dem Sie einen anderen Geist als anderes Subjekt vor sich haben, weil Sie mit ihm auch tatsächlich, faktisch, kontingent in Kommunikation oder Interaktion stehen, ist danach ein Fall, in dem Sie dieses Subjekt oder dieser Geist auch nur tatsächlich, faktisch, kontingent davor bewahrt, in Animismus oder in magisches Weltbild zu verfallen. Denn auch nur,

 

Subjektivität und Intersubjektivität

weil Ihnen dieses Subjekt oder dieser Geist dabei mit Geistersehen als Geisterseher immer schon entgegenkommt, sind Sie mit Gcister-sehen als Geisterseher gegenüber ihm im Recht, und umgekehrt.

An solcher objektiver oder anderer Subjektivität als solchem ob­jektiven oder anderen Geist jedoch ist dann auch überhaupt nichts geisterhaft, daran ist vielmehr alles geisthaft, eben zeithaft: ganz genauso wie bereits an subjektivem Geist als subjektiver Subjektivi­tät, weil hier wie dort auch beides nichts als subjektive Zeit des Intendierens ist. So wahr es Zeit gibt also gibt es Geist als Subjektivi­tät, und umgekehrt. Ja geisterhaft ist solcher Geist als solche Subjek­tivität sogar so wenig, daß sie vielmehr umgekehrt geradezu wahr­haftig geisthaft oder zeithaft ist, indem sie nämlich auch leibhaftig geisthaft oder zeithaft ist: als die Leibhaftigkeit solcher Geisthaftigkeit oder Zeithaftigkeit mithin auch Subjektivität als die Lebendig­keit schlechthin. Denn da sich subjektive Zeit zu objektiver Zeit ja immer wieder nur auf Grund von objektivem Raum objektivieren läßt, kann so etwas wie Geist und Subjektivität für andern Geist und andere Subjektivität als etwas Nichtcmpirisches oder Nichtnaturales dann auch immer wieder nur ineinem mit etwas Empirischem und Naturalem überhaupt zu etwas Wahrnehmbarem werden, eben immer wieder nur als Körper oder Leib von Geist oder von Subjekti­vität. Und dies so sehr, daß Natural-Empirisches zum nur noch objektiven Objekt für ein Subjekt oder einen Geist auch immer wieder erst noch werden kann, nämlich soweit sich solch ein Subjekt oder solch ein Geist dazu verstehen muß, den immer schon darin gesehenen Geist und damit sich als Geisterseher und als Geistersehen zurückzunehmen.

Bis zum Ärgernis absurd ist es denn auch, zu meinen: Als leibhafti­ges, nämlich als objektives Subjekt oder subjektives Objekt trete Geist für Geist gerade umgekehrt nur dadurch auf, daß er durch einen Geist oder durch ein Subjekt »in« solch ein objektives Objekt immer wieder erst noch »eingefühlt« bzw. »auf« solch einem objekti­ven Objekt immer wieder erst noch »aufgebaut« wird14. Denn bloß dadurch, daß er vielmehr abgebaut bzw. ausgefühlt wird, tritt für ein Subjekt oder für einen Geist so etwas wie ein nur noch objektives Objekt überhaupt erst auf, weil umgekehrt gerade Geist als Zeit schon immer in der Welt ist.

(das heißt, innerhalb menschlicher Erkenntnis!!!)

14 Vgl. dazu oben S. 926, An m. 13.

 


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Und so wird es auch womöglich noch absurder, angesichts von Natural-Empirischem, das angeblich doch nichts als objektives Ob­jekt innerhalb von nichts als objektiver Zeit ist, objektiven Geist zu leugnen, nämlich sich ganz einfach dumm zu stellen: auch beim besten Willen habe man dergleichen nie gesehen. Wo doch jeder solche Leugner ohne objektive Zeit als objektiven Geist dies Natural-Empirische nicht einmal als dies objektive Objekt zu Gesicht bekom­men könnte, ganz zu schweigen von ihm selbst als subjektivem Geist der subjektiven Zeit des Leugnens, weil er dabei überhaupt nichts anderes als sich zu objektivem selbst objektiviert.

Erst recht absurd ist es denn auch, sich angesichts von solcher Geistesnot auf das empirisch-faktische Bestehen einer »Kommunika­tionsgemeinschaft« zu berufen oder es sogar zum »Apriori« auszuru­fen1", mag es dann als eine »apriorische Aposteriorität«_ auch an . Absurdität sich kaum noch überbieten lassen: So als habe man noch nie etwas davon gehört, daß jedes solche »Frühere für uns« gerade nicht auch schon das »Frühere der Sache nach« ist, sondern etwas anderes, aus dem es als das vielmehr »Spätere der Sache nach« gerade erst noch herzuleiten ist16. Doch taub dagegen stellt man sich nur allzu gern, um dafür desto lauter mit den Wölfen der sozialen Ideolo­gien zu heulen. Eben daher denn auch die Verrufung von Philosophie der Subjektivität als der des einzelnen Subjekts, das dadurch angeb­lich zum »einsamen« verfälscht wird; während doch in Wahrheit erst aus ihm als »Früherem der Sache nach« sich jene Intersubjektivität, die ebenfalls nur die der einzelnen Subjekte ist, als dieses »Frühere für uns«, doch »Spätere der Sache nach« erklären läßt. Und einzelnes ist jedes davon immer schon aus sich heraus, nämlich indem es subjektive Zeit gerade dadurch ist, daß es zu ihr sich selbst verzeit-licht und mithin sich selbst vereinzelt.

Denn finden wir uns auch tatsächlich, faktisch, kontingent in Kom­munikation oder Interaktion mit anderen Subjekten vor, so doch auch nur, weil jeder von uns aus sich selbst als einzelnem Subjekt heraus schon immer a priori ausgeht auf ein anderes einzelnes Sub­jekt. Und so ist aus sich selbst als einzelnem Subjekt heraus gerade keiner von uns etwa a priori einsames Subjekt, sondern gerade jeder von uns a priori mindest zweisames Subjekt, nämlich allein schon

15      Vgl. dazu oben Teil l, S. 17ff., S. 7()ff.

16      Vgi. Aristoteles, z.B. Zweite Analytiken 71 h 33ff.

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seiner vollständigen Intention nach. Nur vermag sich eben der Erfolg genauso wie der Mißerfolg zu solcher Intention dann immer erst a posteriori und empirisch einzustellen, so daß dies alles auch nur nichtempirisch-a priori sich verständlich machen läßt: aus jener Tie­fendimension der Wirklichkeit von Subjektivität als Zeit heraus, nämlich durch Reflexion auf sie, die niemals wahrzunehmen ist, die vielmehr immer nur zu denken gibt.

Von derlei aber will man heutzutage nichts mehr wissen, derlei meint man mittlerweile vielmehr ein für alle Male hinter sich zu haben. Und so läßt man »trans«- und »post«- und »nach«-Präfixe sich auch nur so jagen, um mit ihnen sich moderner als modern zu geben, nämlich alles, nur nicht zuzugeben, daß man damit dann auch nichts mehr vor sich hat, oder auch nur zu schweigen, wie es eigentlich geboten wäre. Denn die Zeiten, da man ehrlich schweigen mochte, wenn man nichts zu sagen hatte, sind nach solchen Spiegelfechte­reien allerdings vorbei. Im Gegenteil - so sucht man sich und andern vorzugaukeln: Daß man nichts zu sagen hat, dies liege doch nur daran, daß es nichts zu sagen gibt, und dies läßt sich natürlich munter weiter sagen.

Davor sollten Sie denn auch die Ohren und die Augen nicht ver­schließen: Was für ein Theater - inszeniert von wem auch immer, Geist als Schau-Spieler der eigenen Unwirklichkeit zu erleben, der für Wirklichkeit ausschließlich die Natur als Nichtgeist ausgibt und sich selbst mithin als Ungeist aufführt, dem Gedankenlosigkeit für Auf­geklärtheit gilt: nur wegen seiner Ahnungslosigkeit, daß er mit all der Zeit, die er dazu verschwendet, ständig den Beleg fürs Gegenteil davon verschleudert - Zeit-Geist oder Geist der Zeit des folgen­schwersten Selbstverlustes.

Doch in Wahrheit hätten wir die eigentliche Aufklärung von uns durch uns noch immer vor uns, stünden wir vielmehr als Zeit des Geistes oder Geist-Zeit uns noch immer erst bevor, weil wir als solche uns gewinnen eben überhaupt erst könnten, wenn wir uns als Geist der Zeit oder als Zeit-Geist hinter uns gelassen hätten. Denn so wenig sind auch wir nur Naturales unter Naturalem, das bloß leibt und lebt wie anderes auch, daß wir vielmehr sogar Natur als solche selbst nicht einfach nur als Nichtgeist fassen können. So gewiß wir nämlich phylo- und ontogenetisch aus Natur entstanden sind und immer wieder aus Natur entstehen - wenn auch als Geist nicht einfach nur heteronom, sondern gerade autonom, indem wir uns auf

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Grund von ihr als dem Vermögen zu uns selbst verwirklichen -, so sicher muß auch gelten, daß Natur aus sich heraus genau in diesem Sinn zu Geist als dem Verhältnis zu sich selbst befähigt war und ist und bleibt.

Als dieser nämlich sind wir dann gerade nicht einfach nur gleich­falls naturale Wirklichkeit, sondern als Wirklichkeit der Selbstver­wirklichung vielmehr auch noch Erfahrung als empirische Erkenntnis naturaler Wirklichkeit und damit Geist. Denn der bekannte Schluß von Wirklichkeit auf Möglichkeit gilt auch für Wirklichkeit der Selbstverwirklichung. Infolgedessen muß Natur für uns, die wir aus ihr hervorgegangen sind, zumindest dieser Möglichkeit nach auch noch Geist sein, der gerade dann auch nicht einfach auf uns be­schränkt sein kann, der vielmehr eben danach weit umfassender sein muß. Und so ist eben daher wohlbegründet, daß wir unsererseits dann aus uns selbst heraus auch eines Gottes fähig werden. Mochte dieser sich zwar phylo- und ontogenetisch anfänglich von jenem subjektiven Objekt oder objektiven Subjekt für uns gleichfalls noch nicht unterscheiden, so daß sich auch Mythos oder Religion als unser Umgang mit ihm von Magie und Animismus dabei noch nicht unter­scheiden konnte, so vermochten wir mit Gott zuletzt doch immerhin als reinem Geist noch umzugehen. Denn zumindest eine Strecke weit nach einer Seite bis zum objektiven Objekt und nach anderer Seite bis zum subjektiven Subjekt vorzudringen, führt zuletzt notwendig bis zur Reflexionserkenntnis: Letzteres hat auch noch für das objektivste Objekt dessen objektiven Raum und objektive Zeit aus sich als sub­jektivem Raum und subjektiver Zeit her beizusteuern. Diese Einsicht aber muß am Ende so weit gehen, als Grund für Subjekt und Objekt im Ganzen dann auch etwas Überzeitliches und Überräumliches und somit etwas Überkörperliches oder Überleibliches und darin Über­lebendes noch mindestens im Geist der Reflexion zu denken.1

Auch als Abschaffung von Mythos oder Religion ist Aufklärung sonach zuletzt nur Niedertracht, Naturalismus nämlich, der durch Anschaffung von Ideologien nur erbärmlich-dürftig seinen Nihilis-

17 Diesbezüglich sollten Sie jedoch beherzigen, daß heutzutage Physiker es sind, die aus Physik heraus dergleichen m Erwägung ziehen und damit stellvertretend für die müd gewordenen Philosophen auch noch das Philo­sophieren übernehmen. So z.B. B. d'Espagnat, Auf der Suche nach dem Wirklichen, Berlin 1983, S. 100f., S. 132f., S. 169f.

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mus zu bemänteln trachtet. Mögen Religion und Mythos nämlich wie auch immer mit Gott umgegangen sein - und dem entsprechend mit dem Menschen, worin jene Ideologien sich von ihnen aber alles andere als unterscheiden -, waren sie im Unterschied zu jenen Ideo­logien doch gewiß nicht Religionen oder Mythen ohne Grund. Und dieser weiterhin vorhandene Grund für sie liegt eben darin, daß zumindest wir gerade nicht einfach Natur sind, sondern eben Geist in ihr als Körper oder Leib von einzelnen Subjekten. Und so ist ein jeder von uns auch gerade nicht einfach nur Naturales unter Naturalem, das bloß leibt und lebt wie anderes auch (denn das Organische daran ist Gegenstand von Biologie oder Physiologie), sondern er leibt und lebt vielmehr als Geist, nämlich als Zeit der ursprünglichen Wirklichkeit von Selbstverwirklichung zum Intendieren wie am Ende eben auch zum Intendieren eines Gottes noch. Und da für uns als diese Wirklichkeit der Selbstverwirklichung sich alle Wirklichkeit von Anderem doch immer erst als ein Erfolg durch uns ergeben kann, durch Intendieren eines Intendierten, so ist darüber, daß auch ein Gott im wohlverstandenen Sinn von jener Möglichkeit zu dieser Wirklichkeit für uns allein durch uns gelangen kann, das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Denn solange nicht einmal verstanden ist, daß eigentlich zusammen eben Geist und Zeit gehört anstatt berauntes Neutrum, das sich vielmehr gleichfalls immer erst ergeben kann, steht uns die eigentliche Aufklärung auch diesbezüglich noch bevor.

Nur kann, wenn er so weitermacht, der Zeit-Geist freilich diese eigentliche Aufklärung auch leicht versäumen.

Wielange sie jedoch auf sich auch warten lassen mag, - solange Zeit nur immer noch entsteht genausowie vergeht, solange fordert Zeit auch weiterhin noch diese eigentliche Aufklärung geradezu her­aus. Denn als Subjekt oder als Geist drängt Zeit sich förmlich auf, sobald sie durch ein Subjekt am Objekt als solche selbst, eben als objektive Zeit nicht nur entdeckt, sondern nach Wesen und nach Ursprung dann auch noch befragt wird, wie seit Zenon. Dadurch nämlich gibt sie sich als Subjekt oder Geist im Grunde auch schon zu erkennen, pflege man gerade darin sie auch noch so lange zu verken­nen, wie bis heute. Denn befragt danach, schlägt objektive Zeit als objektive Ausdehnung seit Zenon jedesmal mit einer Inständigkeit, die an Auffälligkeit nichts zu wünschen übrigläßt, sofort zu objekti­vem Punkt um, wie Sie wissen.


 


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Herleilung von Veränderung und ihres Grundes

Damit aber führt sie seihst geradezu den Nachweis dafür, was wir uns zuletzt noch systematisch deduzieren konnten: Objektive Zeit als objektive Ausdehnung vermag für ein Subjekt nur dadurch aufzu­treten, daß es jenen Ausdehnungsanteil von subjektiver Zeit auf objektive Ausdehnung von objektivem Raum hin übertragt, indem es damit letztlich sich als Subjekt ins Objekt hineinträgt. Deshalb muß ein Subjekt ein Objekt zunächst einmal auch für ein anderes Subjekt halten, nämlich für ein subjektives Objekt oder objektives Subjekt, das als Intention sich wie es selbst in Zeit bewege, einerlei, ob es in Raum nun in Bewegung oder Ruhe sei. Indem ein Subjekt nämlich nur den Ausdehnungsanteil, das heißt, gerade nicht auch noch den Punktanteil an sich als subjektiver Zeit »auf objektiven Raum hin übertragen kann, vermag es sich dabei auch immer bloß zur einen Hälfte ins Objekt hineinzutragen, denn zur andern Hälfte hat es dabei ja als Punkt in Punkt des Urteils über das Objekt zurück­zubleiben und im ganzen somit jenes abenteuerliche Wagnis von Spagat und Grätsche einzugehen.

Was an objektiver Zeit, sobald befragt, als objektiver Punkt in Gegensatz zu objektiver Ausdehnung tritt, so daß objektive Zeit in Punkt und Ausdehnung sich zu zersetzen droht und so zum Rätsel wird, ist denn auch eben diese zweite Hälfte seiner selbst, als die ein Subjekt für sich unwissentlich erst einmal im Hintergrund bleibt und von daher dann genauso unwissentlich für sich auch noch zusätzlich zu seiner ersten Hälfte in den Vordergrund tritt, wenn es nach dem Wesen und dem Ursprung objektiver Zeit fragt. Und so ist es letzt­lich auch nichts anderes als dieses Subjekt selbst, das Grätsche und Spagat am Ende bis zur Selbstzerreißung treiben muß: zumindest soweit jedenfalls, daß dieses Subjekt dadurch für sich selbst, nämlich als das, wonach es damit selber fragt, nicht mehr erkennbar werden kann.1"

Dies aber hat des weiteren zur Folge, daß wie objektive Zeit auch jeder objektive Geist und jedes objektive Subjekt freilich Rätsel über Rätsel für ein Subjekt bleiben muß, solange dieses sich als subjektives Subjekt, und das heißt, als subjektive Zeit des Intendierens nicht auch noch erkennen kann. Denn immer schon zu unterstellen, daß etwas ein anderer Geist oder ein anderes Subjekt, eben eine andere Intention sei, wie man selbst, heißt ja durchaus nicht auch schon

18 Vgl. dazu oben Teil /, S 15-16.

immer zu erkennen, was es als ein anderer Geist oder ein anderes Subjekt oder eine andere Intention ist, wie man selbst. Ein Fall von Selbstbewußtsein nämlich ist gerade nicht auch immer schon ein Fall von Selbsterkenntnis, die vielmehr durch Reflexion erst immer zu gewinnen ist.1'' Und so kann immer erst heraus aus Selbsterkenntnis mittels Reflexion dann auch noch Fremderkenntnis zur Erkenntnis eines anderen Subjekts als eines anderen Selbstbewußtseins werden, nämlich immer erst, indem ein Subjekt eben nicht nur Selbstbewußtsein, sondern auch noch Selbsterkenntnis aus sich selbst heraus in Anderes als sich selbst hineinträgt.

Tritt indessen Reflexion nur auf, indem sie als intentio obliqua bloß zur rückgewendeten intentio recta wird, geht Reflexion denn auch von vornherein schon fehl. Als solche nämlich geht sie dann gerade dahin, daß es so wie Raum auch Zeit als Objekt unter ande­ren Objekten einfach gibt, bis hin zu Newtons absolutem Raum und absoluter Zeit, womit recht eigentlich jedoch ursprünglich objektiver Raum und objektive Zeit gemeint ist: Raum und Zeit als etwas Eigenständig-Objektives. Denn auch dann, wenn schließlich gegen Newton eingesehen wird, daß Zeit und Raum gerade nicht ursprünglich objektiv, sondern ursprünglich subjektiv sind, bleiben beide durchaus etwas Absolutes, nämlich autonome und als solche absolute Wirklichkeit der Selbstverwirklichung von Subjektivität als Geist, der jeglicher Natur als der heteronomcn Wirklichkeit des Wahrgenommenen für Wahrnehmung auch immer schon zugrunde liege, wie nach Kant. Und in der Tat kann die Entdeckung Einsteins als informativ-synthetische empirische Erkenntnis ihrer Relativität ja keineswegs besagen, relativer Raum sei relativ und relative Zeit sei relativ, weil dies doch analytisch-uninformativ sein müßte. Vielmehr kann sie nur bedeuten, daß von sich her subjektiver und als solcher absoluter Raum wie auch von sich her subjektive und als solche absolute Zeit zum relativen und zur relativen werden muß, wenn subjektiver Raum zum objektiven und wenn subjektive Zeit zur

19 Von grundlegender Wichtigkeit ist es für Sie sonach, sich klarzuhalten: Unterstellung anderer Subjektivität erfolgt bereits aus bloßem Selbstbe­wußtsein und durchaus nicht etwa erst aus zusätzlicher Selbsterkenntnis, die dazu mithin auch nicht erforderlich ist. Und so kann denn solche Unterstellung, was im folgenden noch wichtig werden wird, auch dort bereits erfolgen, wo ein bloßes Selbstbewußtsein und noch keine Selhst«'-

kcnntms.auhmt (vgl. §§ 3 1-33).


 

objektiven wird, nämlich objektiviert zur Form von wahrgenommenen Objekten durch und für das jeweils wahrnehmende Subjekt.

Nur kann dieses eben nicht mehr eine Angelegenheit der Empirie sein, sondern nur noch die der Nichtempirie von Philosophie als Reflexion. Und diese steht und fällt gerade damit, daß sie als intentio obliqua nicht zu bloßer rückgewendeter intentio rccta fehlschlägt, was jedoch erst durch den Rückgang in den tiefsten Grund von Subjekti­vität als subjektiver Zeit gelingen kann, den das Modell für sie er­möglicht. Denn auch umgekehrt wird erst aus subjektiver Zeit als tiefstem Grund von Subjektivität heraus am Ende herleitbar, daß objektive Zeit nichts anderes als das Ergebnis jener Übertragung subjektiver Zeit auf objektiven Raum hin sein kann. Daraus aber folgt des weiteren, daß jede Art von relativer, nämlich äußerer Bewe­gung oder Ruhe von Objekten innerhalb von objektivem Raum und objektiver Zeit dann auch nur schwacher Abglanz absoluter, nämlich innerer Bewegung von Subjekten innerhalb von bloßer subjektiver Zeit sein kann. Und absolute ist sie unter anderem gerade in dem Sinn, daß ein Subjekt als subjektive Zeit des Intendierens eben jeder­zeit nur in Bewegung ist und keinrzeit etwa in Ruhe - jedenfalls solange es als solcher Geist am Leben ist -, gleichviel, ob dieses Subjekt seinem Körper oder Leib nach als Objekt in objektivem Raum und objektiver Zeit nun in Bewegung ist oder in Ruhe. Als Leibhaftigkeit solcher Zeithaftigkeit ist Subjektivität nämlich ur­sprünglichste Lebendigkeit von Geist, der seinen Körper oder Leib als Objekt innerhalb von objektivem Raum und objektiver Zeit in äußere Bewegung oder Ruhe setzt, indem er ihn als das Vermögen zu sich selbst verwirklicht, um als solche Intention durch ihn auch an­dere Objekte innerhalb von objektivem Raum und objektiver Zeit in äußere Bewegung oder Ruhe noch zu setzen.

Und so kann auch immer erst auf Grund von solcher autonom-intentionaler innerer Bewegung, nämlich immer erst durch Rück­nahme von ihr als der dem Objekt auch schon immer unterstellten, schließlich eine bloße natural-heteronome äußere Bewegung oder Ruhe für ein Subjekt noch erkennbar werden: ein Kausalverhältnis zwischen einem bloßen objektiven Objekt als der Ursache bzw. Wir­kung eines andern bloßen objektiven Objekts innerhalb von bloßer objektiver Zeit. Und diese ist denn auch nur Grenzfall äußerster Entäußerung von Subjektivität als subjektiver Zeit hinein in Objekti­vität als objektive Zeit zur Intention auf Empirie, für die dann Sub-


jektivität als subjektive Zeit auch unerkennbar werden muß - als subjektives Subjekt ebenso wie auch als unterstelltes objektives Sub­jekt oder subjektives Objekt - und erst für Nichtempirie der Refle­xion erkennbar werden kann: mithin als objektives Subjekt oder subjektives Objekt auch allein vom subjektiven Subjekt her.

Denn auch schon dem zuvor, nämlich zunächst einmal noch refle­xionslos-unerkannt, sind wir doch Intersubjektivität der Kommuni­kation und Interaktion miteinander immer nur, indem ein jeder von uns immer schon von sich her subjektives Subjekt ist, als das er immer schon auf subjektives Objekt oder objektives Subjekt aus ist: eben als leibhaftiges Subjekt auf anderes leibhaftiges Subjekt. Begeg­nen nämlich können wir uns als das schlechthin Innere von subjekti­ver Zeit des Intendierens immer nur im schlechthin Äußeren von Körper oder Leib als Objekt innerhalb von objektivem Raum und objektiver Zeit, indem wir uns als solches Innere in solchem Äußeren selbst äußern: Geist für Geist in Leib für Leib als dem durch Geist beseelten Körper, dadurch nämlich, daß er als Objekt in objektivem Raum und objektiver Zeit gerade nicht heteronom-naturgesetzlich, sondern eben geistgesetzlich-autonom in Ruhe oder in Bewegung ist und so als dieses Innere in diesem Äußeren sich äußert. Denn zu meinen, daß ein Geist auch ohne Körper oder Leib sich äußern könnte, wäre Spiritismus.

Und so kann dies jeder von uns denn auch immer nur vorüberge­
hend, eben immer nur als schlechthin innere Bewegung subjektiver
.Zeit von Geist. Denn trotz der Spuren, die er als ein Intendieren
nicht allein am eigenen Körper, sondern auch an andern Körpern
jeweils hinterläßt, ist solcher Geist dann etwas, das in jedem solchen
Körper als dem trotz aller Veränderungen Bleibenden oder Beharr­
lichen gerade niemals bleibt oder beharrt, sondern entsteht genauso-
wie vergeht und neuentsteht und damit eben radikal vorübergeht als
schlechthin Flüssig-Flüchtiges von Geistesleben. Dieses nämlich ist
von solcher Art, daß es als Intention gerade immer wieder neu ergeht
und so auch immer wieder neu von absoluter ebenso wie autonomer
Individualität der Subjektivität als immer wieder neuer subjektiver
Zeit ist, welche sie zu immer wieder neuer objektiver Zeit auf objek­
tiven Raum hin auch nur aus sich selbst her überträgt. Hat so etwas
wie Geistesleben doch auch nur in solcherart Ergehen seine unteil­
bare Einfachheit im Sinn von autonomer ebenso wie absoluter Ein-
heit.

 

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Das können Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, nirgends deutli­cher verfolgen denn an Sprache als verschriftlichter. So habe ich zum Beispiel bei der Niederschrift des Ihnen vorliegenden Objekts, das ein Buch genannt wird, als ein Geist gelebt, will sagen, mich als Inneres in Äußerem bewegt, indem ich Tinte auf Papier in ganz bestimmter Form verteilte und mit ihr die Intention verfolgte, Ihnen als intentio obliqua etwas zu verstehen zu geben. Davon aber konnte damals schon und kann darum erst recht auch weiterhin nichts blei­ben; dieses Leben meiner selbst als eines Geistes war vielmehr schon damals etwas schlechterdings Vorübergehendes und ist darum erst recht auch weiterhin schlechthin vorüber. Bleiben konnte davon viel­mehr nur das Objekt, das dabei als Form von Tinte auf Papier zurückblieb und zuletzt als Vorlage für die Vervielfältigung durch die J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart diente. Bleiben kann davon mithin erst recht auch weiterhin nur allenfalls ein solches Objekt, das ein Fxemplar von diesem Buch genannt wird, wie Sie es in Händen halten.

Dieses Objekt aber werden Sie nach allem, was Sie darin mittler­weile schon gelesen haben, doch wohl kaum als objektives Subjekt oder subjektives Objekt ansehen wollen, also kurzerhand als mich. Das war ich nämlich nur, solange ich als innere Bewegung subjektiver Zeit von ganz bestimmtem Intendieren mich in äußerer Bewegung meines Leibes äußerte, indem ich durch ihn als Objekt in objektivem Raum und objektiver Zeit auch noch ein anderes Objekt in objekti­vem Raum und objektiver Zeit bewegte, nämlich durch die Finger meiner Hand die Tinte eines Schreibzeugs auf Papier in ganz be­stimmte Form verteilte und auf solche Weise dieses Buches erstes Exemplar herstellte, das es nicht mehr gibt. Nur war ich dabei objek­tives Subjekt oder subjektives Objekt immer nur für mich allein, vor allem aber dem zuvor schon immer subjektives Subjekt, das als solches dabei ständig zwischen bloßem und nicht bloßem, sondern mittels Reflexion auch nichtempirisch noch erkanntem Selbst- als Fremdbewußtsein der empirischen Erkenntnis wechselte. Als solches hätten Sie mich darum nur erleben können, wenn wir jener Intersubjektivität des Spiritismus fähig wären.

Vielmehr war ich als ein solches subjektives Subjekt außer für mich selbst auch noch für andere Subjekte objektives Subjekt oder subjek­tives Objekt immer nur, wenn ich mich äußerte wie in den Vorlesun­gen vor Studenten und Studentinnen: sei es als Sprechender am Pult


'                                Subjektivität und hilt'rsitbjektn'ität

oder als Schreibender auch an der Tafel. Doch der eine wie der andere war ich dabei desgleichen immer nur als ein vorüber Gehen­der und sonach mit der Zeit vorüber auch Gegangener, eben als Geist. Von diesem aber ist in Druckerschwärze auf Papier genauso­wenig übrig wie in Kreideweiße an der Tafel nach der Vorlesung. Zu diesem können Sie vielmehr nur nachträglich noch gleichartigen zu erzeugen trachten, nämlich immer nur, indem Sie durch sich selbst als innere Bewegung Ihren Leib in äußere Bewegung setzen, um nicht weniger vorübergehend solche Farbform auf Papier ganz so, als würde sie dabei von Ihnen allererst gestaltet, zu durchlaufen, wozu Sie in erster Linie Ihre Augen oder Ihren Kopf bewegen. Und genau das tun Sie denn auch jedesmal, wenn Sie als subjektive Zeit des Intendierens sich in objektiver Zeit entlang von objektivem Raum der Farbform auf Papier bewegen, um das durch sie zu verstehen Gegebene auch tatsächlich zu verstehen. Und so kann eben immer nur im Leben Ihres Geistes noch etwas vom Leben meines Geistes neu lebendig werden, wie zum Beispiel auch etwas vom Geistesleben Kants schon immer nur in meinem oder dem von anderen Subjekten neu lebendig werden konnte. Dadurch nämlich läßt sich innerhalb von individuell verschiedenem, wenn auch gleichgestaltetem Empi-risch-Naturalen wie der Farbform auf Papier dann wenigstens im Nachvollzug durch Lesen zeitversetzt noch nachholen, was im Urvollzug durch Zuhören oder Zusehen jeweils zeitgleich statthat: Inter-subjektivität als Austausch zwischen Geist und Geist durch die Be­gegnung beider innerhalb von individuell demselben Natural-Empirischen als ihrem Medium.

Und bloß, weil solcher Geist ursprünglich nichts Empirisch-Naturales und so auch nichts Wahrnehmbares sein kann, für sich selbst so wenig wie für andern, müßten wir den Geist aufgeben, also letztlich wir uns selbst: der Geist den Geist durch Geist, um geistlos-geist­reich, nämlich reflexionslos-empiriebesessen so zu tun, als wüßten wir von nichts denn von Natur, als ginge uns von etwas Anderem denn von Natur jegliches Wissen ab? - Ausgerechnet uns, die wir von ihr doch überhaupt nur innerhalb der Welt, die wir uns selbst eröffnen, wissen können, nämlich überhaupt nur innerhalb von ob­jektivem Raum und objektiver Zeit, zu denen wir uns selbst als subjektiven Raum und subjektive Zeit objektivieren müssen? Denn wir können überhaupt nur aus uns selbst, nämlich aus nichtcmpirischem Bewußtsein von uns selbst als solcher Zeit und solchem Raum


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Herleitung von Veränderung und ihres (jntndes

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heraus dann zum empirischen Bewußtsein der empirischen Erkennt­nis von Natur als etwas Anderem für uns selbst noch werden.

Nur bedürfen wir, um auch von uns als diesem Nichtempirischen von Selbstbewußtsein, das zum Fremdbewußtsein der empirischen Erkenntnis von Empirischem als Anderem zu uns wird, noch zu wis­sen, eben auch noch einer nichtempirischen Erkenntnis, nämlich auch noch einer Reflexion von uns auf uns als solches Selbstbewußtsein und mithin auch noch einer Philosophie von uns und Welt, weil wir als solches Selbstbewußtsein ja durchaus nicht auch schon Selbsterkenntnis sind. Und philosophisch wissen wir denn außer von Natur sehr wohl auch noch von uns und Welt, wenngleich gerade nichtem­pirisch, weil empirisch in der Tat von nichts als von Natur.

Nur daß wir freilich mit der Reflexion von uns auf uns und Welt auch fehlgehen können, weil zunächst einmal nichts näher für uns liegt, als auch intentio obliqua lediglich als auf uns selbst zurückge­wendete intentio recta zu vollziehen und somit bloß als auf uns selbst zurückgewandte Empirie: Ganz so, als ob wir auch uns selbst wie etwas Anderes als uns selbst gewinnen müßten, uns in keiner Weise als uns selbst gewinnen könnten. Und so scheuen wir denn auch vor nichts zurück, selbst davor nicht, daß wir dann Geist gerade dahinge­hend sind, uns selbst als Geist zu leugnen, nämlich auch uns selbst nur als Natur noch hinzustellen.

Uns endlich davon zu befreien, sehe ich nur eine Möglichkeit, nämlich die ursprüngliche Einsicht in uns selbst als Zeit, die das Modell für sie uns bietet, zu bewahren. Denn durch sie sind wir dann zu uns selbst als Geist auch schon zumindest unterwegs, weil wir durch sie uns einen Weg dahin, so oft wir ihn auch danach noch verfehlen mögen, wenigstens eröffnet haben.